Am Anfang steht für den Kanzler die Vergangenheit. Zusammen mit dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi geht Friedrich Merz am Montagmorgen durch den Ashram von Mahatma Gandhi, ein Gehöft am Fluss Sabarmati, wenige Kilometer entfernt von der westindischen Stadt Ahmedabad mit ihren acht Millionen Einwohnern. Merz zieht die Schuhe aus und lässt auf Socken mit Modi zusammen rote Blüten auf eine Gandhi-Statue rieseln. Merz schreibt ins Gästebuch, dass Gandhis Erbe Inder und Deutsche als Freunde verbinde „in einer Welt, die Gandhis Lehre vielleicht nötiger hat denn je.“ Denn wie es um die Welt und Deutschlands Platz darin heute steht, treibt den Kanzler um. Sein Besuch in Indien soll auch in die Zukunft führen.
Es ist die erste Asienreise von Merz als Kanzler, und es ist schon ein Zeichen, dass sie ihn nach Indien führt – und nicht zuvor nach China, wie es Bundeskanzler vor ihm gehalten haben. Aber in einer Welt, in der Russland einen Krieg in Europa führt, die Beziehungen zu China immer komplizierter werden und Amerika sogar Bündnispartner wie Grönland bedroht, sucht die Bundesregierung die Nähe zu anderen Partnern. Sowohl beim Handel als auch bei der Sicherheitspolitik sieht man in Indien viel Potential, der mit 1,4 Milliarden Menschen größten Demokratie der Erde. Und auch wenn Indien mit Blick auf Moskau und Peking einen ganz eigenen Kurs verfolgt – das Interesse an einer größeren Nähe teilt man in Neu Delhi.
Einladung in die Heimatstadt von Modi
Als Merz und Modi nach dem Besuch in Gandhis Ashram, nach einem Abstecher beim Drachenfestival, einem gut 30 Minuten langen Gespräch unter vier Augen im Auto und weiteren Gesprächen der Delegationen in einem Kongresszentrum vor die Presse treten, würdigt Modi, dass Merz zuerst nach Indien gekommen ist. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Indien sei wichtig für die gesamte Menschheit, sagt er. Merz sagt, angesichts „der tiefen geopolitischen Veränderungen und Umbrüche in der Welt teilen wir ein fundamentales Interesse daran, unsere strategische Partnerschaft zu vertiefen“. Und: „So wichtig Europa und die transatlantischen Beziehungen für uns Deutsche sind, wir müssen heute ein breiteres, ein größeres Netz von Partnerschaften knüpfen, und zwar schnell und mit langem Atem zugleich.“ Indien sei dabei ein „Wunschpartner“.
Natürlich sind schon deutsche Regierungen vor Merz auf die Idee gekommen, mehr und enger mit Indien zusammenzuarbeiten. Nur war es mit den Taten nach den Worten schwieriger und der Fokus auf China größer. Merz hatte schon im Wahlkampf bei einer außenpolitischen Grundsatzrede deutlich gemacht, dass seine interessengeleitete Außenpolitik bedeute, dass Deutschland seine „Rohstoff- und Handelsketten im Sinne der strategischen Souveränität diversifizieren“ müsse. Da hatte er auch Indien im Blick. Erfreut zeigte man sich in der Bundesregierung, als Merz von Modi nach Ahmedabad in Gujarat, seinem Heimatstaat, eingeladen wurde. Erst wenige Staats- oder Regierungschefs hat diese Ehre schon ereilt.
Als Merz durch die Straßen fährt, kann er sich über unzählige Plakate am Straßenrand freuen, die ihn willkommen heißen und auf Englisch verkünden: „Lang lebe die deutsch-indische Freundschaft.“ Allerdings haben ähnliche Plakate vor gut vier Wochen auch den russischen Präsidenten Putin in Neu Delhi begrüßt.
Indiens immer noch enge Beziehungen zu Russland gehören zu den wenigen Punkten, in denen Uneinigkeit herrscht. Neu Delhi hat den russischen Angriffskrieg in den Vereinten Nationen nicht mit verurteilt, seine Handelsbeziehungen zu Moskau ausgebaut und im großen Stil russisches Öl importiert. Indien begründete dies einerseits mit dem hohen Bedarf an günstiger Energie vor dem Hintergrund einer großen und armen Bevölkerung. Auf der anderen Seite ist der Austausch mit Russland Teil der indischen Politik der „strategischen Autonomie“, mit der sich das Land Optionen in alle Richtungen offenhält. So war Indien mit 38 Prozent des verkauften russischen Rohöls im November weiter der zweitgrößte Abnehmer nach China.
Modi und Merz an der Gedenkstätte für Mahatma Gandhidpa
Da Indien als wichtiges Gegengewicht zu China gesehen wurde, hatten die USA und Europa die „neutrale“ Haltung Indiens lange akzeptiert. Mit der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump hat sich das geändert. Trump belegte indische Waren mit Zöllen von 50 Prozent, die Hälfte davon als „Strafe“ für die Ölimporte aus Russland. Dass Indien damit von allen Ländern die höchsten Zölle abbekam, wurde in Neu Delhi als schwere Demütigung empfunden. „Er ist nicht glücklich mit mir“, sagte Trump jüngst über Modi.
Indiens Beziehungen zu den USA, die sich seit den Neunzigerjahren kontinuierlich verbessert hatten, erreichten einen Tiefpunkt. Trumps Idee einer Welt, in der die starken Länder den schwachen ihren Willen aufdrücken, widerspricht der indischen Idee einer Multipolarität mit zahlreichen Freundschaften auf Augenhöhe. Neu Delhi befürwortet zwar eine regelbasierte Ordnung, sieht das bestehende System aber als ungerecht an, da Indien und andere Länder des „Globalen Südens“ nicht ausreichend repräsentiert seien.
Indien fürchtet den Rückzug Amerikas
Am meisten fürchtet Neu Delhi jedoch einen möglichen Rückzug Amerikas in die westliche Hemisphäre, wie er sich unter Trump abzeichnet. Er würde bedeuten, dass Asien in Zukunft stärker China überlassen wird. Und so ist es für Indien umso wichtiger, seine Beziehungen zu anderen Ländern zu stärken. Das geschieht mit China und Russland und den anderen BRICS-Ländern, mit Japan und Australien, aber auch mit Europa. Mit der EU und den einzelnen Mitgliedsländern gebe es in den Beziehungen „derzeit das größte Wachstumspotential“, lobte gerade Außenminister Subrahmanyam Jaishankar.
Dabei sieht Indien sowohl sich selbst als auch Europa als wichtige Pole in einer neuen Weltordnung. Deutschland gehört als größte europäische Volkswirtschaft wie selbstverständlich zu den wichtigsten Partnern. Im Vordergrund stehen die Handels- und Verteidigungsbeziehungen, wobei sich Indien insbesondere den Transfer deutscher Hochtechnologie erhofft. Zu den Beziehungen trägt auch die zunehmende Zahl von Indern bei, die dabei helfen, den Fachkräftemangel in Deutschland abzufedern. Den jüngsten Zahlen zufolge leben in Deutschland 175.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte indischer Herkunft. Mit 60.000 stellen sie die größte Gruppe ausländischer Studierender in Deutschland.
Begleitet wird Merz von einer großen Wirtschaftsdelegation, die Spitzen von gut 25 Unternehmen sind dabei. In Berlin hofft man, dass die Verhandlungen über ein EU-Indien-Freihandelsabkommen bald zu einem Abschluss kommen, Ende des Monats gibt es einen gemeinsamen Gipfel in Indien. Nach den Gesprächen am Montag gibt man sich in der Delegation noch zuversichtlicher, dass es gelingt. „Hoch intensiv“ seien die Gespräche verlaufen, heißt es. Am zweiten Tag seiner Indienreise will Merz mit Bengaluru im Süden auch noch das Hightech-Zentrum des Landes besuchen und sich unter anderem bei Bosch ein Labor zur Forschung an Wasserstoffantrieben zeigen lassen.
Zur Choreographie solcher Besuche gehört oft die feierliche Unterzeichnung von Verträgen oder zumindest Absichtserklärungen, und so ist es auch in Ahmedabad. In dem Kongresszentrum stehen Modi und Merz vor den Fahnen ihrer Länder, vor ihnen werden die Dokumente ausgetauscht, 27 sind es insgesamt. Applaus, Foto und weiter. Neben einem Abkommen zur Anwerbung von Fachkräften im Gesundheitssektor sowie der Vereinbarung zwischen den Bildungsministerien zu Austausch- und Studienprogrammen sticht die Absichtserklärung zur Stärkung der Zusammenarbeit der Verteidigungsindustrien hervor.
Merz hatte früher schon gesagt, dass die Partner im Indopazifik wissen müssten, dass Deutschland und Europa aktiv zur Stabilität und Sicherheit beitrügen. Das zielte gegen das chinesische Gebaren in der Region. In diesem Jahr plant die Bundeswehr, sich mit Luftfahrzeugen an multilateralen indischen Übungen zu beteiligen, und auch der Austausch mit den indischen Streitkräften soll ausgeweitet werden. Vor allem aber kann Deutschland mit dem Verkauf von Rüstungsgütern nicht nur gute Geschäfte machen – sondern zumindest in diesem Bereich dazu beitragen, die indische Abhängigkeit von Russland zu verringern. Bei den Verhandlungen zum Kauf von sechs U-Booten der U214-Klasse bei dem deutschen Unternehmen TKMS wird von großen Fortschritten berichtet, ohne dass es eine endgültige Einigung gibt. Der TKMS-Chef ist im Tross des Kanzlers dabei. Bisher hatte Indien vor allem U-Boote russischer und französischer Produktion im Einsatz.
Dass man Indien hingegen bei der Abhängigkeit von russischem Gas und Öl nicht viel zu bieten hat, ist auch Berlin bewusst. Daher versucht man es mit Bitten, öffentlich hält sich Merz bei dem Thema in Indien zurück. Die Inder wiederum registrieren durchaus positiv, dass Brüssel und Berlin weniger mit dem erhobenen Zeigefinger auftreten und Indiens Russlandbeziehungen weiter tolerieren. Vor der Presse im Kongresszentrum sagt Merz, die Weltordnung sei „zunehmend geprägt von Großmachtpolitik und Denken in Einflusssphären“. Russlands Angriffskrieg sei der „wohl drastischste Ausdruck“ davon. „In dieser neuen Welt“, sagt Merz an Modi gerichtet, „müssen wir gemeinsam die Werte und Interessen behaupten, die uns miteinander verbinden.“
Modi hatte zuvor zum Ukrainekrieg nur gesagt, Indien sei immer für friedliche Lösungen aller Probleme und unterstütze „alle Bemühungen in diese Richtung“. Später führt Merz noch einmal beim Besuch eines Stufenbrunnens aus, er sei sich mit Modi in der Bewertung zum Krieg in der Ukraine vollkommen einig. Druck auszuüben mit Blick auf die Öl- und Gaskäufe, die Indien ja trotzdem tätigt, sei aber nicht das „richtige Instrument, um eine Partnerschaft auf eine neue Basis zu heben“. Da ist Merz schon angekommen in der Welt der Gegenwart.