Berlin/Kiew – Dramatischer Appell von Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko. Nach dem schweren russischen Luftangriff auf Kiew hat er den Einwohnern zum zeitweiligen Verlassen der Dreimillionenstadt geraten. Grund: 6000 Wohnblocks, die Hälfte der Mehrfamilienhäuser der ukrainischen Hauptstadt, könnten derzeit nicht geheizt werden, schrieb Klitschko auf Telegram. „Die städtischen Dienste arbeiten im Notfallmodus.“
Der Angriff der vergangenen Nacht sei für die Infrastruktur von Kiew der bislang folgenschwerste des Krieges gewesen. Die Lage werde durch den strengen Winter verschärft. Wer anderswo Energie und Wärme finden könne, sollte die Hauptstadt vorübergehend verlassen, schrieb Klitschko.
Dies war kein offizieller Aufruf zur Evakuierung, sondern als Ratschlag an die Kiewer gemeint, auf ihre ofengeheizten Datschen zu fahren oder sich bei Verwandten und Freunden in weniger betroffenen Orten einzuquartieren.

Vitali Klitschko (54) ist Kiews Bürgermeister
Foto: Giorgos Moutafis / BILD
Eine Bewohnerin (36) vom linken Ufer Kiews beschreibt BILD ihre Lage. Die vergangene Nacht sei schrecklich gewesen: „Die ganze Zeit gab es Explosionen, alles in meiner Nähe. Die Wohnung wurde immer wieder von einem orangefarbenen Leuchten erhellt. Ich habe die ganze Nacht ein Heiligenbild in den Händen gehalten und gebetet.“ Jetzt hätten sie und ihr Mann weder Strom noch Wasser noch Heizung. „Gott sei Dank, wir leben. Aber es gibt Tote und Verletzte.“

Feuerwehrleute löschen ein Feuer in einem Wohnhaus, das am 9. Januar beschossen wurde
Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa
In der Hauptstadt und im Umland waren nach Angaben des Energieministeriums am Freitagmorgen etwa 500.000 Verbrauchsstellen ohne Strom. Nach Zählung der ukrainischen Luftwaffe hatte die russische Armee Kiew in der Nacht mit mehr als 200 Drohnen sowie Dutzenden Raketen und Marschflugkörpern attackiert. Dabei wurden mindestens vier Menschen getötet. Präsident Wolodymyr Selenskyj teilte mit, 20 Wohnblocks seien beschädigt worden.