Er fühle sich wie auf einer Zeitreise zurück in die 1990er Jahre, sagte Nicolas Guillou im November. Der französische Richter ist Mitglied des Internationalen Strafgerichtshofs und wurde vergangenen August von den USA mit Sanktionen belegt. Sein Vergehen bestand aus Sicht der Trump-Regierung darin, dass er Haftbefehle gegen israelische Politiker wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen erlassen hat.
Diese Sanktionen beeinträchtigten „jeden Aspekt meines täglichen Lebens“, sagte er gegenüber „Le Monde“. Besonders hart trifft ihn, dass er durch die Sanktionen praktisch abgeschnitten ist von vielen Finanzdienstleistungen; seine Kreditkarten kann er nicht mehr nutzen.
Amerikanische Firmen wie Visa, Mastercard und PayPal haben in einigen europäischen Ländern ein de-facto Monopol auf digitale Bezahlsysteme. Die Abhängigkeit von einem Weltfinanzsystem, das um den Dollar kreist, haben bis vor einiger Zeit vor allem Schurkenstaaten, Diktatoren und Terroristen zu spüren bekommen. Spätestens seit der zweiten Trump-Regierung kann jeder ein potenzielles Ziel werden, der das Missfallen der Amerikaner erregt.
Trump hat immer wieder bewiesen, dass ihm jedes Mittel recht ist, um seine Ziele zu erreichen. Um die Kontrolle über Grönland zu erlangen, droht er einem Nato-Verbündeten, Dänemark, mit militärischer Gewalt. Im Vergleich dazu wirken mögliche Finanzsanktionen geradezu harmlos. Zu denken, Trump würde sie nicht in sein Arsenal von Druckmitteln, auch gegen befreundete Staaten, aufnehmen, wäre naiv.
Spätestens seit der zweiten Trump-Regierung kann jeder ein potenzielles Ziel von Sanktionen werden, der das Missfallen der Amerikaner erregt.
Europa muss über Jahre, vielleicht Jahrzehnte, hunderte Milliarden Euro ausgeben, um militärisch und technologisch unabhängiger gegenüber den USA zu werden. Bei den Zahlungssystem liegt aber eine Alternative auf dem Tisch, die im Vergleich dazu schnell und relativ günstig umzusetzen wäre: der digitale Euro. Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte schon im kommenden Jahr ein Pilotprojekt starten und 2029 die ersten digitalen Euros ausgeben.
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Aus der Finanzindustrie formiert sich Widerstand. Die Banken, die an eigenen Zahlungssystemen arbeiten, fürchten die quasistaatliche Konkurrenz. Sie verweisen darauf, dass die EZB als Aufseher und Schiedsrichter nicht zum Mitspieler auf dem Finanzmarkt werden dürfe. Wenn Kunden ihre Euros künftig im digitalen „Wallet“ aufbewahren, zahlen sie das nicht mehr auf dem Girokonto ein, so die Angst. Diese Geldmittel würden den Privatbanken fehlen.
Verglichen damit, was auf dem Spiel steht, wirken diese Bedenken kleinteilig. In den letzten Jahrzehnten ist es europäischen privaten Banken nie gelungen, eine europaweite Alternative zu PayPal und Co. zu entwickeln. Selbst wenn der aktuelle Versuch mit Wero erfolgreich ist, bleiben die europäischen Betreiber mit ihren Aktivitäten in den USA erpressbar.
So haben Anfang der Woche über 60 Ökonomen, darunter Thomas Piketty, in einem offenen Brief den digitalen Euro als „einzige Verteidigung“ gegen die US-Dominanz bezeichnet. Sonst bestehe die Gefahr, dass Europa die Kontrolle über das „grundlegendste Element unserer Wirtschaft“ verlieren werde: „unser Geld“.