In diesen Tagen der guten Vorsätze und des Verzichts ist bei Borussia Mönchengladbach ausgerechnet ein Fußballer namens Haris Tabakovic mit seinem einst in Berlin erworbenen Spitznamen „Fluppe“ in aller Munde. Keine Sorge, der Mann ist natürlich Nichtraucher. Und mit neun Toren in 13 Bundesligaspielen seit der Amtsübernahme durch den Trainer Eugen Polanski hat Tabakovic einen derart gravierenden Anteil am aktuellen Aufschwung der Borussia, dass vor dem Bundesliga-Gastspiel bei der TSG Hoffenheim darüber diskutiert wird, ob ihn die Gladbacher nicht fest verpflichten sollten. Bislang ist der 31-Jährige nur eine Leihgabe vom Gegner an diesem Mittwochabend.
Dass Tabakovic im vergangenen Sommer am Niederrhein gelandet ist, hatte auch damit zu tun, dass Gladbachs Mittelstürmer und Nationalspieler Tim Kleindienst nach einer Knie-OP monatelang ausfallen sollte. Als der vermeintlich genesene Kleindienst Ende des Jahres wieder erste Kurzeinsätze feierte, gingen bereits Überlegungen los, wie die beiden baumlangen Mittelstürmer angesichts allzu ähnlicher Rollen in einer Art Schichtbetrieb einzusetzen wären. Doch dann erlitt das Knie einen Rückschlag, weshalb mit Kleindiensts Rückkehr vor Februar kaum zu rechnen ist.
Nun also ist der Notgroschen Tabakovic Gladbachs härteste Währung, und mit seinen neun Ligatreffern ist er der Torjäger Nummer eins. Nach seinem Doppelpack zuletzt am Sonntag beim 4:0 gegen Augsburg hat in der gesamten Bundesliga nur noch Bayerns Harry Kane mehr Tore vorzuweisen als der mentalitätsgetriebene Aushilfsgladbacher. „Haris ist für uns ein enorm wichtiger Spieler“, sagt Coach Polanski, „er ist ein Zielspieler, der sich viele Situationen erarbeitet.“ Dass der robuste 1,96-Meter-Mann gegen Augsburg eigentlich vier Tore hätte schießen müssen, zwei Hochkaräter aber liegen ließ, gefiel Polanski ebenfalls. „Er war noch nicht mal bei 100 Prozent“, deutete der Trainer gewisse Erwartungen für die kommenden Wochen an. „Wir sind sehr froh, dass Haris bei uns ist.“ Die Frage ist: Wie lange noch?
Tabakovic wohnt mit seiner Frau in Düsseldorf mit Blick auf den Rhein, zur Miete und möbliert. Schon daraus spricht perspektivisch große Flexibilität. Zu einer über den Sommer hinausgehenden Tätigkeit in Mönchengladbach sagt der Angreifer vage: „Natürlich macht man sich Gedanken, aber ich lasse alles auf mich zukommen. Wir werden sehen, was passiert.“ Diese Sätze lassen die Situation aus seiner Sicht ebenso offen wie aus der Perspektive von Borussia Mönchengladbach, wo man angesichts der Unwägbarkeiten bei Kleindienst momentan kaum konkrete Pläne zu schmieden vermag. Kleindienst hat seinen Vertrag zwar kürzlich bis 2029 verlängert, er gilt aber auch als lukrativer Verkaufskandidat für den Fall, dass er bald wieder seine Topform zurückerobert. Der 30-Jährige träumt von der Teilnahme an der WM. Doch sollte sich sein Comeback noch weiter verzögern, könnte die Zeit dafür knapp werden.
Nach all den Lehr- und Wanderjahren kann er nun endlich zeigen, dass er erstligatauglich ist
Mit elf Pflichtspieltoren (zwei davon im Pokal) hat sich Tabakovic als Gladbachs Königsleihtransfer etabliert. Weil sie in Hoffenheim auf die hochtalentierten flinken Stürmer Fisnik Asllani und Tim Lemperle setzen, war Tabakovic dort abkömmlich und konnte guten Gewissens verliehen werden. Mit seiner aktuellen Saisonbilanz distanziert er nun sogar die bei der TSG bevorzugten Asllani und Lemperle (sechs und fünf Ligatreffer); seinen Marktwert samt möglicher Ablöse hat er gewiss deutlich gesteigert.
Hoffenheim hat den in der Schweiz geborenen Sohn bosnischer Eltern im Sommer 2024 für drei Millionen Euro plus Boni vom Zweitligisten Hertha BSC verpflichtet. In Berlin hatte Tabakovic als Zweitliga-Schützenkönig in 32 Spielen 22 Tore erzielt, anschließend in Hoffenheim mit nur drei Treffern in 22 Bundesligapartien aber deutlich weniger Treffsicherheit dokumentiert. In Gladbach beweist er nun spät in seiner Karriere erstmals Bundesliga-Tauglichkeit und zelebriert die Borussia-Leihe souverän als Win-win-Konstellation.
Nach einer Knieverletzung vor sieben Jahren hatte Tabakovic für seine Karriere einen enormen Umweg über den österreichischen Zweitligisten Austria Lustenau nehmen müssen, um von dort aus über die Stationen Austria Wien und Hertha BSC in der deutschen Bundesliga zu landen. Dass er nach all den Lehr- und Wanderjahren in Wien, Berlin und Hoffenheim nun schon in der vierten Saison nacheinander für einen neuen Klub spiele, das erzählte Tabakovic kürzlich in der Sky-Homestory Meine Geschichte, löse in ihm ein euphorisierendes „Kribbeln“ aus. „Ich spiele in der Bundesliga bei einem unglaublichen Klub und lebe meinen Traum.“
So etwas hören sie bei der Borussia gerne. Mit dem Sieg gegen Augsburg haben die Gladbacher erstmals in dieser Saison den rheinischen Rivalen 1. FC Köln überholt, das gilt manchem Fan bereits als Nonplusultra. Unter dem neuen Trainer Polanski und dem neuen Sportchef Rouven Schröder erholt sich Gladbach von einem schwierigen Jahr 2025. Nach bloß drei Punkten aus den ersten acht Saisonspielen und dem Absturz auf den letzten Tabellenplatz hat die Borussia in den nächsten acht Spielen 16 Punkte geholt und sich tapfer ins Mittelfeld hochgearbeitet.
Mit einem Sieg am Mittwoch in Hoffenheim ginge die Gladbacher Erholungsphase weiter, während man dem Gastgeber den möglichen Sprung auf einen Champions-League-Platz verwehren könnte. Ausgerechnet Haris Tabakovic könnte für die TSG Hoffenheim zum Spielverderber werden.