Leipzig. Einsamkeit ist eines der großen sozialen Probleme unserer Zeit. Dabei bin ich davon überzeugt, dass sich jeder Mensch Kontakte, Austausch und Bezugspersonen wünscht. Und alle, unabhängig davon, ob sie schon lange in einem Viertel leben oder gerade erst aus einer anderen Stadt oder einem anderen Land angekommen sind, eint der Wunsch nach Sicherheit, gutem Wohnen und sozialen Verbindungen.
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In Plattenbaugebieten wie Grünau fällt mir immer wieder auf, dass die Menschen dort vor ähnlichen Herausforderungen stehen: Es gibt Menschen, die vereinsamt leben, isoliert sind von gesellschaftlicher Teilhabe oder schneller in Verschuldung geraten. Da lohnt es sich, diese vielen sozialen Themen zu verknüpfen und eine Brücke zu schlagen, zwischen den Alteingesessenen und den Geflüchteten, die dort ankommen.
Das integrative Nachbarschaftskonzept „Block:gestalten“
Gerade im Plattenbau prallen auf engstem Raum unterschiedliche Lebenswelten aufeinander. Darunter auch viele Menschen in Problemlagen – so entstehen schnell Spannungen. Ein Nachbarschaftskonzept mit einer integrierten Wohnstube könnte hier neue Perspektiven eröffnen. Oft gibt es zwischen den Hochhäusern bereits eine eigene Infrastruktur, mit kleinen Läden, Grünflächen und Spielplätzen.
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Im Zentrum der Platten stelle ich mir ein mehrstöckiges Gebäude vor, mit Büro-Räumen, einem „Kiez-Wohnzimmer“ und Wohnraum, der auch zur dezentralen Unterbringung von Geflüchteten dienen soll. In der Wohnstube des Kiezes können die Menschen ganz ohne Konsumzwang verweilen. Das Gebäude sollte einladend aussehen, mit Kunst aus dem Viertel, großen Glasfronten und klarer Beschilderung in verschiedenen Sprachen – ein integratives Nachbarschaftskonzept namens „Block:gestalten“.

Dort könnten Anwohnerinnen und Anwohner zum Beispiel Kochabende veranstalten. Mal wird zusammen syrisch gekocht, mal deutsch, mal libanesisch. Und alle essen gemeinsam – komplexe Hürden über einfache Brücken beseitigen. Ein Sprachcafé könnte entstehen, ein Aufenthaltsraum mit Billardtisch für Jugendliche und alle anderen oder sogar ein kleiner Kiosk mit Snacks aus verschiedenen Ländern. Es geht darum, dass Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen, außerhalb ihrer oft kleinen Wohnungen.

Visionen für Leipzig: Die große LVZ-Serie
Von Beginn an sollten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter das Projekt begleiten, mit den Menschen sprechen und erklären, was dort genau passiert. Sie sollen Ansprechpersonen bei alltäglichen Problemen für alle sein – unabhängig von der Dauer ihres Aufenthaltes in Leipzig. In der offenen Wohnstube könnten auch Betriebe vorbeischauen, sich vorstellen und mit den Menschen ins Gespräch kommen. Dies wäre ein direkter Zugang zu Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten.
Vom Stereotyp zum Individuum
Unsere Bürokratie stellt Geflüchtete lange ins Abseits, dabei muss ihr Ankommen von Anfang an mitgedacht werden. Denn Begegnungen auf Augenhöhe, die länger als fünf Minuten dauern, können bereits viele Vorurteile abbauen. Dann bleiben Menschen nicht abstrakte Figuren aus den Nachrichten, sondern werden zu biografischen Gegenübern: Wer sind die Geflüchteten eigentlich? Was haben sie erlebt? Warum mussten sie fliehen? Ebenso wichtig ist die andere Perspektive: Wie funktioniert der Alltag in Deutschland? Was ist typisch sächsisch?
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Viele Geflüchtete bringen eine Menge Energie und Motivation mit, hier anzukommen und sich etwas aufzubauen. Was ihnen oft fehlt, sind erste lokale Kontakte. Menschen, die sich auskennen, mit Behörden, mit Anlaufstellen für Vereine oder schlicht über das Miteinander im Alltag. Bei „Block:gestalten“ könnten Alteingesessene und Neuankommende hervorragend zusammenarbeiten – sich als Kollektiv eines Kiezes definieren und nicht voneinander abgrenzen.
Die Menschen im Block könnten stolz auf ihr Viertel sein: auf seine kulturelle Vielfalt, auf einen Ort, der Jung und Alt, Alteingesessene und Neuangekommene verbindet. Für Leipzig könnte das Nachbarschaftskonzept „Block:gestalten“ zu einer Blaupause für gelingendes Zusammenleben und echte Teilhabe werden.
Vergeben Sie Sterne für alle Visionen
Sie können jede der 50 Visionen für Leipzig mit Sternen bewerten: Ein Stern bedeutet, Ihnen gefällt die Vision gar nicht. Fünf Sterne bedeuten, Sie finden sie hervorragend. Unter allen Teilnehmern verlosen wir exklusive Preise. Die zehn bestbewerteten Visionen stellen wir nach Veröffentlichung noch einmal zur Abstimmung: Welche überzeugt Sie am meisten?
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Dave Schmidkte (36) ist Politikwissenschaftler und arbeitete bis Ende letzten Jahres als Referent für Presse und Öffentlichkeitsarbeit für den sächsischen Flüchtlingsrat. Er engagiert sich dort weiter ehrenatlich. In seiner Freizeit geht er gerne joggen und Fahrradfahren oder besucht verschiedene Konzerte.
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