Stehende Ovationen nach zwei Stunden Live-Musik und Bühnenshow, die Begeisterung beim Publikum im Abraxas nach dem finalen Vorhang von ist groß. Alles richtig gemacht, könnte man sagen. Nach fünf reich mit Animationsvideos und ausdrucksvollen Bühnenbildern illustrierten Akten bleibt Bewunderung für das Engagement und das Herzblut, das in der „Lifealbum“-Produktion dreier Augsburger Schulfreunde steckt.
Und darum geht es: M, der Hauptprotagonist, geboren 1964 auf dem Höhepunkt des Babybooms, lässt sein Leben Revue passieren. Verstrickt in virtuelle Traumwelten stößt er auf ein rätselhaftes Buch, das „Lifealbum“, nach dem die Rockoper ihren Namen hat. Es zwingt ihn, noch einmal die Bilder seines bisherigen Lebens zu durchschreiten. Er erkennt seinen alten Pakt mit dem Teufel, der ihn in eine dauerhaft quälende Selbstsuche gezwungen hatte und in einem Selbstmordversuch endete. Als M sich schließlich von der Idee trennt, sich ständig neu erfinden und definieren zu müssen, eröffnet sich ihm ein zweite Chance. Damit hat er das Dilemma der in die Nachkriegswelt hineingeworfenen Boomer-Generation überwunden. Vorgefertigte Normen und Konventionen waren zunehmend verschwunden und es gab keine vorgegebenen Lebensentwürfe mehr, außer dem, authentisch man selbst zu sein. Das aber war nie leicht.
Ein bisschen von The Who, ein bisschen von Pink Floyd
Ausgangspunkt der Oper waren zwei, drei Songs, die vor gut zehn Jahren im Raum standen, erzählt der Autor und Regisseur Jürgen Mick. „Da haben wir überlegt, es könnte ja eine Geschichte daraus werden.“ Um diese herum komponierte er gemeinsam mit Gitarrist und Co-Autor Hermann Dieminger weitere Songs, immer schon mit der Idee, daraus eine eigene Rockoper zu erschaffen, „weil das ja auch ein vergessenes Genre unserer Zeit ist“. Ein bisschen von The Who‘s „Quadrophenia“, ein bisschen Pink Floyd und alles Mögliche aus allen anderen musikalischen Richtungen der späten 1960er bis 1980er Jahre hört man heraus. Dazu wurde die eigene Coverband Poolpaddlers aktiviert und zusätzliche Unterstützung durch Sänger Michele Picciolo und Sängerin Birgit Hamacher ins Boot geholt, wobei Letztere zugleich auch als Laiendarsteller die tragenden Rollen des Stücks übernahmen. Insgesamt agieren rund 15 Amateurmusiker und Laienschauspieler auf und neben der Bühne.
„Wir wussten von Anfang an, wohin die Reise geht, aber wir wussten nie, ob wir ankommen“, sagt Illustrator Thomas Schaller, von dem die animierten Trickfilme stammen, die das gesamte Musikprogramm auf einer großen Leinwand begleiten. Beeindruckend, wenn auch mit einigen Wiederholungen. Hier und da holpert die Musik ein bisschen, und nicht immer erscheint alles perfekt intoniert. Am Ende aber zählt der Wille, die eigene Geschichte mit ganz eigenen Mitteln glaubhaft zu erzählen. Schaller drückt das so aus: „Punk war auch immer eine unserer Wurzeln, wir wissen, dass wir nicht perfekt sind, aber wir haben unseren Spaß und der soll rüberkommen“. Das ist gelungen.
Es mangelt etwas an konkreten Zeitbezügen
Das Hauptthema der Oper aber bleibt beinahe allein auf die Identitätssuche fokussiert. Dem selbst gestellten, recht umfassenden Anspruch eines „Zeitbildes“ wird das nicht ganz gerecht. Es bleibt bei der Nacherzählung persönlicher Erfahrungen und Kämpfe. Die Aufbruchstimmung der 60er und 70er Jahre wird zwar in vielen Bildern collagiert, es mangelt aber ein bisschen an ganz konkreten Bezügen der Protagonisten zu den Zeitströmungen dieser bewegten Jahrzehnte, wie der sexuellen Befreiung, der politischen Aufarbeitung des Nazi-Erbes, der Hippiekultur, Vietnam und der Anti-Atombewegung.
Macht nichts, denn das Gesamtpaket kommt gut an, bei allen Generationen im Publikum. Für die Jungen ist es ein bisschen Geschichtsunterricht und ein Aha-Erlebnis, dass die Eltern es auch nicht leichter hatten, für die Älteren ist es Erinnerung. Deswegen soll es auch weitergehen: „Wir wollen noch einmal daran feilen und es weiterentwickeln und auch weitertragen, vielleicht auch mal über Augsburg hinaus“, verraten die drei Macher. Kommerzielle Interessen sind damit nicht verknüpft, denn selbstgemachte Kunst ist vor allem privates Investment. Raummieten und Produktionskosten für Programmhefte, CDs, T-Shirts und die ausführliche Webpage (www.lifealbum.de) sind nicht unerheblich. Ganz zu schweigen vom Arbeitsaufwand: „Damit sind wir sind eigentlich seit zehn Jahren überfordert“, so Thomas Schaller.
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Andreas Garitz
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Augsburg
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The Who
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