Hannover. Nils Scharringhausen sitzt in der Bar „Sternwarte“ in Hannovers City vor einer Virgin Colada. „Süß und sahnig, das finde ich gut.“ Ist diese Getränkewahl ein Beispiel für den „Dry January“, der im Internet ein Hype ist? „Den Begriff habe ich noch nie gehört“, sagt Scharringhausen mit einem Lachen. „Mir war Alkohol schon zu Schulzeiten suspekt.“ Keine Drogen – das gelte bei ihm auch für Alkohol.

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Trocken durch den Januar kommen, das nehmen sich derzeit viele Menschen vor. Darunter auch Prominente wie Schauspieler Matthias Schweighöfer (44) oder TV-Moderator Joko Winterscheidt (46, „Man kann auch sternhagelfit die beste Zeit haben“). Bei Google trendet der Begriff Dry January. Aber spürt man die Auswirkungen auch in Hannovers Nachtleben?

Gute Vorsätze im „Oscar‘s“

Thomas Fischer (59) ist einer, der es wissen muss, seine Bar „Oscar‘s“ an der Georgstraße ist seit Jahrzehnten eine der besten Adressen für einen gepflegten Drink. „Das gab es schon immer“, sagt er lässig über den vermeintlichen Januar-Trend. „Im neuen Jahr besinnt man sich, fasst gute Vorsätze.“ Nach üppigen Weihnachtsfeiern und übermäßigem Konsum im Dezember sei das normal.

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Man achtet darauf, was man trinkt, ist vernünftig. Gerade junge Frauen verzichten auf Zucker, Koffein, Nikotin.

Thomas Fischer,

Inhaber der Bar „Oscar’s“

Der Barinhaber beobachtet aber schon seit einigen Jahren eine Entwicklung bei der jüngeren Generation: „Man achtet darauf, was man trinkt, ist vernünftig. Gerade junge Frauen verzichten auf Zucker, Koffein, Nikotin.“ Da sei es egal, ob gerade Januar oder September sei. Fischer hat auch andere, wildere Zeiten erlebt. „Früher war das anders.“

Üppige Deko, veganer Eiweißschaum: Die alkoholfreien Drinks Apero Sour (links) und Mezcal Sour kosten im „Oscar's“ 12,50 Euro.

Doch auch an diesem Donnerstagabend ist das „Oscar‘s“ mit seinem verschnörkelten Tresen, den dunkel vertäfelten Wänden und der Karte mit mehr als 250 Drinks die Anlaufstelle für Menschen, die Promille nicht verteufeln. Tina (29) und Adam (31), die erst vor drei Monaten nach Hannover gezogen sind, sitzen vor zwei Gläsern Guinness. „Ich trinke nur einmal pro Woche“, erzählt der US-Amerikaner, der am Flughafen im Schichtdienst arbeitet und freie Tage vor sich hat. „Heute ist mein Samstag“, sagt er und stößt mit seiner Begleiterin an.

Genuss und Gesellschaft

Auch Alissa Woelke (37) sieht keinen Bedarf, einen Monat auszusetzen. „Ich trinke nur beim Ausgehen. Es geht um Genuss und Gesellschaft.“ An diesem Abend gehört für sie ein Glas Weißwein dazu, Ömer Güven (36) hat einen Cocktail bestellt. „Im Sommer habe ich drei Monate für einen Triathlon trainiert, in solchen Phasen verzichte ich aus sportlichen Gründen. Aber der Neujahrstag ist für mich kein Trigger.“

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„Ich trinke nur beim Ausgehen": Alissa Woelke verzichtet im Januar nicht auf Alkohol. Auch Ömer Güven gönnt sich einen Cocktail.

Das „Oscar‘s“-Team ist das ganze Jahr über darauf eingestellt, dass Gäste lieber auf Alkohol verzichten. „Man kann alles nachbilden“, sagt Thomas Fischer über Klassiker wie Mezcal Sour. Barkeeper Joakim Pavlidis zieht dafür eine Flasche der Marke Undone aus dem üppig bestückten Regal hinter dem Tresen. „Das Angebot für alkoholfreie Spirituosen ist in den vergangenen drei Jahren deutlich größer geworden.“ Der Drink für 12,50 Euro wird sogar in der veganen Version zubereitet – mit Eiweißersatz.

Das bringen 30 Tage Verzicht

Der „Dry January“ startete 2014 mit einer britischen Gesundheitskampagne. Forscher der Universität Sussex untersuchten, welche Folgen ein vierwöchiger Verzicht auf Alkohol hat. Die Ergebnisse: Das Herz profitiert sofort, denn Alkohol ist ein Zellgift und steigert den Blutdruck – das kann zu Herzrhythmusstörungen führen. Die Leber ist für die Entgiftung des Körpers zuständig. Muss sie ständig große Mengen Alkohol abbauen, lagert sie Fett ein. Schon nach sieben Tagen ohne Alkohol sind positive Folgen zu sehen. Nach rund einem Monat gehen Entzündungen von Haut und Magen zurück. Die Teilnehmer der britischen Studie berichteten auch von besserem Schlaf, Gewichtsverlust und mehr Energie. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat jüngst früher geltende Richtwerte für „tolerierbare Alkoholmengen“ zurückgenommen. Die Neubewertung besagt: Es gibt keine sichere Menge für unbedenklichen Alkoholkonsum.

David Koc (50), der seit elf Jahren hinter dem Tresen seiner winzigen Bar „Sternwarte“ an der Theaterstraße steht, hat ein Dutzend alkoholfreie Drinks auf der Karte. „Und ein paar mehr zaubere ich aus der Tasche, wenn Gäste etwas Besonderes wollen.“ Und das wollen sie immer öfter.

Mixt mit Leidenschaft: David Koc hat in seiner „Sternwarte“ ein Dutzend alkoholfreie Drinks auf der Karte.

Lust auf einen Cocktail, der schmeckt wie das Eis „Split“ aus der Kindheit? Koc mixt Maracujasaft, frischen Limetten- und Orangensaft und Vanilleextrakt, steckt außerdem zwei Schokostäbchen ins Glas. „Etwas Gutes für den Körper, da sind viele Vitamine drin – und gar kein Alkoholersatz. Es gibt viele Möglichkeiten.“

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Die Nachfrage wächst

Auch wenn eine fröhliche Vierergruppe Freundinnen kurz vor dem Musical-Besuch in der Oper an diesem Abend kleine Mexikaner kippt: „Die Nachfrage wird mehr und mehr. Das Thema ist wichtig“, findet Koc. Weil Gäste noch mit dem Auto nach Hause müssen, weil mit einem anderen Bewusstsein konsumiert werde. Der Barkeeper geht an diese Bestellungen mit derselben Methode heran. „Es ist ein Spiel mit Säure und Süße, es geht darum, die Balance zu finden.“

Dry January sollte kein Freifahrtschein für die restlichen elf Monate sein.

Maren Meyer,

Deutsche Barkeeper-Union

Eine Herausforderung für ihren Berufsstand sieht Maren Meyer – die Hannoveranerin ist gerade für vier weitere Jahre zur Chefin der deutschen Barkeeper-Union gewählt worden. Seit Corona sei ein gesunder Lifestyle immer wichtiger geworden. „Viele Menschen machen ‚Dry January‘, aber das sollte kein Freifahrtschein für die restlichen elf Monate sein“, findet sie. „Genuss in Maßen ist das Wichtigste.“

Wild, auch ohne Alkohol: Derya Ivkin leitet seit zwei Jahren  „Walk on the Wild Side" am Küchengarten.

In der Bar „Walk on the Wild Side“ setzen Momo Ben Khelifa und Derya Ivkin auf alkoholfreie Spirituosen für „trockene“ Cocktails, die inzwischen 30 Prozent des Angebots ausmachen. „Es gibt inzwischen sogar Amaretto ohne Alkohol, das ist krass“, zieht der Barkeeper den Vergleich zu früheren Zeiten. Der „Dry January“ mache seine Bar nicht leer. „Die Leute gehen trotzdem raus, sie wollen Gesellschaft.“

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Grund zum Feiern: Zoey Richter (links) und Nils Scharringhausen in der Bar „Sternwarte“.

Wie Zoey Richter in der „Sternwarte“. „Ich habe heute meine Ausbildung abgeschlossen.“ Ein Grund zum Feiern, darauf wurde mit einem Lychee Sour angestoßen. Mit Alkohol. „Ich hatte schon einen Dry November und Dezember …“

HAZ