Liebe Leserin, lieber Leser,
wenn
man an Urgesteine des Hamburger Kulturlebens denkt, dann denkt man
auch an Corny Littmann. Wobei er da wohl widersprechen würde. Denn
Littmann
sagt: „Ich bin nicht Hamburger, ich bin St. Paulianer – und damit hat
sich das.“
Doch
ob er nun will oder nicht, Littmann prägt das kulturelle Leben der
Stadt: Als Impresario der Schmidt Theater an der Reeperbahn, als
früherer Präsident des FC St. Pauli, als Klassensprecher des Kiez.
Und er tut das schon lange, mindestens seit dem 13. Januar 1976.
Damals – heute vor 50 Jahren – stand er zum ersten Mal mit seiner
Theatertruppe auf einer Bühne. Das war in der Fabrik in Altona,
seine Truppe hieß Brühwarm und machte schwules Kabarett.
Heute
weht jedes Jahr zur Pride Week die Regenbogenfahne über dem
Rathausmarkt. An der Binnenalster wird bald ein
besonderer Ort entstehen,
der die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt feiert. Das heißt
nicht, dass Hass und Gewalt gegen Schwule, Lesben und andere queere
Menschen heute kein Thema mehr sind. Doch manchmal unterschätzt man
als Nachgeborener (m/w/d), wie anders die gesellschaftlichen
Verhältnisse in den 1970er-Jahren waren.
Mir
wurde das in Erinnerung gerufen, als ich zwischen den Jahren einen
Vortrag von Simon Schultz hörte. Schultz ist Doktorand an der HFBK Hamburg und sprach
über die polizeiliche Überwachung von Pissoirs, die in Hamburg bis
1980 üblich war.
Das
klingt wie ein schlechter Scherz, ist aber wahr: In zehn öffentlichen
Toiletten gab es damals geheime Kammern, in denen von Zeit zu Zeit
Polizeibeamte saßen und heimlich beobachteten, was an der, Pardon,
Pissrinne so vor sich ging. Das
war Teil der städtischen Strategie gegen „homosexuelle Umtriebe“.
Wurde jemand dabei erwischt, eventuelle Anbahnungsversuche bei seinem
Nebenmann zu unternehmen, schritt der Beamte zur Tat – und erteilte
ein Hausverbot für die Herrentoilette.
© ZON
Newsletter
Elbvertiefung – Der tägliche Newsletter für Hamburg
Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.
Prüfen Sie Ihr Postfach und bestätigen Sie das Newsletter-Abonnement.
Auch
das klingt wie ein schlechter Scherz. Tatsächlich, so vermutet Simon Schultz, ging es wohl eher darum, die Personalien zu erfassen und das
Register aktuell zu halten, in dem die Behörden die ihnen bekannten
Homosexuellen verzeichneten. Und das klingt nun gar nicht mehr
witzig. Sie können hier
einen Videomitschnitt des Vortrags anschauen.
Die
heimliche Überwachung endete erst, als eine Gruppe queerer Menschen
darauf aufmerksam machte. Sie tat das sehr wirkungsvoll, geradezu
theatralisch: Einer von ihnen trat im Jahr 1980 vor einen Spiegel,
hinter dem sich die geheime Kammer der Polizei befand, und schlug ihn
mit einem Hammer ein.
Wer
das war? Genau, Corny Littmann. Er musste nicht fürchten, dass man
ihn durch diese Aktion ins zentrale Schwulenregister eintragen würde.
Er hatte sich ja längst geoutet vor der Stadt und ihren Spitzeln. Am
13.
Januar 1976, mit seiner Theatergruppe Brühwarm.
Heute
Abend feiert der St. Paulianer im Schmidt Theater sein
Bühnenjubiläum. Und vom 16. bis 19. April zeigt Simon Schultz auf
Kampnagel eine performative Ausstellung über die historischen
Toilettenspitzel und heutigen queeren Aktivismus. Titel:
Hammerschlag.
Ich
wünsche Ihnen einen schönen Tag!
Ihr
Oskar Piegsa
WAS HEUTE WICHTIG IST
Rund 500 Fahrgäste
saßen am Montagnachmittag in einer S-Bahn zwischen Wilhelmsburg und
Hammerbrook fest. Gegen 15 Uhr sei der Zug der Linie S3 zwischen
den Bahnhöfen Hammerbrook und Elbbrücken zum Stehen gekommen, sagte
eine Sprecherin der Deutschen Bahn. Daraufhin musste der
S-Bahn-Verkehr zwischen Wilhelmsburg und Hammerbrook in Richtung
Innenstadt eingestellt werden. Am Bahnhof Elbbrücken konnten die
Fahrgäste schließlich nach Stunden den Zug verlassen, teilte die
Bundespolizei mit. Hinweise auf einen Zusammenhang zu den
Witterungsverhältnissen gebe es bislang nicht.
© Carlotta Erler/dpa
Für heute ist
Tauwetter vorhergesagt: Die Hamburger Behörden sowie die Feuerwehr
warnen eindringlich davor, das Eis auf den zugefrorenen Gewässern in
der Stadt zu betreten. „Es gibt kein tragfähiges Eis in
Hamburg“, sagte ein Sprecher der Feuerwehr am Montag. Bislang hätten
sich alle in Hamburg auf die Warnung eingestellt, kein Mensch sei ins
Eis eingebrochen, die Feuerwehr musste nicht ausrücken. Am
Wochenende waren die Temperaturen in Hamburg auf bis zu minus 14 Grad
gesunken.
Der Wirbel um den
früheren Sportvorstand Stefan Kuntz beschäftigt die Mannschaft
des Hamburger SV ebenso wie den Verein. „Natürlich haben wir
darüber gesprochen“, sagte Cheftrainer Merlin Polzin in der
Spieltags-Pressekonferenz am Montag. Sein Motto und das Credo seien
aber auch, „dass wir uns auf die Dinge fokussieren, die wir
beeinflussen können“. Kuntz hatte zum 31. Dezember 2025
überraschend seinen Vertrag beim HSV nach anderthalb Jahren
aufgelöst. Am Sonntag berichtete die Bild-Zeitung von
Anschuldigungen gegen den 63-Jährigen, denen der frühere
Fußballnationalspieler am Abend auf seinem Instagram-Account
widersprach.
Nachricht des Tages
© UHH / Fachbereich Chemie / Behrens
Der
Wissenschaftler und frühere Senator Hansjörg
Sinn ist gestorben. Das
teilte sein Sohn mit. Sinn,
der in Ludwigshafen am Rhein geboren wurde, folgte 1965 einem Ruf an
die Universität Hamburg. Hier übernahm er eine Professur für
Angewandte Chemie. Er engagierte sich auch in der Leitung der
Universität, später wechselte er ins Rathaus. Von 1978 bis 1984
war Hansjörg Sinn parteiloser Wissenschaftssenator und initiierte
die Gründung der Technischen Universität im Stadtteil Harburg, ein
Anliegen, das er zu diesem Zeitpunkt schon lange verfolgt hatte.
Einen
Erfolg dieser Gründung konnte Sinn im vergangenen Sommer
noch miterleben: Da wurde der TU Hamburg – die jünger und kleiner
ist als viele andere in Deutschland – die Finanzierung eines
Exzellenzclusters zugesprochen, was in etwa dem Aufstieg in die
Bundesliga der Forschung entspricht. TU-Präsident Andreas
Timm-Giel bezeichnete Hansjörg Sinn als „wichtigsten Vordenker“
der Hochschule und sagte: „Sein Leitbild ›Technik für die
Menschen‹ prägt uns bis heute.“
Wissenschaftssenatorin
Maryam Blumenthal (Grüne) würdigte, dass Hansjörg Sinn „unsere
Stadt als Wissenschaftsstandort entscheidend geprägt“ habe. Das
Präsidium der Universität Hamburg spricht von Sinn als einem herausragenden Forscher und
engagierten akademischen Lehrer. Verstorben
ist Hansjörg Sinn bereits am 16. Dezember im Alter von 96 Jahren.
Heute gibt es um 14 Uhr eine Trauerfeier in der Dorfkirche Buntenbock
in Clausthal-Zellerfeld
im Harz. Hier hatte Sinn zuletzt gelebt.
Oskar
Piegsa
In aller Kürze
• Bei einem Auffahrunfall nahe Reinbek wurden am
Sonntagabend sieben Menschen verletzt, darunter ein Baby •
Nach dem Brand einer Gaststätte in Barmbek haben 16 Bewohner
in der Nacht zu Montag ihre Wohnungen verlassen müssen. Wie die
Feuerwehr mitteilte, brannte die Gaststätte am Wiesendamm komplett
aus, ein Teil des Gebäudes stürzte ein, die Bewohner wurden in
Bussen untergebracht
THEMA DES TAGES
© Lennart Ganninger für DIE ZEIT
Für manche ist es ein Katastrophentag. Für andere Winter
Schulen
zu, Bahnen stehen still, Straßen leer: So war der Sturmfreitag in
Hamburg. ZEIT-Autor Tom Kroll war unterwegs in der Stadt; lesen Sie
hier einen Auszug aus seiner Reportage.
Der
Schnee umwirbelt Bernhard Süß und seine Hündin Leni. Die beiden
stehen an Gleis 11 des Hamburger Hauptbahnhofs, es ist Freitag, 11.19
Uhr, und gerade ist klar geworden, dass der Fernverkehr sie nicht
mehr nach München bringen wird. Der 65-jährige Rentner wirkt
dennoch gelassen. „Das Wetter stresst mich nicht“, sagt er, vor dem
Bahnhof steht der Schnee den Menschen bereits bis zu den Knien. Süß
sagt, in München sei man „noch mehr Schnee gewöhnt“. Gekommen war
der Mann aus Lappland. Dort hatte er Urlaub gemacht, bei minus 30
Grad. Der Nachtzug aus Stockholm brachte ihn nach Hamburg. Nun sitzt
er hier fest.
An
diesem Vormittag weiß noch niemand so richtig, ob der ausgefallene
Fernverkehr das Dramatischste ist, was heute passieren wird. Für
Norddeutschland war
ein starker Schneesturm angekündigt worden (Z+),
der am Nachmittag seinen Höhepunkt erreichen sollte. In Hamburg
schlossen vorsorglich die Schulen, Beerdigungen fanden nicht statt,
und sogar Bundesligaspiele fielen aus.
Mittlerweile kann man
sagen: Alles ist weniger schlimm geworden als angenommen. Das hat
wohl auch mit dem Ersten Bürgermeister Hamburgs, Peter Tschentscher
(SPD), zu tun. Er hatte am Vorabend des Sturms gegen 20 Uhr ein
Warnvideo auf seinem Instagram-Kanal hochgeladen, in dem er mit
gefalteten Händen und besorgter Miene alle „Bürgerinnen und
Bürger“ bat, zu Hause zu bleiben. „Gemeinsam bewältigen wir die
Lage am besten“, sagte er und weckte wohl bei einigen Zuschauerinnen
und Zuschauern Erinnerungen an die längst verdrängte
Coronapandemie.
In
den Abendstunden vor dem Sturmtag zogen also die Hamburgerinnen und
Hamburger in die Supermärkte und Discounter. In vielen Filialen
leerten sich die Regale mit Konserven und Trinkwasserflaschen
merklich, so als ob der Sturm nicht nur einen Tag und eine Nacht,
sondern eine ganze Woche wüten würde. Der ehemalige Fußballprofi
und heutige Rewe-Filialleiter Holger Stanislawski postete ein Bild
aus seinem Markt in Hamburg-Barmbek: darauf das volle Klopapier-Regal
und die Worte „Ruhe bewahren“.
Und so sind am Freitag
Hamburgs Straßen den ganzen Tag über wie leer gefegt.
Wie
es war, wenn man doch vor die Tür ging,
lesen Sie
weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de.
DER SATZ
© Frank Siemers / JazzHall
„Und
erst im allerletzten Moment erfährt man, welche Musikerinnen und
Musiker auftreten werden. Im Falle von William Jack kam die
entsprechende E-Mail zehn Minuten nach Einlass und zwanzig Minuten
vor Konzertbeginn.“
Kommen
mehr Leute zu Konzerten von Newcomern, wenn man vorab nicht verrät,
wer spielt? ZEIT-Redakteur
Oskar Piegsa hat sich das Experiment der Veranstalter angeschaut.
DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN
Heute
startet auf Kampnagel das fünftägige Festival „klub
katarakt“ – zugleich feiert die Reihe ihr 20-jähriges Bestehen als Plattform
für experimentelle Musik. Das Programm reicht von ausgefallen bis
avantgardistisch und folgt dabei dem Anspruch, dass für die
Begegnung mit den Klängen kein Spezialwissen erforderlich ist. Das Eröffnungskonzert bespielt die ineinander übergehenden Hallen P1, KMH und K4. Das
Publikum ist eingeladen, sich frei durch Raum und Klang zu bewegen.
„klub
katarakt“, Dienstag, 13., bis Samstag, 17. Januar; Kampnagel,
Jarrestr. 20; das
komplette Programm finden Sie hier
MEINE STADT
Schneemann-Idylle auf der Krugkoppelbrücke © Petra Kehrer
HAMBURGER SCHNACK
Abends
zu Fuß in der Zeißstraße. Auf dem verschneiten Bürgersteig ist
die Schneedecke griffig, zum Teil gestreut. Ich gehe entspannt.
Plötzlich ist es darunter spiegelglatt, und ich rutsche aus, kann
mich gerade noch wieder fangen, gehe weiter. Ein Mann biegt um die
Ecke. Ich: „Seien Sie bitte vorsichtig, es ist teilweise
spiegelglatt unter dem Schnee. Ich hätte mich fast hingelegt.“ Er
guckt mich an und sagt: „Hinlegen ist später“, und geht
seelenruhig an mir vorbei.
Gehört
von Anne Schumacher
Das war
die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie
möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie
ihn hier kostenlos abonnieren.