Wie ein Tiroler Büro globale Architektur denkt – und die Alpen neu lesbar macht

Als Snøhetta 2015 das Studio in Innsbruck eröffnete, war das mehr als ein geografischer Schritt. Es war eine Rückkehr zu jenen Ursprüngen, in denen sich alpine Landschaft, Materialkultur und offene Zusammenarbeit verbinden. Auch biografisch ist Innsbruck tief verankert: Kjetil Trædal Thorsen lehrte selbst an der Universität Innsbruck – unter seinen Studierenden Patrick Lüth, der dann auch im Osloer Büro arbeitete. Aus dieser Verbindung wuchs eine Partnerschaft, die 2011 mit Lüths Aufbau des Studios begann und 2015 offiziell wurde. Heute zählt das Studio zu den prägendsten Kräften im alpinen Raum – fachlich fokussiert, international wirksam und tief verwurzelt im Dialog mit der Landschaft.

Snøhetta ist der Name eines Berges und nicht einer Person. Da passt Innsbruck besser als Wien oder München“, sagt Patrick Lüth, der den Standort seit 2011 aufbaut und seit der Studiogründung 2015 führt. Rund 35 ArchitektInnen und DesignerInnen arbeiten hier an Projekten in neun Ländern – vom alpinen Aussichtspunkt bis zur internationalen Großbibliothek.

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Swarovski Kristallwelten – Spielturm Kristalline Architektur für alle: öffentliche Räume, die Staunen ermöglichen.

Architektur, die öffnet statt abgrenzt

Snøhetta Innsbruck folgt einer klaren Haltung: Architektur soll nicht dominieren, sondern einladen. Besonders sichtbar ist das im alpinen Kontext, wo Projekte bewusst zurückhaltend auftreten und die Landschaft selbst ins Zentrum rücken. Das 2024 zum „Bau des Jahres“ ausgezeichnete Landmark „Top of Alpbachtal“ zeigt diese Philosophie exemplarisch. Ein Aussichtsturm aus traditionellen Schindeln, der Orientierung schafft, ohne sich aufzudrängen. Ähnlich der Perspektivenweg auf der Nordkette: Zehn feinsinnige Interventionen aus Cortenstahl und Lärche öffnen Blickachsen, zitieren Wittgenstein und machen die Hochgebirgsdramaturgie erlebbar. „Unsere Projekte in den Bergen folgen keiner Form, sondern einer Haltung“, sagt Patrick Lüth.

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Beijing City Library Terrassierte Innenlandschaften und Chinas größtes lasttragendes Glassystem: ein neuer Typus öffentlicher Bibliothek. 

Holzbau aus Tirol – ein Labor für morgen

Innerhalb des internationalen Snøhetta-Netzwerks gilt das Innsbrucker Studio als Kompetenzzentrum für nachhaltiges Bauen und Holzbau. Das mehrfach ausgezeichnete ASI Headquarters in Natters zeigt diese Philosophie exemplarisch – etwa durch die Auszeichnung zum Tiroler Holzbaupreis 2023 in der Kategorie „Gewerbliche Bauten“. Der viergeschoßige Holzbau verbindet eine nachhaltige Konstruktion mit einem innovativen Bürokonzept und einer grünen Fassade, die das Gebäude harmonisch in die Umgebung einbettet. Diese Verbindung von Innovation und Regionalität macht Innsbruck zu einem Labor, dessen Erkenntnisse längst in internationale Projekte einfließen.

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LOV.T Vibe, München Ein offener Campus im Grünen, in dem üppige Vegetation, transparente Fassaden und plastische Baukörper fließende Übergänge zwischen Innen und Außen schaffen.

Neue Erlebnisräume – vom Spielturm bis zum Hotel

Wie Architektur gebaute Räume zu Erlebnissen macht, zeigt der Swarovski Spielturm in Wattens – ein vertikales Spiel- und Entdeckungsfeld, das physische Erfahrung, Statik und Raumwahrnehmung neu verknüpft. Im Tourismus demonstriert das Studio die sensible Einbettung großer Baukörper in alpine Landschaft. Beim Falkensteiner Hotel Montafon verantwortete Snøhetta die Architektur, die Einbindung in die Landschaft und die räumlichen Konzepte. Die Baukörper staffeln sich in den Hang, nutzen die Topografie und rahmen gezielt Ausblicke – eine zeitgenössische Interpretation regionalen Bauens, geerdet und klar.

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Top of Alpbachtal, Tirol Ein Fenster zur Weite: Der hölzerne Aussichtspunkt ahmt das alpine Panorama mit raumhohem Glas nach und schafft einen stillen, geschützten Ort über den Gipfeln.

Wohnen: dichter, sozialer, sensibler

Statt Einfamilienhäusern, die hohen Bodenverbrauch verursachen, arbeitet das Studio an Zukunftsmodellen verdichteten Wohnens – etwa beim Wohnbau Kaspar-Weyrer-Straße in Innsbruck. Holzbauweise, kompakte Formen, gemeinschaftliche Außenräume: ein Beispiel, wie Wohnen im alpinen Raum künftig funktionieren kann.

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ASI Headquarters Natters Ein Holzbau, der atmet: Yakisugi-Fassade, grüner Vorhang und offene Arbeitsräume als nachhaltige Einheit.

Nachhaltigkeit als Grundlage

Jedes Projekt wird hinsichtlich CO₂-Bilanz und grauer Energie geprüft. Das Innsbrucker Team verfügt über eigene Expertise für Materialforschung und Klimastrategien. Ein Beispiel dafür ist die Sparkasse Kitzbühel, ein Holzbau mit Strohdämmung – brandschutztechnisch ein innovatives Tiroler Pilot­projekt.

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Kletterhalle, Völs Die klare, perforierte Hülle lässt Licht subtil einspielen, während farbig gesetzte Öffnungen die Fassade rhythmisieren und Einblicke in die vertikale Sportlandschaft geben.

Mehr Vielfalt für Tirols Tourismuslandschaft

Lüth spricht offen über Herausforderungen: „Wir investieren viel Energie in Wettbewerbe. Wenn man gewinnt und dann nicht gebaut wird, ist das belastend.“ Gleichzeitig sieht er Nachholbedarf im touristischen Erscheinungsbild: Die Abkehr vom üblichen Alpenklischee sei in Südtirol, Salzburg und Vorarlberg vielerorts weiter. Umso wichtiger sind Projekte, die neue leise, aber starke Impulse setzen.

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Manifattura Tabacchi, Verona Neues Leben zwischen Industriekultur und Stadtquartier: Snøhetta transformiert das historische Tabakareal zu einem offenen urbanen Campus, geprägt von vertikalen Fassadenrhythmen und gemeinschaftlich nutzbaren Erdgeschoßzonen.

Innsbruck als kraftvoller Resonanzboden

Ob Alpenprojekte oder internationale Großbauten – die in Innsbruck entwickelten Prinzipien fließen weit über Tirol hinaus. So war das Studio am Entwurf der Beijing City Library beteiligt, einem 75.000 m² großen Raumgefüge mit Chinas größtem lasttragendem Glassystem. Auch der neue Massivholz-Campus für Le Rosey in Gstaad übersetzt alpine Sensibilität in die Schweizer Landschaft – ohne Klischees, aber mit kultureller Verankerung.

„Uns bringt Innsbruck viel – wegen der Leute, wegen der Umgebung, wegen der Energie“, sagt Lüth. Eine Energie, die auch die nächsten zehn Jahre prägen wird.

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Studio-Gründung: 2015 (Aufbau seit 2011)

  • Leitung: Patrick Lüth
  • Team: rund 35 Mitarbeitende aus 8 Nationen
  • Disziplinen: Architektur, Interior, Landschaftsarchitektur
  • Regionale Schwerpunkte: Österreich und Nachbarländer
  • Philosophie: Human Interaction, Kontextsensibilität, Transpositioning, ganzheitliche Nachhaltigkeit, konzeptuelle Entwürfe