Ein zentrales Beispiel ist der kamerunische Schiffsschnabel Tangué. Er wurde 1884 vom deutschen Konsul Max Buchner während militärischer Auseinandersetzungen in Douala aus dem Haus von Kum’a Mbape entnommen und nach München gebracht. Die koloniale Aneignung ist ungewöhnlich gut dokumentiert. Trotzdem wird die Rückgabe des Objekts bis heute verweigert – mit Verweis auf rechtliche Fragen der Erbfolge.

Dr. Simon Goeke sagt dazu im Interview:

„Wenn man sich die Dauerausstellungen anschaut, sieht man: Viele Objekte stammen immer noch klar aus kolonialem Raub und wurden noch nicht restituiert. Wir sind da erst am Anfang und das gilt nicht nur für Museen.“

Warum die Aufarbeitung stockt

Ob im Stadtplan, auf dem Oktoberfest oder in den Museen: Die kolonialen Spuren in München sind sichtbar. Die Frage ist also nicht, ob sie existieren – sondern wie wir mit ihnen umgehen.

Die Aufarbeitung kommt nur langsam voran. Das liegt aber nicht daran, dass die Stadt nichts tut. In den vergangenen Jahren wurden Expert*innengremien eingesetzt, umfangreiche Dossiers erarbeitet und Kriterien entwickelt, um historisch belastete Straßennamen zu bewerten. Die Grundlagen sind da.

Und doch zieht sich die Umsetzung. Empfehlungen liegen vor, sagt Dr. Simon Goeke, nun sei es „ein Akt, der die Stadtverwaltungsebene betrifft“. Warum trotzdem so wenig passiert, erklärt er weniger mit fehlender Einsicht als mit politischen Abwägungen.

Gerade bei Straßennamen zeigt sich, wie unbequem Erinnerung sein kann. Umbenennungen seien erinnerungspolitisch sinnvoll, politisch aber heikel:

„Mit der Umbenennung von Straßennamen kann man wahrscheinlich keine neuen Wähler*innen gewinnen, aber es gibt viele Leute, die eine Partei nicht wählen werden, weil sie für die Umbenennung von Straßen ist.“

Auffällig ist dabei: Widerstand oder Zustimmung aus der Bevölkerung erklären den Stillstand nur bedingt. In Trudering sprach sich eine Bürgerversammlung gegen Umbenennungen aus, in Bogenhausen hingegen ausdrücklich dafür – passiert ist in beiden Fällen bislang wenig. Für Goeke zeigt das, dass Entscheidungen weniger vom Votum der Bürger*innen abhängen als von politischer Vorsicht:

„In der politischen Gemengelage sieht keine der regierenden Parteien einen Vorteil darin, Straßen umzubenennen.“

Die Aufarbeitung stockt also nicht, weil sie abgelehnt wird – sondern weil sie als konfliktträchtig gilt.

Bewegung kommt aus der Zivilgesellschaft

Während politische Entscheidungen Zeit brauchen, wird die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in München vor allem von zivilgesellschaftlichen Initiativen vorangetrieben. Projekte wie mapping.postkolonial.net, Stadtführungen oder die Ausstellung Decolonize München im Münchner Stadtmuseum 2014 machen Kolonialgeschichte an konkreten Orten in München fest – und verschieben damit den Blick auf die Stadt.

Warum dieser Ansatz so zentral ist, erklärt Dr. Simon Goeke im Interview: „Auch wenn München jetzt keinen Hafen hatte und nicht die Hauptstadt war, hat der Kolonialismus auch hier Spuren hinterlassen.“ Entscheidend sei, wie diese Geschichte erzählt werde: „Geschichte wird dadurch greifbarer und anschaulicher, wenn man sie mit Orten verbindet, an denen Leute wohnen – also zum Beispiel mit Straßen, Gebäuden oder Denkmälern.“