Wo ein Kanzler zuerst hinfährt, mag symbolisch eine Rolle spielen, aber es ändert nichts an den Realitäten der Weltpolitik. In Berlin wird sich niemand der Illusion hingeben, dass Indien für Deutschland wichtiger wäre als China, dazu sind die Potentiale der beiden asiatischen Großmächte (noch) zu unterschiedlich. Aber ohne Zweifel braucht Deutschland neue Partner in Asien, und Indien wurde da viel zu lange übersehen.
Merz versucht, das mit seiner Reise nun genauso zu korrigieren wie sein Vorgänger. Allerdings zeigt schon die Agenda, wie sich die Welt in der kurzen Zeit seit 2024, als Scholz zuletzt in Delhi war, noch einmal verändert hat. Damals ging es viel um Zusammenarbeit beim Klimaschutz, heute ist dieser ein Stolperstein. Indien sieht das sogenannte Grenzausgleichssystem, mit dem die EU CO2-intensive Importe verteuert, als das, was es ist: ein Handelshemmnis. Es erschwert den Abschluss eines Freihandelsabkommens mit der EU. Wieder zeigt sich, dass die „regelbasierte Ordnung“, die Merz in Indien weiter als Ziel ausgab, sich nicht allein an europäischen Regeln orientieren wird.
Kooperation bei Wirtschaft und Rüstung
Geblieben sind andere Themen. Bei der Arbeitskräftegewinnung setzt auch diese Bundesregierung auf Indien. Dagegen ist nichts einzuwenden, allerdings sollte man darauf achten, dass wirklich ein Bedarf besteht. Auch eine engere Kooperation bei Wirtschaft und Rüstung ist im Interesse beider Länder.
Dass Merz von seinem Gastgeber, Ministerpräsident Modi, zu hören bekam, dass dessen Land nicht auf russisches Öl verzichten kann, kommt wiederum nicht überraschend. Nicht mal Trumps Zölle brachten diese Einnahmequelle Putins bisher vollständig zum Versiegen. Indien fährt seit der Unabhängigkeit einen pragmatischen und unabhängigen Kurs in der Außenpolitik.
Dass Merz sagt, er wolle da nicht „mit erhobenem Zeigefinger“ auftreten, ist nicht nur eine Anerkennung der Realität, sondern auch eine überfällige Anpassung der früher oft so oberlehrerhaften deutschen Wortwahl. Deutschland muss Russland in erster Linie selbst eindämmen.