„Wir haben ganz selten Bruch“, stellt Eva-Maria Fahrner-Tutsek fest. Was bezüglich gewöhnlicher Kunstsammlungen selbstverständlich sein sollte, hat hier besondere Bedeutung, denn es geht um eine Kollektion zeitgenössischer Kunst aus Glas. Sie gehört der in München ansässigen Alexander-Tutsek-Stiftung und ist eine der wenigen ihrer Art. Wie vielfältig Künstler den sagenhaft wandlungsfähigen Werkstoff einsetzen, zeigt die Ausstellung „Future Horizons“ zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen der Stiftung.
Gestapelt, geknäuelt, aufgehängt
Die Fragilität des Materials unterstreichen Terry Winters’ aus farblosem Glas zu freien, schwingenden Formen geblasene Hohlkörper, die, selbst nicht standfähig, von kleinen Holzkeilen gestützt, aus Glasbechern ragen. Man ahnt, welch hohen Aufwand die Handhabung und Lagerung solch zarter Schönheiten erfordert. Nicht anders ein Wandbehang, für den Hui Tao Dutzende bunt eingefärbte Abgüsse von Hühnerfüßen auffädelte. Auch Alicja Kwade spielt mit der Zerbrechlichkeit; ihr Balancekunststück wuchtiger Felsbrocken mit großen Glasscheiben steht in Gegensatz zu Janusz Walentynowicz’ Gussglas-Trumm, das täuschend echt wie ein dickes mit Riemen verschnürtes Paket aus schwarzem Wachstuch aussieht. An gestapelte Eisblöcke erinnert eine Skulptur von Tony Cragg, und Monica Bonvicini führt vor, dass Glas die Gestalt eines großen Knäuels schwarzer Lackgürtel annehmen kann.
Glas trifft Stein: Alicja Kwade, „Hemmungsloser Widerstand“, 2019Foto Alicja Kwade / König Galerie
Aber wie kam es eigentlich zu dieser ungewöhnlichen Sammlung? Seit Eva-Maria Fahrner-Tutsek und ihr Ehemann, der 2011 verstorbene Unternehmer Alexander Tutsek, ihre gemeinnützige Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kunst ins Leben riefen, soll die Sammlung deren Außenwirkung steigern helfen. Dafür, erläutert die Vorstandsvorsitzende Eva-Maria Fahrner-Tutsek im Gespräch, habe man mit etwas locken wollen, das die Museen ringsum nicht schon zur Genüge bereithalten. Auf Glas sei die Wahl gefallen, weil es in der zeitgenössischen Kunst fast gänzlich fehlte und Künstler, die es bevorzugen, kein Forum hatten – im Unterschied zu denjenigen, die malen oder mit Holz, Metall oder Keramik arbeiten. Da gab es Förderbedarf.
Eiskalt aufgetürmt: Tony Cragg, „Untitled“, 2015Foto Tony Cragg / VG Bildkunst, Bonn 2025 / Michael RichterFoto Tony Cragg / VG Bildkunst, Bonn 2025 / Michael Richter
In den Sechzigerjahren begann die Studioglasbewegung mit dem Material abseits der Glashütten und -bläsereien, die es zu Gebrauchsgegenständen und Designobjekten verarbeiteten, für autonome Zwecke zu experimentieren. Die Schau stellt Pioniere wie Erwin Eisch vor, dessen gläserne Häupter diverse Techniken verbinden, oder Ann Wolff mit dem formgeschmolzenen Beieinander von Negativ und Positiv einer Frauengestalt. Wie immer man zu dem manchmal in die Nähe von Kunstgewerbe platzierten Studioglas stehen mag, es öffnete dem Stoff das Tor zur freien Kunst.
Ann Wolff lehrte an der Pilchuck Glass School in Seattle. Kiki Smith, die seit Langem oft mit Glas arbeitet, war dort „Artist in Residence“. Ihre roten, am Boden verstreuten Glassterne heißen doppeldeutig „Mine“. Viele der in der Schau vertretenen Künstler sind nicht unbedingt für Glaskunst bekannt: Mark Bradford etwa, dessen pinkfarbene „Borsa“ auf PVC-Taschen anspielt, die in einem Männerknast der Glasstadt Venedig fabriziert werden.
Glaskunst mit Konsum- und Knastbezug: Mark Bradford, „Borsa“, 2024Foto Mark Bradford / Hauser & Wirth
Als ihr erstes Domizil in einer Schwabinger Jugendstilvilla für sie zu klein wurde, bezog die Stiftung 2024 einen Neubau, die Black Box, mit großzügigen Ausstellungsflächen in der Parkstadt Schwabing. Zu Recht stolz führt Eva-Maria Fahrner-Tutsek durch die Räume und erzählt, wie sie und ihr Team immer auf der Suche nach Neuem seien, deshalb auch das Ausstellungsthema. „Future Horizons“ verweist auf ein Zitat von Hans-Georg Gadamer: „Der Horizont ist etwas, in das wir hineinwandern und das mit uns mitwandert: Dem Beweglichen verschieben sich die Horizonte.“ Die Chefin recherchiert selbst, denkt sich Themen aus und entscheidet über Erwerbungen.
Mehr als tausend Objekte
Stiftungspräsidentin: Eva-Maria Fahrner-TutsekPicture Alliance
Jüngst kam eine Art surreales Flugobjekt von Ju Young Kim hinzu. Die gebürtige Koreanerin wird in München von der Galerie Max Goelitz vertreten. Ankäufe der Alexander-Tutsek-Stiftung laufen fairerweise fast ausschließlich über Galerien, „schließlich leisten sie die Aufbauarbeit für die Künstler“. Inzwischen zählt die Sammlung mehr als tausend Objekte. Seit 2008 gehört auch Fotografie dazu. Umso verblüffender ist Eva-Maria Fahrner-Tutseks Bekenntnis: „Ich bin keine Sammlerin.“ Stattdessen betont die promovierte Psychologin: „Ich manage eine Stiftung.“
Diese ist mit dem Unternehmen der Familie, der Refratechnik-Gruppe, verbunden, Produzentin von Produkten für industrielle Hochtemperaturprozesse. Die global aufgestellte Firma dürfte horizonterweiternd auf das Sammelgeschehen gewirkt haben: Viele Aufenthalte in Asien, insbesondere China, galten neben geschäftlichen Anliegen der Kunstrecherche. Die Ausstellung der Stiftung „Glass.China“ hatte 2008/09 als erste zum Thema außerhalb der Volksrepublik Pioniercharakter. Ein Jahr später war „About Us. Junge Fotografie aus China“ geboten.
Ohne die Alexander-Tutsek-Stiftung sähe das Münchner Haus der Kunst arm aus, sie ist sein Hauptsponsor. Auch das C/O, Berlins Ausstellungshaus für Fotografie, profitiert ebenso von ihren Zuwendungen wie weitere Kulturinstitutionen. Eines der zentralen Stiftungs-Anliegen gilt der Verbesserung von Ausbildungsmöglichkeiten für Kunstschaffende, die mit Glas oder Fotografie arbeiten. Neben der Vergabe von Stipendien – darunter die Unterstützung junger Künstlerinnen mit kleinem Kind – unterhält man Förderprogramme für Akademien, Hoch- und Fachschulen. Die Wissenschaftsförderung der Stiftung legt den Fokus auf Ingenieurwissenschaften mit den Fachgebieten Keramik, Steine, Erden – und selbstverständlich Glas.
„Future Horizons: Glas in der zeitgenössischen Kunst“, Alexander-Tutsek-Stiftung, München, bis 28. Mai. Die Jubiläumspublikation „About glass“ (Hirmer Verlag) kostet 35 Euro.