Was für ein fantastisches Comeback! Nachdem entsprechende Pläne über die Jahre immer wieder im Sande verlaufen waren, hat sich das „Sunshine“-Dreamteam Danny Boyle (Regie) und Alex Garland (Drehbuch) doch noch zusammengefunden, um einen dritten Teil der „28 Days Later“-Zombie-Saga auf die Beine zu stellen: Ihr „28 Years Later“ geriet 2025 zur schonungslosen, stark bebilderten und überraschend emotionalen Fortführung – und war trotzdem nur der Anfang von etwas noch Größerem!

Schließlich hatte „Ex Machina“-Mastermind Alex Garland direkt Skripte für eine ganze „28 Years Later“-Trilogie geschrieben. Teil 2 wurde sogar unmittelbar im Anschluss an den Auftakt gedreht, allerdings diesmal nicht von Danny Boyle, sondern von „Hedda“-Regisseurin Nia DaCosta. Obwohl „28 Years Later: The Bone Temple“ den eingeschlagenen Weg konsequent (und sogar noch eine Spur brutaler!) fortführt, ist das Sequel in vielen Belangen auch erfrischend anders – und dabei genauso gelungen.

Jimmy Crystal (Jack O’Connell) zieht mit seiner Teufelsanbetungs-Sekte mordend und folternd durchs Land.

Sony Pictures

Jimmy Crystal (Jack O’Connell) zieht mit seiner Teufelsanbetungs-Sekte mordend und folternd durchs Land.

Nach dem Tod seiner Mutter hat der junge Spike (Alfie Williams) der sicheren Inselgemeinschaft samt seinem Vater den Rücken gekehrt, um sich auf eigene Faust auf dem von Infizierten überrannten Festland durchzuschlagen. Als er auf den sektenartigen Kult des durchgeknallten Jimmy Crystal (Jack O’Connell) trifft, lenkt die Begegnung sein Schicksal allerdings in unerwartete Bahnen. Aus Mangel an Alternativen schließt sich Spike dem flammenden Satan-Verehrer zwar zunächst an, sucht aber schon bald verzweifelt einen Ausweg aus der sadistischen Truppe, die folternd und mordend durchs Land zieht.

Unterdessen wagt Dr. Kelson (Ralph Fiennes) ein riskantes Experiment. Er hegt die Hoffnung, dass irgendwo in dem von ihm auf den Namen Samson getauften Alpha-Zombie (Chi Lewis-Perry) doch noch etwas Menschliches schlummert – und versucht daher mit allen Mitteln (inklusive starker Psychopharmaka), eine Bindung zu ihm aufzubauen. Doch kann er tatsächlich zu dem Rückgrate herausreißenden Hünen durchdringen?

Doch kein ironisches Metzelfest

Die absolut irre Schlussszene von „28 Years Later“ hat viele Zuschauer*innen vor den Kopf gestoßen. Als der Film eigentlich schon vorbei schien, trat plötzlich Jimmy Crystals wilde Gang in ihren quietschbunten Trainingsanzügen auf – und machte mit einer Horde Infizierter mit akrobatischen Martial-Arts-Kunststückchen zu harten Metal-Sounds kurzen Prozess. Nicht alle waren darüber happy, weil die Sequenz tonal völlig anders wirkt als der Rest des Films. Aber wer deshalb befürchtet, dass die Fortsetzung jetzt plötzlich ein durch und durch überzogenes, augenzwinkernd-ironisches Metzelfest mit genau diesem Vibe wird, den können wir direkt beruhigen.

„The Bone Temple“ nutzt den bewusst befremdlichen Schlussakkord des Vorgängers stattdessen geschickt, um jetzt direkt maximal zu verstören: In einer Szene führt ein Mitglied von Jimmys Gang noch einen peinlichen Teletubby-Tanz auf, aber schon im nächsten Moment ziehen die Kultisten mit ihren blonden Perücken einem Opfer erbarmungslos die Haut vom Leib. Hinter der wahnsinnigen Fassade brodelt bereits das Unvermeidliche – und bricht sich später umso heftiger Bahn. In Anbetracht der absoluten Hilflosigkeit von Jimmys Opfern ist das stellenweise kaum zu ertragen. Dass der Auftakt von „The Bone Temple“ nach der Wildnis-Odyssee des Vorgängers mit einem städtischen Setting mehr Zivilisation verspricht, nur um die Figuren darin dann umso unzivilisierter agieren zu lassen, ist ein genialer und angemessen zynischer Kniff.

Die Annäherung von Dr. Kelson (Ralph Fiennes) und seinem Alpha-Zombie Samson ist nicht nur berührend, sondern auch überraschend humorvoll.

Sony Pictures

Die Annäherung von Dr. Kelson (Ralph Fiennes) und seinem Alpha-Zombie Samson ist nicht nur berührend, sondern auch überraschend humorvoll.

Ja, die Jimmys sind Trottel – aber gefährliche Trottel. Garland und DaCosta veranschaulichen, wie Fanatismus und blinder (Irr-)Glaube selbst eine kleine Gruppe derart großes Leid verursachen lassen. Bei Garland ist es zudem kaum verwunderlich, dass sich hier auch Seitenhiebe gegen gewisse politische Machtstrukturen und Führungskräfte hineinlesen lassen. Aber selbst ohne diese zusätzliche Ebene bringt das Sechserpack eine ganz eigene Note rein, wenn „28 Years Later“ – wie es zum guten Ton des Zombie-Genres gehört – wieder stärker demonstriert, dass nicht die Infizierten, sondern die Menschen die wahren Monster sind.

Dass das so gut funktioniert, liegt in erster Linie an Jimmy Crystal selbst – oder besser gesagt an seinem Darsteller Jack O’Connell. Nur kurz nach dem Horror-Highlight „Blood & Sinners“ brilliert der einstige „Skins“-Star erneut mit einer ungemein bedrohlichen Bösewicht-Performance, die so ziemlich jede Szene überstrahlt, in der er vorkommt – es sei denn, Ralph Fiennes mischt ebenfalls mit. Hinter all der satanistischen Theatralik scheint immer wieder auch ein Hauch von Jimmys traumatischer Vergangenheit hervor, was der Figur – in Kombination mit dem Prolog über Jimmys Kindheit zu Beginn von „28 Years Later“ – sogar eine subtil tragische Note verleiht. Natürlich, ohne dass der erbarmungslose Teufelsanbeter deshalb plötzlich Sympathiepunkte sammeln oder gar weichgespült werden würde.

Keine simple Kopie

Beim klaren Fokus auf Jimmy rückt seine Gefolgschaft in den Hintergrund. Das wäre gar nicht weiter tragisch, allerdings trifft das streckenweise auch auf Spike zu. Der Protagonist aus „28 Years Later“, der nicht zuletzt durch das einnehmende Spiel von Newcomer Alfie Williams so sehr begeisterte, wird unter Jimmys Fuchtel zum Spielball, der eher reagiert als agiert. Auf der anderen Seite wird seine Coming-of-Age-Story trotzdem fortgeführt, wenn er nach seinem freiwilligen Abschied von seinem behüteten Zuhause nun schonungslos mit der harten Realität des „echten Lebens“ konfrontiert wird.

Der Schwerpunkt liegt diesmal aber eindeutig woanders – und das nicht nur in erzählerischer, sondern auch in emotionaler Hinsicht. Hier kommt der zweite Handlungsstrang ins Spiel, der trotz vertrauter Figuren und Orte ebenfalls entscheidend dazu beiträgt, dass „28 Years Later: The Bone Temple“ die Reihe zwar nahtlos fortschreibt, aber keine bloße Kopie von „28 Years Later“ ist. Während der erste Schauplatz in einem Schwimmbad noch einen gewissen Grad von Zivilisation suggeriert, der dann aber von Jimmys Bande in einer unaufhaltsamen Gewaltspirale immer weiter pervertiert wird, bilden Dr. Kelson und Samson eine geschickte Antithese: Sie mögen in der Wildnis hausen und im Fall von Samson sogar allein ihren Instinkten folgen, aber aus ihren (teilweise drogeninduzierten) Interaktionen quillt die pure Menschlichkeit.

Das Finale von „28 Years Later: The Bone Temple“ zählt schon jetzt zu den wahnsinnigsten – und besten! – Filmszenen des Jahres.

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Das Finale von „28 Years Later: The Bone Temple“ zählt schon jetzt zu den wahnsinnigsten – und besten! – Filmszenen des Jahres.

Sehen wir zu Beginn noch, wie Samson genüsslich ein menschliches Hirn verspeist, beginnen die Bemühungen von Dr. Kelson, dem Alpha seine Berserker-Wut zu nehmen, irgendwann Früchte zu tragen. Der diesmal besonders großartige Ralph Fiennes und der erneut durch seine beeindruckende Physis glänzende Chi-Lewis Perry entwickeln hier eine verblüffende Buddy-Dynamik, die für einige zärtliche, bisweilen sogar ganz bewusst alberne Momente sorgt. Und doch schwebt über allem lange Zeit die spannende Unsicherheit, ob Kelson wirklich etwas bewirkt oder er sich in einen utopischen Traum verrennt, der sofort zerplatzt, wenn ihm die Betäubungsmittel für seinen „Freund“ ausgehen.

Den ultimativen Payoff für den zweispurigen Aufbau gibt es dann, wenn die beiden Stränge unvermeidlich aufeinandertreffen. Hier fährt Nia DaCosta dann doch noch etwas von dem Wahnsinn auf, den Danny Boyle mit der Schlusssequenz von „28 Years Later“ angedeutet hat. Die völlig entfesselte (Theater-)Einlage hat zwar schon das Motiv des Teaser-Posters inspiriert, dürfte in dieser Form aber dennoch wirklich keiner kommen sehen. Schon im Januar eine der Highlight-Sequenzen des Kinojahres, die als Rausch aus treibender Musik, feurigen Bildern und ungezügeltem Schauspiel völlig zu Recht für ungläubig-freudigen Szenenapplaus sorgte.

Fazit: „28 Years Later: The Bone Temple“ drängt die tolle Hauptfigur aus dem Vorgänger an den Rand, entschädigt dafür aber mit einem ausgeklügelten Wechselspiel aus emotional-amüsanter Zombie-Buddy-Story und an die Nieren gehendem Nihilismus-Gore. Ein ebenso intensiver, wenn auch noch mal ganz eigener Zombie-Schocker, dessen tosendes Finale seinesgleichen sucht. Den inzwischen zum Glück bereits bestätigten Trilogie-Abschluss können wir jetzt jedenfalls kaum noch erwarten.