Der Anschlag auf das Stromnetz war kein reines Problem der deutschen Hauptstadt, sondern ein Signal: Moderne Gesellschaften müssen lernen, im Krisenmodus zu funktionieren – ohne Panik und Selbsttäuschung.

Polizeieinsatz nahe dem Heizkraftwerk Lichterfelde in Berlin nach dem Brand an einer Kabelbrücke, der einen grossflächigen Stromausfall verursachte.Polizeieinsatz nahe dem Heizkraftwerk Lichterfelde in Berlin nach dem Brand an einer Kabelbrücke, der einen grossflächigen Stromausfall verursachte.

Filip Singer / EPA

Der Strom fliesst wieder in Berlin. In den südwestlichen Bezirken, die vier Tage lang im Dunkeln lagen, ist das Licht zurück, Heizungen laufen, Handys tun wieder ihren Dienst. Der Alltag nimmt Fahrt auf. Die Reparaturteams haben die komplexen Schäden an Hochspannungsleitungen trotz klirrender Kälte und winterlichen Bedingungen binnen weniger Tage behoben.

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Was bleibt, geht über Zahlen und Bilder hinaus. Ein Schrecken hat sich in das öffentliche Bewusstsein eingegraben: Der Faden, an dem unser modernes Leben hängt, ist dünn. Im Falle Berlins war er auf wenige Kabel reduziert.

Krisen kennt dieses Land längst. Doch das Berliner Blackout markiert eine neue Qualität. Die Zeitenwende wurde bisher vor allem aussen- und verteidigungspolitisch verhandelt. Der Ausfall zeigt exemplarisch, was sie innen- und gesellschaftspolitisch bedeutet – und wie unvorbereitet Staat, Infrastruktur und Öffentlichkeit darauf sind. Mitten im Winter, mitten im Alltag.

Es war der längste grossflächige Ausfall in Berlins Nachkriegsgeschichte. Die tiefen Temperaturen verschärften die Not: Krankenhäuser mussten auf Notstromaggregate zurückgreifen, Menschen improvisierten mit Kerzen und Powerbanks. Mindestens eine ältere Frau starb; ob unmittelbar wegen der Kälte oder indirekt durch die Folgen des Blackouts, ist Gegenstand laufender Untersuchungen.

Die Frage nach den Tätern – Linksextreme, ausländische Saboteure, Nachahmer – ist für die Ermittlungen durchaus entscheidend. Für die politische Diagnose ist sie es nicht. Denn der Befund liegt tiefer.

Ein gezielter Angriff genügte, um in einer europäischen Metropole über Tage hinweg Zehntausende Menschen von Strom, Wärme und Kommunikation abzuschneiden. Was lange als theoretisches Risiko galt, ist geteilte Erfahrung geworden.

Bewährung im Ernstfall

Gewarnt wird seit Jahren. Doch weder politische Reden noch die Bilder aus der Ukraine haben die Annahme erschüttert, man lebe im Inneren weiterhin in Friedenszeiten. Genau diese Vorstellung trägt nicht mehr. Infrastruktur, Versorgung und Alltag sind selbst zu Angriffszielen geworden.

In einer solchen Lage verändern sich die Massstäbe staatlichen Handelns. Ein funktionierender Staat zeichnet sich in Krisenzeiten dadurch aus, dass Zuständigkeiten klar sind, Entscheidungen schnell getroffen werden, Verfahren auch unter Druck tragen.

Demokratien tun sich schwer mit dem Umschalten von Normalität auf Krise. Aus historischer Erfahrung fürchten sie Überreaktionen und Machtverschiebungen in der Krise. Doch inzwischen liegt die grössere Gefahr im Gegenteil: im Festhalten an Routinen, die für stabilere Zeiten gemacht sind. Die Tragödie lag nicht im Stromausfall. Sondern in der langsamen Reaktion der Behörden.

Berlin pflegt institutionelle Nonchalance

Das Tennisspiel mit der Partnerin, das der Berliner Regierende Bürgermeister am ersten Tag des Notstands pflegte, ist dabei nicht einmal gemeint. Bei aller institutionell gepflegten Nonchalance – einem Berliner Lebensgefühl – ist diese Instinktlosigkeit bemerkenswert. Sie verweist allerdings auf eine unbequeme Einsicht: Handlungs- und Durchsetzungsfähigkeit werden zur zentralen Eigenschaft staatlicher Führung, gerade in einem konsens- und verfahrensorientierten Land wie Deutschland.

Moderne Infrastruktur ist nicht zerbrechlich, weil sie schlecht gebaut wäre. Sie ist über Jahrzehnte auf Stabilität, Ausfallsicherheit und Effizienz optimiert worden. Redundanzen greifen bei technischen Defekten oder Naturereignissen. Sie verlieren ihre Wirkung, wenn Sabotage ins Spiel kommt. Jede Energieversorgung braucht Knotenpunkte, Abgänge, Übergänge. Diese strukturelle Offenheit lässt sich nicht vollständig schliessen, ohne das System zu lähmen.

Die politische Reaktion auf solche Verwundbarkeit folgt einem vertrauten Muster. Der Berliner Senat plant, kritische Infrastruktur künftig intensiver per Videoüberwachung zu schützen. Es wird nach flächendeckender technischer Kontrolle gerufen, nach baulicher Abschottung und sichtbarer Sicherheit. Doch die Vorstellung, kritische Infrastruktur flächendeckend schützen zu können, ist eine Illusion. Sie erzeugt enorme Kosten, bindet Ressourcen, schafft Ineffizienzen und weckt so Erwartungen, die zwangsläufig enttäuscht werden müssen.

Kein Schutzwall ist unüberwindlich. Wenn dann dennoch etwas geschieht, ist der Vertrauensverlust grösser als zuvor. Systeme so zu gestalten, dass Störungen rasch zu begrenzen, umzuleiten und zu beheben sind, ist weniger spektakulär als Hochsicherheitszonen, aber weit wirksamer.

Das Netz ist historisch gewachsen, dezentral und heterogen. Der Bund kann hier Standards setzen – und Krisen koordinieren. In die Pflicht und in die operative Verantwortung genommen werden sollten Netzbetreiber: mit klaren Erwartungsvorgaben und präziser Regulierung. Kosten für die Ertüchtigung müssen ehrlich benannt werden. Der Staat kann sich an dieser Daseinsvorsorge beteiligen, darf aber nicht jedes Kabel steuern. So würde es ein liberaler Staat verstehen. Ein Gesetzentwurf zum Schutz kritischer Infrastrukturen ist gerade im parlamentarischen Prozess. Die Berliner Erfahrungen rechtfertigen durchaus eine Nachschärfung.

Mehr als Sabotage

Der Anschlag war kein technischer Zwischenfall mit politischer Begleitmusik. Er war Ausdruck einer Ideologie, die die moderne Gesellschaft selbst infrage stellt. Die Täter denken nicht in Kategorien von Reform oder Umverteilung, sondern in Bildern von Zusammenbruch und Reinigung. Ziel war es, wie sie schreiben, den «Herrschenden den Saft abzudrehen». Infrastruktur erscheint ihnen nicht als Voraussetzung des Zusammenlebens, sondern als Symbol eines verwerflichen Systems und damit als legitimes Ziel.

Diese zivilisationsfeindliche Haltung ist nicht neu, aber sie wird häufig unterschätzt, weil sie sich theoretisch verkleidet. Ihre gewaltsame Zuspitzung wird dann gern als Missbrauch abgetan. Doch reklamierte Deutungshoheit schützt nicht vor Verantwortung: Wer Begriffe in Umlauf bringt, prägt auch den Horizont dessen mit, was als legitim gilt.

Dabei ist es letztlich unerheblich, ob die Täter menschliche Opfer ausdrücklich anstrebten oder lediglich in Kauf nahmen. Wer Menschenleben einer Idee unterordnet, überschreitet eine Grenze, die nicht mehr zu rechtfertigen ist. Die Tage im Dunkeln zeigen erneut: Gewalt wird nicht harmlos, weil sie sich progressiv nennt. Angriffe auf die Grundlagen des Alltags sind Angriffe auf die Gesellschaft selbst.

Es muss um Wirkung gehen, nicht um Empfindlichkeit

Die naheliegende Reaktion auf solche Anschläge ist der Vorwurf staatlichen Versagens. Die Realität ist komplizierter. Sicherheitsbehörden haben linksextreme Gewalt keineswegs aus dem Blick verloren. Ein Problem liegt aber in der Gewichtung. Kleine, hochgradig klandestine Gruppen mit grossem Schadenspotenzial passen schlecht in klassische Bedrohungskategorien. Ihre geringe Zahl täuscht über ihre Wirkungsmacht hinweg.

Hinzu kommt eine strukturelle Schieflage. Sicherheitsbehörden sind zunehmend mit administrativer Beobachtung und politischer Dokumentation beschäftigt. Sie sammeln, ordnen und berichten, oft mit erheblichem Aufwand. Die Fleissarbeit des Bundesamtes für Verfassungsschutz zur AfD muss allerdings erst noch beweisen, dass die tausend Seiten den enormen Aufwand rechtfertigen.

Operative Gefahrenabwehr gerät dabei unter Druck, nicht unbedingt aus Nachlässigkeit, aber doch aus politisch verordneter Ressourcenknappheit.

In einer Lage, die von Unsicherheit dermassen geprägt ist, wird diese Verschiebung zum Risiko. Sicherheitspolitik soll sich nicht an medialer Sichtbarkeit oder politischer Empfindlichkeit orientieren, sondern an Wirkung und Gefährlichkeit. Prioritäten müssen regelmässig überprüft werden, gerade dann, wenn sich die Bedrohungslage verändert. Wer Risiken nach alten Mustern sortiert, reagiert zu spät.

Resilienz lässt sich nicht delegieren

Je deutlicher die Grenzen staatlicher Schutzfähigkeit werden, desto klarer wird eine Einsicht, die lange als altmodisch – oder als «rechts» – abgetan wurde. Resilienz lässt sich nicht delegieren. Der Staat kann koordinieren und eingreifen, aber nicht alles absichern.

Vorsorge im Alltag ist entscheidend, das zeigte der Vorfall. Wer für ein paar Tage ohne Strom und Heizung vorbereitet war, blieb handlungsfähig. Nicht aus Angst, sondern aus Verantwortung.

Das ist keine Abkehr von Solidarität, sondern ihr Gegenteil. Gesellschaften, die mit Störungen rechnen, reagieren gelassener. Wer auf permanente Vollversorgung vertraut, gerät schneller in Panik.

Weckrufe hat Deutschland viele gehört – vielleicht zu viele, um noch aufzuschrecken. Doch dieser Stromausfall hat eine Illusion zerstört: die Illusion, man lebe noch in ruhigen Zeiten. Das Blackout war kein Ausnahmefall. Es war eine Vorwarnung. Und die Aufforderung, so zu handeln, als wüssten wir das.

Hermann Grünenfelder

vor 8 Minuten

„Kurzum“
Wollt ihr den totalen Untergang!Jaaaaaaaaaaaaaaa…….