Kiel. „Das ist, wie wenn man eine alte Liebe wiedertrifft, von der man sich einst getrennt hatte, weil es für beide Seiten besser war“, schwärmt Georg Fritzsch. Und beim Wiedertreffen ganz vertraut genau da anknüpfen könne, was man gemeinsam geschaffen habe.
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Der 62-jährige Dirigent, der noch bis 2027 Generalmusikdirektor (GMD) am Staatstheater in Karlsruhe und Chef der traditionsreichen Badischen Staatskapelle ist, schwärmt am Pult der Kieler Philharmoniker von seinen „besten Jahren“ als GMD an der Förde. Jetzt probt er im Festsaal des Kieler Schlosses Carl Orffs Repertoire-Hit „Carmina burana“ mit seinen berauschend pulsierenden Rhythmen und betörend eigenwilligen Klangmixturen und Harmonien.
Georg Fritzsch probt im Konzerthaus Carl Orffs „Carmina burana“
Als er die Probe pünktlich mit dem Zitat „Die Frist ist um“ aus dem „Fliegenden Holländer“ von Richard Wagner (auch so ein Sachse mit Mutterwitz und Maximalenergie!) beendet, kann er zum ersten Mal nach sechs Wochen den nun (fast) fertigen Saal im Konzerthaus in Augenschein nehmen. Jovial plauscht er mit der kleinen Heerschar von Handwerkern, die inzwischen Tag und Nacht daran arbeiten, dass er am Sonnabend im Festakt sowie am Sonntagvormittag und Montagabend die ausverkauften Eröffnungsevents musikalisch leiten kann.
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Für Georg Fritzsch schließt sich damit ein Kreis. Denn niemand hat so sehr dafür gekämpft, der Landeshauptstadt einen würdigen und voll funktionsfähigen Konzertsaal zurückzugeben, wie er in seiner 16-jährigen Amtszeit in der Theaterleitung. Dass er die Dirigate übernehmen kann, ist Glück im Unglück. Intendant Daniel Karasek hatte nach dem kollektiven Schock über den plötzlichen Tod vom amtierenden GMD Gabriel Feltz Ende August vermutlich mit wenig Hoffnung bei ihm den Einspringer angefragt.
Zwar lebt Fritzsch weiter in Schleswig-Holstein am Wittensee, ist aber als Karlsruher GMD, Professor an der Musikhochschule München und vielgefragter Gastdirigent eigentlich ausgebucht. „Aber in dieser Woche, außer dass ich jetzt eigentlich in der Hochschule sein wollte, hatte ich eigentlich nichts im Kalender stehen“, sagt Fritzsch. Nach der viel gelobten Karlsruher „Lohengrin“-Premiere, zwei Wiederaufnahmen und zwei Neujahrskonzerten gastiert er übernächste Woche in Dessau.
„In Anbetracht der für das Kieler Theater insgesamt schwierigen Situation auch für mich ein glücklicher Umstand, den ich mit einem lachenden, aber vor allem auch einem weinenden Auge betrachte.“ Denn er sei zwar mit Gabriel Feltz nicht näher befreundet gewesen, habe ihn aber als Kollegen sehr geschätzt.
Diese Konzerte sind für mich ein glücklicher Umstand, den ich mit einem lachenden, aber vor allem auch einem weinenden Auge betrachte.
Georg Fritzsch
2003 bis 2019 GMD in Kiel
„Und wir waren hier vor 2003 Konkurrenten um die GMD-Stelle, kannten uns gut, weil wir zu den ersten Geförderten im Deutschen Dirigentenforum gehörten.“ Außerdem hätten sie telefoniert, seit Feltz in Kiel GMD wurde. „Zuletzt rief er mich nach der ersten ‚Rosenkavalier‘-Orchesterprobe an, um sich sehr lieb für meine langjährigen Richard-Strauss-Vorarbeiten zu bedanken – unser letztes Telefonat.“
Jetzt also der „Carmina burana“-Knaller, an dessen Kieler con-spirito-Mitsingkonzert im Schloss (2009 mit 560 Sängern, Heide Simonis inklusive …) Fritzsch sich gerne erinnert. Auch wenn er jetzt noch Bernd Frankes Konzert für Saxophonquartett und Orchester „Blue Green“ dirigiert, handelt es sich um einen erstaunlichen Zufall in Feltz‘ unverändert übernommener Repertoirewahl: Die Uraufführung hatte Fritzsch 2004 nämlich genau hier realisiert.
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Vehement bestreitet er das Gerücht, er habe jemals etwas gegen den Saal am Kieler Schloss gehabt, nur weil er auch einen Neubau angeregt hatte. „Ich war lediglich einer von den ganz wenigen, die gesagt haben: Es muss eine Lösung geben! Keiner hat in Kiel dran geglaubt.“ Obwohl er schon seit Sommer 2019 nicht mehr hier im Amt weilt, kommt Georg Fritzsch sofort auf maximale Betriebstemperatur, wenn er den Kampf Revue passieren lässt. Alle Namen hat er sofort parat: die der Mitstreiter, die der Politiker in Stadt und Land, der „Wirtschaftslenker“ …
Georg Fritzsch: Saal im Schloss drohte zur Schrottimmobilie zu verkommen
„Aus meiner Sicht war der Game Changer, dass ich den damaligen Oberbürgermeisterkandidaten Kämpfer durchs Haus geführt habe und mit der Problematik hier vertraut gemacht habe“, sagt Fritzsch, „und gesagt habe: Wo ist die Lösung? Wenn nichts passiert, wird hier mitten in der Stadt in einer Toplage sehr bald eine Schrottimmobilie, eine Ruine stehen.“
Mit einer Initiative von Persönlichkeiten wie Gerhard Oppitz und Sportlern bis hin zu Mojib Latif im Rücken habe es dann beständig Lachsbrötchen-Frühstücke bei ihm im Theater gegeben – für Wirtschaftsbosse, kulturelle und politische Entscheidungsträger. Und erst als die sich dann auch noch verhakt hatten „und die Brötchen ungegessen blieben, habe ich 2014 selbst hingeschmissen“.
Das habe dann doch wieder zu Bewegung geführt – und die Gründung des Fördervereins möglich gemacht. Auf den damaligen privaten Eigentümer des Areals, Peter Marschall, will er dabei nichts kommen lassen. „Der hat Daseinsfürsorge betrieben.“
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Jetzt lobt Fritzsch den Rückkauf und die strategische Anbindung des Konzerthauses ans Theater als Heimstätte des Orchesters. Alles gut also? „Für mich der einzige Wermutstropfen: die Orgel, die jetzt fehlt. Die muss wieder her! Sie ist architektonisch wichtig und vor allem künstlerisch. Das muss ein ganz großes Engagement der Kielerinnen und Kieler werden – und der Leute, die Verantwortung tragen.“
KN