In den alten keltischen Mythen war die Anderswelt ein Reich jenseits des Alltäglichen – ein Ort des Friedens, der Zeitlosigkeit, der Begegnung mit dem Göttlichen. In der neuen Show von Cavalluna ist sie der Ort, an den die junge Heldin Meerin gelangt, nachdem sie aus ihrer Heimat verstoßen wurde. Nach ihrer Verbannung durch ihr Volk gerät sie auf der Flucht an den Hexenmeister Röndrup und dessen Nichte, die sie für ihre eigenen Absichten instrumentalisieren wollen. Mit Unterstützung ihrer Gefährten stellt sich Meerin den dunklen Mächten entgegen und muss zugleich ihre inneren Konflikte überwinden, um ihre verlorenen magischen Fähigkeiten wiederzuerlangen.
Die zentrale Frage ist, ob es Meerin gelingt, das Tor zur Anderswelt zu öffnen und eine Wendung herbeizuführen. An der Inszenierung sind 56 Pferde und Reiter aus neun Ländern beteiligt, ergänzt durch eine professionelle Tanzkompanie sowie aufwendige musikalische, lichttechnische und Spezialeffekte.
Sie sucht, sie zweifelt, sie kämpft – und findet sich selbst wieder, indem sie das Fremde nicht flieht, sondern annimmt. Das Publikum begleitet sie dabei in eine Welt voll Licht, Klang und Bewegung, in der Pferde, Menschen und mythische Gestalten zu Trägern einer großen Geschichte werden. So wird das „Tor zur Anderswelt“ nicht nur eine Pforte der Fantasie, sondern eine Einladung zur inneren Reise: Wo ist meine eigene Anderswelt? Welche Schwelle muss ich überschreiten, um heil zu werden, um wieder zu glauben, um zu hoffen?
Der theologische Blick: Übergang und Verwandlung
Das Bild des Tores gehört zu den ältesten religiösen Symbolen der Menschheit. In der Bibel ist es der Übergangsort zwischen Gott und Mensch: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden“ (Joh 10,9). Ein Tor öffnet sich – und lässt zugleich hinter sich. Es trennt und verbindet. Meerin steht wie jede Suchende an dieser Schwelle. Ihre Anderswelt erinnert an jene Dimension, die man das Reich Gottes nennt – nicht nur jenseits, sondern mitten unter uns: eine Welt, in der Liebe stärker ist als Angst, Vergebung größer als Schuld, und Hoffnung tiefer als die Dunkelheit.
Insofern kann die Show als Gleichnis gelesen werden: Der Weg durch das Tor ist ein Weg der Umkehr, des Erwachens. Meerin muss loslassen, um zu empfangen; sie muss in die Fremde gehen, um heimzukehren. Das ist die alte Bewegung des Glaubens: das Sterben und Auferstehen, das Durchschreiten des Todes hin zum Leben, das Erkennen, dass hinter der sichtbaren Bühne eine größere Regie wirkt.
Pferde als Mitgeschöpfe – das Mysterium der Begegnung
Doch Cavalluna erzählt nicht nur von Menschen. Sie erzählt durch Pferde – jene Geschöpfe, die in ihrer Stärke und Sanftheit etwas von der Schöpfungskraft Gottes widerspiegeln. Das Miteinander von Reiter und Tier ist hier keine Dressur, sondern eine Choreografie des Vertrauens. „Die Pferde folgen, weil sie vertrauen, nicht weil sie müssen„, heißt es seitens des Teams. Damit wird sichtbar, was christliche Theologie seit Franz von Assisi betont: dass jedes Geschöpf ein Zeichen der göttlichen Güte ist, dass Beziehung und Respekt heilig sind. Die Veranstalter legen Wert auf artgerechte Haltung, auf Weidezeiten, tierärztliche Kontrollen und die Freiheit der Pferde in der Arbeit. Die Schönheit der Pferde ist dabei nicht Zierde, sondern Ausdruck einer Schöpfung, die „gut war“ (Gen 1,31) – und die uns immer wieder zur Dankbarkeit ruft.
In einer Zeit, in der viele Menschen nach Orientierung suchen, in der die Welt oft als zerrissen, laut und flüchtig erscheint, soll die Show eine leise Gegenbewegung bieten: Sie erzählt davon, dass Hoffnung eine Bewegung ist – dass jeder Übergang, selbst der schmerzhafte, eine Verheißung in sich trägt. Das „Tor zur Anderswelt“ ist nicht Eskapismus, sondern ein poetisches Gleichnis über das Menschsein, das Wagnis, sich verwandeln zu lassen, und die Gemeinschaft, die Heilung schenkt – auch über die Grenze zwischen Spezies hinweg.