Seit Jahren preist Ungarns Premier Viktor Orban ihn unermüdlich als „Mann des Friedens“. Für die Waffenruhe zwischen Israel und den Palästinensern lobte er den US-Präsidenten Donald Trump in den höchsten Tönen. Orban behauptet auch: Wäre Trump 2022 Präsident gewesen, hätte Russland seinen Krieg gegen die Ukraine niemals begonnen. Trump ist Teil von Orbans „Friedensrethorik“ – ein Eckpfeiler im gegenwärtigen Wahlkampf des ungarischen Premiers.
Doch als der „Mann des Friedens“ am 3. Januar Venezuela angreifen und den Diktator Nicolas Maduro kidnappen ließ, herrschte in Orbans Kommunikationskanälen stundenlanges Schockschweigen. Am Abend erschienen auf der Facebook-Seite des Premiers zwei dürftige Sätze: Es gebe nach der Militäraktion in Venezuela „keine ungarischen Betroffenen oder Verletzten“. Man sei mit den ungarischen Botschaften der Region in Kontakt, damit kein Ungar in Gefahr gerate.
Erst zwei Tage später fand Viktor Orban auf seiner regulären Pressekonferenz am Jahresanfang einen Dreh, mit dem er Trumps Angriff auf Venezuela erklären konnte. Es gehe um die „Beseitigung eines Narko-Staates“. Das sei für Ungarn eine „freudige Nachricht“. Später ließ der Premier zu seinen Worten auf Facebook ein Kurzvideo posten, das ungarische Polizisten bei einer Anti-Drogen-Razzia zeigte. Stellungnahmen zum Völkerrecht sind von Orban bisher nicht zu hören. Damit Trump in Ungarn nicht als „Mann des Krieges“ dasteht, spricht Orban von einer „Venezuela-Krise“.
Kalt erwischt
Der von Trump befohlene Angriff auf Venezuela und das Diktatoren-Kidnapping hat die mittel- und südosteuropäischen Staaten, von denen die meisten als besonders US-freundlich gelten, kalt erwischt – darunter vor allem jene, in denen Populisten und autoritäre Trump-Fans an der Macht sind. Obwohl viele der Letzteren selbst trickreich an geltenden Rechtsordnungen vorbeiregieren oder sie nach Belieben verändern, herrscht bei ihnen nach dem Überfall auf Venezuela nun überwiegend eine Mischung aus Schockstarre und Schmallippigkeit, bei manchen auch Entsetzen.
Trump bei einer Pressekonferenz nach der Gefangennahme von Nicolas MaduroBild: Molly Riley/Avalon/Photoshot/picture alliance
Der ungarische Publizist Imre Para-Kovacs analysiert die Stimmung in der Region im Wochenmagazin HVG so: „Venezuela ist das erste Land. Aber auch die Holzkopf-Politiker Europas könnten sich schnell in einem New Yorker Gefängnis wiederfinden.“
Andere Beobachter weisen darauf hin, dass die Gefahr in Trumps neuer Weltordnung für Mittel- und Südosteuropa nun vor allem aus Russland komme. Für Polen sieht der Publizist Artur Bartkiewicz „sehr dunkle Wolken am Horizont aufziehen“, wie er in der Zeitung Rzeczpospolita schreibt. Die polnische Sicherheitsexpertin Justyna Gotkowska urteilt in einem Facebook-Beitrag, Russland werde „die USA und ihre Bereitschaft zur Verteidigung der bisher aufrechterhaltenen Grenzen auf die Probe stellen“.
Das Schweigen der Souveränisten
Es ist unklar, ob sich Polens rechtspopulistischer Staatspräsident Karol Nawrocki dessen bewusst ist. Er schweigt bis heute zum US-Angriff auf Venezuela. Auch sonst herrscht im Lager der polnischen Rechtspopulisten und Rechtsextremen eher Schweigen oder die Ansicht, man solle sich möglichst wenig und höchstens vorsichtig äußern, um den langjährigen Verbündeten USA nicht zu verprellen.
Außenminister Radoslaw Sikorski schreibt dazu auf X sarkastisch: „Es vergeht ein weiterer Tag, an dem unsere Souveränisten die Souveränität Venezuelas nicht verteidigen. Gilt sie etwa nur gegenüber der Europäischen Union, die sie nicht bedroht?“
Der tschechische Premier Andrej BabisBild: Petr David Josek/AP Photo/picture alliance
In Tschechien reagierte der Rechtspopulist Andrej Babis, der seit wenigen Wochen erneut als Regierungschef amtiert, ebenfalls vorsichtig und mit einem betroffenen Unterton. „Hoffen wir, dass all dies dazu führen wird, dass die Bürger Venezuelas Freiheit und Demokratie genießen können und dass sie eine demokratische Regierung wählen werden.“
Der Milliardär Babis wird mitunter als „tschechischer Trump“ tituliert und ist selbst jemand, der seine Positionen je nach politischer Konjunktur oder Interessenlage schnell wechselt. Gegen ihn wird seit Jahren wegen Subventionsbetrugs ermittelt, auch steht er wegen Interessenkonflikten zwischen Politik und Geschäftsaktivitäten in der Kritik.
Entsetzen bei Fico
Anders als seine mitteleuropäischen Verbündeten in Polen, Tschechien und Ungarn reagierte der slowakische Premier Robert Fico. „Das Völkerrecht gilt nicht mehr, militärische Macht wird ohne UN-Mandat genutzt und jeder, der groß und stark ist, tut was er will, um seine eigenen Interessen durchzusetzen“, schrieb Fico nur Stunden nach dem US-Angriff auf Venezuela entsetzt auf Facebook. „Als Ministerpräsident eines kleinen Landes muss ich eine solche Verletzung des Völkerrechts entschlossen zurückweisen. Ich bin gespannt, wie die EU auf den Angriff auf Venezuela reagieren wird, der es verdient, verurteilt zu werden.“
Einen Tag später legte Fico etwas milder nach und sagte, er werde alles dafür tun, dass die Slowakei sich „niemals in militärische Abenteuer“ verstricke. Ansonsten aber bleibe seinem Land nicht viel übrig, als dem Konflikt zwischen den USA und Venezuela „tatenlos zuzusehen“.
Der slowakische Premier Robert FicoBild: Roman Hanc/TASR/dpa/picture alliance
Fico steht – anders als Nawrocki, Babis und Orban – Trump eher distanziert gegenüber. Der slowakische Premier ist nominell Sozialdemokrat, hat sich aber in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem nationalistischen Rechtspopulisten entwickelt. Derzeit versucht er, die Slowakei nach Orbanschem Vorbild umzubauen. Kritik daran sieht er zunehmend als anti-slowakische Verschwörung, vor allem, nachdem im Mai 2024 ein Attentat auf ihn verübt wurde, das er fast nicht überlebt hätte.
Macht des serbischen Präsidenten bedroht
Mit blankem Entsetzen reagierte auch der serbische Staatspräsident Aleksandar Vucic auf den US-Angriff auf Venezuela. „Die internationale Rechtsordnung und die UN-Charta funktionieren nicht mehr“, sagte Vucic bei einem Treffen des Nationalen Sicherheitsrates in Belgrad am 3. Januar. „Die Welt wird vom Gesetz der Gewalt, dem Gesetz des Stärkeren beherrscht, und das ist das einzige Prinzip der modernen Politik, das es heute in der Welt gibt.“
Der serbische Präsident Aleksandar VucicBild: Filip Stevanovic/Anadolu/picture alliance
Es sind Worte, die aus dem Mund von Serbiens Machthaber halb grotesk, halb zynisch klingen. Der Nationalist und Rechtspopulist Vucic, einst Informationsminister des Diktators Slobodan Milosevic, regiert im größten Land des Westbalkans seit über zehn Jahren autokratisch und oft am Rande der Legalität. Er versuchte, Trumps Wohlwollen auf vielfältige Weise zu gewinnen, zuletzt mit einem umstrittenen Immobilienprojekt in Belgrad unter Führung von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, das jedoch scheiterte.
Derzeit steht Serbiens Ölindustrie wegen der US-Sanktionen gegen den russischen Energiesektor stark unter Druck. Außerdem bedrohen seit über einem Jahr andauernde Bürgerproteste Vucics Macht.
Einsame Herrscher
Insgesamt wird durch Trumps Politik in Mittel- und Südosteuropa sichtbar, wie einsam die nationalistischen und populistischen Herrscher mit ihren jeweils ganz spezifischen Interessen dastehen. Das gilt besonders für Ungarns Premier Orban, der seit Jahren darum bemüht ist, eine mächtige Allianz der Rechtspopulisten und Rechtsextremen zu schmieden – mit mäßigem Erfolg.
Orban könnte nun auch größter Leidtragender der Politik jenes Mannes werden, den er seit Jahren so heftig umschmeichelt. Ungarns Premier brüstete sich lange damit, dass er der treueste und engste Verbündete des US-Präsidenten in Europa sei und dass er, zusammen mit Trump, für Frieden in Europa und der Welt stehe – während in Brüssel „Kriegstreiber“ an der Macht seien. Dieses Narrativ ist nun zusammengebrochen.
Orban scheint die Gefahr für die Parlamentswahl im April zu erkennen: An diesem Freitag (9.1.2026) postete er auf Facebook einen persönlichen Brief Trumps von Anfang Dezember vergangenen Jahres. Darin bedankt sich der US-Präsident bei Orban für eine Einladung nach Ungarn, lässt aber offen, ob und wann er kommt. Für Orban, soviel ist klar, wäre ein Wahlkampfbesuch Trumps von höchster Wichtigkeit.