Glaubt man dem russischen Fernsehen, dann ist es eine Entwicklung zum Guten: Seit Monaten fällt in ganz Russland immer wieder das mobile Internet aus – mal für Stunden, mal für Tage, mal auf unbestimmte Zeit. Aber die Moderatorin des Staatssenders „Rossija 1“ findet das wunderbar: „Statt am Smartphone zu hängen, gehen die Menschen spazieren und unterhalten sich mit Freunden und Angehörigen“, jubilierte sie in der Nachrichtensendung „Westi“.
Im Lokalsender des Gebiets Krasnodar erklärte ein Psychologe den Zuschauern die gesundheitlichen Vorteile einer Auszeit vom Internet: Man beginne wieder, sich an den kleinen Dingen des Lebens zu freuen. Eine andere Sendung warnte davor, die Menschen bekämen einen Buckel, wenn sie sich zu lange über ihre Handys beugten.
Staat behauptet, das Internet raube den Russen Lebensqualität
Folgt man dieser Logik, dann haben die Russen diese deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität ukrainischen Drohnenangriffen zu verdanken. Denn diese sind der Grund dafür, dass Mobilfunkanbieter in vielen Regionen Russlands inzwischen fast täglich das mobile Internet abschalten.
Viele Drohnen sind mit SIM-Karten bestückt, wählen sich in das lokale Netz ein und können dann von ihren Absendern ferngesteuert werden – sie übertragen so Livebilder von ihrem Einsatzort. Der Internet-Shutdown soll verhindern, dass sie ihre Ziele treffen, denn die Ukrainer haben vornehmlich Rüstungsbetriebe, Raffinerien oder Militäranlagen im Visier.


Erstmals griffen die Behörden am 9. Mai vergangenen Jahres zu dieser drakonischen Maßnahme. Weil man im Kreml fürchtete, die Ukrainer könnten die große Militärparade zum 80. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland stören, wurde in mehreren Städten das mobile Internet für einige Stunden abgeschaltet.
Drei Wochen später überraschte die ukrainische „Operation Spinnennetz“ die russische Flugabwehr: An mehreren Orten im Land stiegen Schwärme ferngelenkter Drohnen aus präparierten Lastwagen auf und zerstörten insgesamt mehr als ein Dutzend russische Militärflugzeuge am Boden.
Nur Minuten später waren Videos der Aktion weltweit in allen Nachrichten zu sehen – zu den strategischen Verlusten kam auch noch die Demütigung vor der globalen Öffentlichkeit.


Seitdem wird in vielen Regionen des Landes fast täglich das mobile Internet abgeschaltet. Der Gouverneur des Gebiets Uljanowsk riet den Bewohnern des etwa 700 Kilometer östlich von Moskau an der Wolga gelegenen Gebiets unlängst, sie sollten sich einfach darauf einstellen, dass das Internet „bis zum Ende der Spezialoperation“ nicht mehr verfügbar sein werde.
Der Gouverneur der Oblast Nischni Nowgorod empfahl seinen Bürgern, die Störung als „heilsame Maßnahme“ aufzufassen. Auf keinen Fall sollen die Menschen einen Zusammenhang herstellen zwischen der Verschlechterung ihrer Lebensumstände und dem als „Spezialoperation“ verharmlosten Angriffskrieg auf die Ukraine, den ihr Präsident Wladimir Putin befohlen hatte. Sie leiden bereits unter der Benzinknappheit und der allgemeinen Teuerung – jetzt kommt die digitale Austrocknung dazu.
Die Menschen empfinden die Maßnahme als Schikane
Der zwangsverordnete Internet-Detox kommt bei den Menschen allerdings nicht gut an. Schließlich betrifft der Ausfall des mobilen Internets keinesfalls nur Dienste, die zum Zeitvertreib genutzt werden, wie etwa Instagram. Früher noch als hierzulande hat die Digitalisierung den russischen Alltag durchdrungen. Längst haben sich die Russen daran gewöhnt, in jedem Kiosk mit dem Handy zu bezahlen, das Taxi über die App zu rufen, Bankgeschäfte und sogar Behördenangelegenheiten von unterwegs aus zu erledigen.
Aus allen Regionen des Riesenlandes berichten verärgerte Bürger, wie die Blockade des Internets ihnen das Leben schwer macht: Geschäfte können keine Kartenzahlungen mehr annehmen und verlieren einen großen Teil ihres Umsatzes. Genauso gehen die Umsätze für Online-Reklame und Webshops zurück. Geldautomaten funktionieren nicht. Taxifahrer bekommen keine Aufträge und Kunden keine Taxis. Wer ein Carsharing-Auto leihen möchte, muss sich einen WiFi-Zugang in der Nähe suchen, das Auto entsperren – und dann zum Wagen rennen, bevor es sich wieder verschließt.


Zwar hat die Zensurbehörde „Roskomnadsor“ inzwischen sogenannte Positivlisten mit einer kleinen Zahl von Anwendungen genehmigt, die auch während eines Internet-Shutdowns funktionieren sollen – Taxidienste, Lieferdienste, Behörden. Allerdings klappt das in der Praxis nicht immer.
Und ob das Abschalten des mobilen Internets tatsächlich zu mehr Sicherheit bei den Drohnenangriffen beiträgt, bleibt derweil fraglich: Viele Nutzer beklagen, dass sie früher über Apps oder Telegram-Kanäle vor herannahenden Drohnen gewarnt wurden. Jetzt aber erreichen sie die Warnungen nicht mehr.
Ukrainische Drohnenangriffe gelten als Vorwand
Und inzwischen sind die unbemannten Flugkörper ohnehin nicht zwingend auf das Internet angewiesen – sie finden ihre Ziele auch alternativ per Satelliten- oder Trägheitsnavigation. Die Russen verdächtigen ihre Regierung daher, sie nutze die Bedrohung durch Drohnen nur als Vorwand, damit die Bürger sich an ein Leben ohne Internet gewöhnten.
Denn gleichzeitig mit der immer häufigeren Abschaltung des mobilen Internets wurden weitere Einschränkungen beschlossen. Seit Mitte August sind Sprach- und Videoanrufe über WhatsApp und Telegram auf Anordnung der Zensurbehörde Roskomnadsor blockiert. Mittelfristig sollen sie ganz vom russischen Markt verschwinden.
„Max“ soll die Bürger belauschen
An ihrer Stelle will der Staat einen eigenen „nationalen Messenger“ etablieren. Die App mit dem Namen „Max“ wird seit dem Sommer mit großem Werbeaufwand verbreitet, allerdings nur zögerlich angenommen. Denn bislang funktioniert die neue Super-App nur holprig. Nutzer klagen über schlechte Sprachqualität bei Audionachrichten, es sind fast nur staatliche Nachrichtenkanäle zu empfangen. Berichten russischer Medien zufolge fürchten selbst regimetreue Beamte, dass „Max“ sie belauscht und dem Geheimdienst Zugang zu ihren Smartphones verschafft.


Derweil macht der Staat Druck: Schulen mussten die Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern auf den nationalen Messenger umstellen. Hochschulen und Behörden sind ebenfalls nur noch über „Max“ erreichbar.
Die Einschränkungen werden unterdessen weiter ausgeweitet. Seit 11. September gilt eine Quarantäne für SIM-Karten nach der Rückkehr aus dem Roaming: Wer von einer Auslandsreise zurückkommt, hat 24 Stunden keinen Empfang. Das bereitet besonders Bewohnern grenznaher Regionen Probleme, wie etwa in der Exklave Kaliningrad. Sobald sich ein Handy einen Funkmast im benachbarten Polen oder Litauen sucht, ist es anschließend für 24 Stunden vom russischen Netz abgeschnitten.
Die Positivlisten mit Anwendungen, die auch im Shutdown funktionieren, könnten ein Vorgeschmack auf die Zukunft sein, befürchten Experten. Bisher hatte die Zensurbehörde „Roskomnadsor“ gezielt Websites oppositioneller Medien und sogenannter „unerwünschter“ Organisationen gesperrt.
Künftig könnte es umgekehrt sein: Nur ausgewählte und dem Regime genehme Seiten würden zugelassen. Alles andere bliebe draußen. Nach diesem Prinzip funktioniert die große chinesische Firewall. Die gesetzlichen Voraussetzungen hat die Regierung kürzlich geschaffen. Ab 1. März erhält Roskomnadsor formal das Recht, das ganze Land vom weltweiten Internet abzutrennen.