Für die Mitglieder des Freundeskreises der Aachener Zeitung ging es bei einer exklusiven Führung durch die Textilrestauratorin Monica Paredis-Vroon, die Ende 2025 nach über 35 Jahren in den Ruhestand ging, in die von ihr konzipierte Abschiedsausstellung „Upcycling. Textile Nachhaltigkeit im Aachener Dom“ in die Aachener Domschatzkammer.

Die Textilrestauratorin Monica Paredis-Vroon führt durch Ausstellung in der Domschatzkammer. Foto: Belinda Petri

Hinter den dicken Panzertüren werden nicht nur kostbare Gold- und Silberschmiedearbeiten, wertvolle Reliquien und Heiligenfiguren ausgestellt, die Domschatzkammer verfügt auch über einen spektakulären Bestand an Textilien – die Bekanntesten sind zweifelsohne die „Hellige Hoddele“. Als die vier großen „Aachener Heiligtümer“ werden das Kleid Mariens, die Windeln Jesu, das Lendentuch Jesu und das Enthauptungstuch Johannes des Täufers bezeichnet, die im Sieben-Jahres-Turnus bei der Aachener Heiligtumsfahrt gezeigt werden. Die Textilreliquien werden in der gotischen Chorhalle des Aachener Domes im Marienschrein aufbewahrt. Jede der Reliquien ist mit einem farbigen Seidenband umwickelt, dessen Farbe die Reliquie repräsentiert.

Im Anschluss an die Heiligtumsfahrt wird die Reliquie in ein sieben Meter langes Seidentuch gelegt.  Eingeschlagen in Seidenpapier werden die Reliquien nach der Zeigung erneut mit den jeweiligen farbigen Seidenbändern umwickelt, die anschließend versiegelt werden. Nachdem die so verpackten Heiligtümer in den Marienschrein zurückgelegt sind, wird der Schrein mit einem Schmuckschloss versiegelt und das Schloss mit Blei ausgegossen. Die Schlösser der vergangenen Heiligtumsfahrten gehören ebenfalls zu den Exponaten der Domschatzkammer.

Die gebürtige Niederländerin Monica Paredis-Vroon hat nach einer Lehre als Schneiderin das Fach Textilrestaurierung studiert und sich bereits seit íhrem Berufsbeginn im Depot mit den unterschiedlichen Textilen vertraut gemacht. Es braucht viele Technikkenntnisse, um beispielsweise die Bestimmung über spezielle Webkanten vornehmen zu können. Mit verschmitztem Lächeln sagt sie: „In der Frage der Textilien gibt es sehr viele Fragen“, und führt aus, dass die meisten Textilien ja als Gebrauchsgegenstände entstanden sind. Für die liturgische Nutzung wurden immer schon kostbar verzierte Textilien verwendet, da sie nicht nur repräsentative Zwecke zu erfüllen hatten, sondern auch bildreich die Geschichten der Bibel illustrieren sollten.

Während Kleidung heute massenhaft und industriell hergestellt wird, war die Herstellung früher um ein Vielfaches aufwendiger. „Vor der Industriellen Revolution waren für die Herstellung eines einfachen Wollstoffs bis zu 40 Arbeitsschritte nötig“, erklärt Paredis-Vroon. „Bei gemusterten Seidenstoffen war der Aufwand noch erheblich größer. Die Stoffe mussten oft über weite Handelswege nach Mitteleuropa gebracht werden.“ Kein Wunder also, dass Kleidung und liturgische Gewänder damals so wertvoll waren, dass sie über Generationen hinweg umgearbeitet und weiterverwendet wurden.

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In der Ausstellung „Upcycling. Textile Nachhaltigkeit im Aachener Dom“ sind im klimatisierten Untergeschoss bei aus konservatorischen Gründen gedämpftem Licht die Vitrinen mit kostbaren Stoffen bestückt, die ein zweites Leben erfahren haben, indem sie als Stiftung an die Kirche zu neuen Gewändern oder Kleidern umfunktioniert wurden. Dazu gehören beispielsweise ein silbernes Gnadenbildkleid, das aus der Spende einer kostbaren Herrenweste gefertigt wurde und das „Bettdeckenkleid“, das aus einer aufwändig gestalteten Überwurfdecke für das Gnadenbild im Aachener Dom umfunktioniert wurde. Vom Gnadenbild, der traditionsreichen Marienfigur mit Kind im Aachener Dom, heißt es, sie sei die Frau mit dem größten Kleiderschrank in Aachen, denn die beiden Figuren – Maria und das Kind – tragen spätestens seit dem 15. Jahrhundert jeweils wechselnde textile Gewänder.

Eine Textilschenkung ist erstmals für das Jahr 1359 überliefert, als Maria von Brabant, Frau des Herzogs Wilhelm von Jülich, der Aachener Muttergottes einen kostbaren Schleier schenkte. Die historischen Gewänder spiegeln die jeweils herrschende Stoffmode ihrer Zeit wider.  Es ist Tradition in Aachen, dass der Muttergottes – oft zu besonderen Anlässen – Kleider und andere Schmuckstücke geschenkt werden. Der älteste Nachweis dieser Tradition – und zugleich eines der wertvollsten Stücke des Gnadenbildes – ist die Krone der Margarethe von York von 1461, die sie 1474 dem Gnadenbild schenkte. Bis heute werden der Marienfigur Kleider und Schmuck geschenkt, aus Dank für ein bestandenes Examen, als Fürbitte für ein Überleben im Krieg oder anderen Gründen. Dem Gnadenbild wird rund 16 Mal im Jahr ein anderes Gewand angezogen, insgesamt soll die Marienfigur über 40 Kleider und „mehrere 100“ Schmuckstücke besitzen.

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Vor allem im 19. Jahrhundert erfuhr das „Recycling“ von kostbaren Textilien eine neue Blütezeit, da sich die neogotische Mode häufig an alten Dekoren orientierte und dementsprechend auch historische Stoffe neuen Zwecken zuführte. So gründete der Kanonikus und Kunsthistoriker Franz Johann Joseph Bock eine Kunstweberei für kirchliche Seidenstoffe nach mittelalterlichen Vorbildern. Ein Schwerpunkt seines Interesses bildete die sakrale Textilkunst. Bock fasste seine Forschungen in dem dreibändigen Werk „Die Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters“ zusammen, welches die erste wissenschaftliche Untersuchung zur Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Gewänder mit Rücksicht auf Gewebe, Farbe, Dessin, Schnitt und rituelle Bedeutung darstellte und damit einen neuen Zweig der Altertumswissenschaft eröffnete. 

Monica Paredis-Vroon ermöglichte dem Freundeskreis mit ihrer charmant-kenntnisreichen Führung einen spannenden Einblick in die außergewöhnliche Welt der sakralen Textilkunst, die schon früh den Gedanken des Up- und Recyclings für sich beanspruchte und damit kostbare Textilien für die Nachwelt erhielt.

bis 16. Januar
Upcycling – Textile Nachhaltigkeit im Aachener Dom

Domschatzkammer Aachen
Johannes-Paul-II.-Straße
52062 Aachen

Öffnungszeiten:
Mo: 10 bis 14 Uhr
Di-So: 10 bis 17 Uhr

Eintritt:
7 Euro, ermäßigt 4 Euro
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