Wer kann bei der Fahrt mit einem öffentlichen Verkehrsmittel und Wahrzeichen der Stadt schon von sich behaupten, ein Vorfahre oder Verwandter des Erfinders zu sein? Im Fall der Schwebebahnen in Wuppertal und Dresden sind es Hunderte. Viele Familienmitglieder der einst so mächtigen Unternehmerdynastie Langen leben auch heute an Rhein und Ruhr.
Ortstermin in Wuppertal. Der eine oder andere ist zeitweise täglich mit der Schwebebahn gefahren. Etwa ein Dutzend Familienmitglieder von 25 bis 87 Jahren ist gekommen, um Anekdoten zur Schwebebahn und zum Leben des Erfinders Eugen Langen zu berichten. Der gut betuchte Kölner Unternehmer starb 1895 tragischerweise an einer Fischvergiftung und erlebte damit die Inbetriebnahme der Wuppertaler Schwebebahn am 1. März 1901 nicht mehr.

Die Schwebebahn fährt über dem Straßenverkehr in Wuppertal. Der Bau half, die Verkehrsporbleme der Stadt zu lösen. (Foto: Federico Gambarini/dpa)

Die Schwebebahn fährt im Februar 1951 über der Wupper. (Foto: dpa)
Schwebebahn ist nur Nebenprodukt
Die Schwebebahn ist letztlich ein Nebenprodukt ihres Erfinders geblieben, der etliche erfolgreichere Projekte verfolgte, da sind sich die Anwesenden einig. Damals wurden Hängebahnen in Betrieben als Transportmittel genutzt. Der Zuckerfabrikant, der auch den Würfelzucker erfand, übertrug das System auf die Personenbeförderung. Wie geschaffen erschien die Schwebebahn für das enge Tal der Wupper mit zahlreichen Betrieben und großen Verkehrsproblemen.
Bei der Schwebebahn vergingen weniger als drei Jahre vom Baustart bis zur Inbetriebnahme. Später kamen weitere Abschnitte hinzu. Über weite Strecken verläuft die 13,3 Kilometer lange Trasse direkt über der Wupper. Die Region rückte mit dem neuartigen Verkehrsmittel noch enger zusammen. Barmen, Elberfeld, Vohwinkel und weitere Kommunen wurden aber erst 1929 zur Stadt Wuppertal. Zum Schwebebahn-Jubiläum ist im Spätsommer 2026 ein Bürgerfest geplant.

1901 wurde in Dresden die Schwebebahn zum Stadtteil Oberloschwitz gebaut. Über 274 Meter überwindet sie einen Höhenunterschied von 84 Metern. (Foto: Robert Michael/dpa)

Ausblick von der Schwebebahnstation in Oberloschwitz über Dresden. Seit 1975 steht die Bahn unter Denkmalschutz. (Foto: Robert Michael/dpa)
Überraschender Start ohne Brimborium
„Die Schwebebahn ist ohne Sang und Klang heute Morgen dem Verkehr freigegeben worden“, berichtete die „Barmener Zeitung und Handelsblatt“ zum 1. März 1901. Der allererste Wagen war demnach nur mit ein paar Personen besetzt, „weil das Publikum gar keine Ahnung von der Eröffnung hatte“. Das änderte sich im Tagesverlauf, viele Menschen mussten warten. „Einmal wurde das Gedränge so stark, daß eine große Scheibe eingedrückt wurde“, heißt es seinerzeit.
Bauboom von Jugendstilvillen in Dresden
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Nach dem System Langen ging in Dresden gut zwei Monate später am 6. Mai 1901 eine Bergschwebebahn in Betrieb. Sie ist 274 Meter lang und überwindet einen Höhenunterschied von 84,2 Metern. Laut den Dresdner Verkehrsbetrieben forderten Grundstücksbesitzer in Oberloschwitz damals eine Verbindung zu ihren Anwesen am Hang. Danach kam es der Schilderung zufolge zu einem regelrechten Bauboom. In dieser Zeit seien zahlreiche Villen im Jugendstil errichtet worden. Anlässlich des Jubiläums sind nach Angaben des Unternehmens kleinere Feierlichkeiten für Fahrgäste und Anwohner geplant.
Hoffnungen auf große Folgeprojekte für die Schwebebahn von Eugen Langen in europäischen Metropolen wie Berlin erfüllten sich nicht. „Sein vorletzter Sohn, mein Großvater, der hat später noch versucht, in der Welt diese Schwebebahn irgendwie unters Volk zu bringen. Und er war bei dieser Gelegenheit sogar in Brasilien, in Rio wollte er auf den Zuckerhut. Aber das war alles zu spät“, sagt Rosemarie Rossberg. Diese Bemühungen seien nicht erfolgreich gewesen.
Familienverband mit Einfluss und Vermögen
Schnell kommt in der Familienrunde die Rede auf den bedeutenden Motorenbau in Köln, auf Nicolaus August Otto, mit dem Eugen Langen die erste Fabrik ausschließlich für Verbrennungsmotoren errichtete, einen Vorläufer der Deutz AG. Auch Gottlieb Daimler war in Köln tätig. 1876 schuf Otto den Viertaktmotor.
Die Familie Langen gehörte nach eigener Einschätzung vor mehr als 100 Jahren zu den vermögendsten und einflussreichsten Familien Deutschlands mit einem Firmengeflecht von mehr als 30 Unternehmen auf drei Kontinenten. Sie sieht sich auch als Mitgründer des Mannesmann-Konzerns sowie von jeweils einem der Vorläufer des Stahlkonzerns Salzgitter und des Siemens-Konzerns. Die Langens waren auch Besitzer einer Fabrik, die dann U-Bahnwagen baute.

Der Führerstand des „Kaiserwagens“ in der Schwebebahn-Werkstatt. Vor 125 Jahren fuhren Kaiser Wilhelm II. und seine Gemahlin in einem schicken Wagen mit der Wuppertaler Schwebebahn. (Foto: Federico Gambarini/dpa)
Regelmäßige Besuche von Reichskanzler Bismarck
„Für Reichskanzler Bismarck waren ‚die Langens‛ der erste Ansprechpartner bezüglich der Interessen der Industriellen von Rhein und Ruhr, und wenn der deutsche Reichskanzler im Rheinland war, übernachtete er nicht im Hotel, sondern in der Villa der Familie Langen in Köln“, heißt es in einer Darstellung.
Auch etwas Wehmut schwingt mit: „Aus Bescheidenheit hat Eugen Langen den Namen für den gemeinsam erfundenen Verbrennungsmotor seinem Freund Nikolaus Otto überlassen, den Otto-Motor. Und aus Bescheidenheit wurde die Gasmotorenfabrik Deutz nach ihrem Standort in Köln-Deutz, nicht aber nach ihrem Eigentümer Langen benannt.“ Langen sei nur im Rheinland ein Begriff.
Der Kaiserwagen kommt zurück
Erste Passagiere der Schwebebahn waren bei einer Testfahrt am 24. Oktober 1900 Kaiser Wilhelm II. und seine Gemahlin Auguste Viktoria. An den Glanz alter Tage knüpft der sogenannte Kaiserwagen wieder an: Der Nostalgiezug soll nach jahrelangem Umbau ab Mai 2026 zurückkommen. Er kann für Hochzeiten genutzt werden. In dem schmuckvollen Fahrzeug hat passenderweise auch ein Ururenkel von Eugen Langen, Johannes von Langen, geheiratet, wie er erzählt.

Ein neuer Schwebebahnwagen steht in der Wagenhalle neben dem historischen „Kaiserwagen“. (Foto: Roland Weihrauch/dpa)
Der Sturz des Elefanten und ein tödliches Unglück
Für die jüngsten Familienmitglieder gehört die Geschichte von Tuffi beinahe zur Pflichtlektüre. Bei einer Werbeaktion eines Zirkus fuhr am 21. Juli 1950 der junge Elefant mit der Bahn und geriet in Panik. Den tiefen Fall aus dem fahrenden Wagen aus etwa zehn Meter Höhe überstand das Tier damals nahezu unbeschadet.
Bis zum 12. April 1999 hatte die Wuppertaler Schwebebahn den Ruf, das sicherste Verkehrsmittel der Welt zu sein. Doch dann geschah das Unglück: Bei Bauarbeiten am Gleis wurde eine 100 Kilogramm schwere Eisenkralle vergessen. Der Frühzug entgleiste und stürzte acht Meter tief in die Wupper. Fünf Menschen starben, 47 wurden verletzt.

Beim Absturz eines Zuges der Wuppertaler Schwebebahn am 12. April 1999 kamen fünf Menschen ums Leben. (Foto: Oliver Multhaup/dpa)