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Die Stahlkrise verschärft sich in Deutschland. Wälzholz verlagert die Produktion und spart Kosten. In Lüdenscheid endet eine Traditionsära abrupt.
Lüdenscheid – Die Wälzholz GmbH und Co. KG mit Hauptsitz in Hagen hat ihren Standort in Lüdenscheid aufgegeben. Bereits seit Anfang Dezember wird an der Nottebohmstraße kein Präzisionsbandstahl mehr produziert. Neun Mitarbeiter hatte die Wälzholzfiliale in Lüdenscheid zuletzt noch.
In dieser Produktionshalle an der Nottebohmstraße wird seit Anfang Dezember nicht mehr produziert: Die Wälzholz-Gruppe hat ihren Standort in Lüdenscheid aufgegeben. © Cornelius Popovici
Ein Teil hat die Übernahmeangebote des Unternehmens für die Arbeit an anderen Wälzholz-Standorten (Iserlohn, Hagen, Plettenberg) angenommen. Ein anderer Teil der Mitarbeiterschaft hat sich eine andere Arbeit gesucht, mindestens zwei ehemalige Mitarbeiter, die seit Jahrzehnten für das Unternehmen tätig waren, sind indes seit Anfang Dezember arbeitslos.
Stahlkrise trifft Lüdenscheid: Wälzholz schließt Standort
Im März 2025 hatte die Wälzholz-Geschäftsführung die Schließung des Standorts im Unternehmen kommuniziert und entsprechend auch in einigen Fällen die Kündigungen ausgesprochen. „Wir haben zwei Service-Punkte in Iserlohn und in Italien“, stellt eine Sprecherin des Unternehmen auf Anfrage fest. „Mit dem Betriebsende im November wird die Arbeit und Produktion in eigene Standorte verlagert. Gemietete Locations wurden aufgegeben, auch ein Standort in Italien.“ Das Unternehmen setzt auf Synergien, will sparen. Die Maschinen aus Lüdenscheid sind nach Darstellungen der Mitarbeiter inzwischen nach Italien und Österreich transferiert worden.
Die Stahlproduktion steckt bekanntlich weltweit, ganz besonders allerdings in Deutschland, in einer tiefen Krise, getrieben durch hohe Energie- und Lohnkosten, massive Überkapazitäten (aus Asien), aber auch eine mangelnde Nachfrage. Dies hat zu drastischen Produktionsrückgängen und auch Werksschließungen geführt. Die Wälzholz-Filiale in Lüdenscheid – seit 2017 hatte die Wälzholz-Gruppe diesen Standort übernommen – ist da eine vergleichsweise kleine. Hunderttausende Arbeitsplätze sind in der Stahlbranche verloren gegangen.
Anfänge im Jahr 1978, Theis-Übernahme zum Jahrtausendwechsel
An der Kalve geht eine lange Tradition zu Ende. Auch wenn das Unternehmen seit 2017 zur Wälzholz-Gruppe gehörte, hieß es bis zuletzt auf der Unternehmensbeschilderung an der Nottebohmstraße „Kuhbier & Knörr“. 1978 war die Kuhbier & Knörr GmbH in Lüdenscheid als Abspaltung des großen Players Kuhbier in Schalksmühle an den Start gegangen. Kuhbier & Knörr wurde zu einem Beispiel für die vielen mittelständischen Metallbetriebe, die Lüdenscheid zu einer bedeutenden „Stadt der Medaillen und Metallwaren“ machten und Arbeitsplätze sowie Know-how sicherten.
Kuhbier & Knörr hatte in diesem Kontext eine Nische entdeckt, machte sich als Musterlieferant einen Namen, produzierte auch für viele Lüdenscheider Unternehmen Kleinstmengen Stahl zwischen 25 Kilogramm und 100 Kilogramm. Viele Autozulieferer aus Lüdenscheid und der Region, die Stanzteile benötigten, waren langjährige Partner, aber auch für die Elektro- und Bauindustrie war man ein gern gesehener Ansprechpartner, bei dem Muster ausgetestet werden konnten.
Mit dem Betriebsende im November wird die Arbeit und Produktion in eigene Standorte verlagert.
Dabei hatte sich der Standort in Lüdenscheid eine hohe Expertise für rostfreien Präzisionsstahl erworben, Stahl in dünne Bänder geschnitten. Auch deshalb wird von langjährigen Mitarbeitern bezweifelt, ob die Rechnung der Wälzholz-Gruppe aufgeht, denn am Standort in Iserlohn ist dieser hochwertige, rostfreie Präzisionsbandstahl bisher nicht produziert worden. Ob Unternehmen der Region für Muster Partner in Italien suchen werden, ist zudem fraglich.
Sei‘s drum: Bis ins Jahr 1999 war das Unternehmen an der Kalve eigenständig erfolgreich unterwegs, dann übernahmen die Friedrich-Gustav-Theis-Kaltwalzwerke aus Hagen-Halden den „Kleinmengenhersteller“ aus Lüdenscheid. Die Gründer von Kuhbier und Knörr hatten das Alter erreicht, legten die Zukunft des Unternehmens in die Hände des größeren Unternehmens aus der Nachbarstadt. 2017 erwarb die Wälzholz-Gruppe, ein direkter Hagener Nachbar, dann die Gesellschaftsanteile der Friedrich-Gustav-Theis-Kaltwalzwerke komplett und übernahm damit auch den Standort in Lüdenscheid.
2300 Mitarbeiter weltweit sind für die Wälzholz-Gruppe aktiv und produzieren nach Darstellung des Unternehmens an Standorten in Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien mehr als 780 000 Tonnen hochwertige kaltgewalzte Stahlbänder und -profile im Jahr. Der Standort in Lüdenscheid, er gehört seit Anfang Dezember nicht mehr dazu.
In der direkten Nachbarschaft an der Kalve hatte zuletzt das Unternehmen Canto Insolvenz angemeldet.