Nach jahrzehntelangen Verhandlungen haben die Mitgliedstaaten der Europäischen Union Anfang Januar 2026 dem Freihandelsabkommen mit den vier südamerikanischen Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay politisch zugestimmt. Die Unterzeichnung ist für Mitte Januar in Asunción vorgesehen, anschließend muss noch das Europäische Parlament zustimmen.

Mit dem Abkommen entsteht eine der größten Freihandelszonen weltweit mit mehr als 700 Millionen Einwohnern und rund einem Fünftel der globalen Wirtschaftsleistung. Laut EU-Kommission sollen künftig über 90 Prozent der Zölle schrittweise abgebaut werden. Unternehmen könnten dadurch jährlich rund vier Milliarden Euro an Abgaben einsparen.

Was das Abkommen Transport und Logistik konkret bringt

Für den Transport- und Logistiksektor ist das EU-Mercosur-Abkommen von zentraler Bedeutung. Mit dem Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen dürfte das bilaterale Warenaufkommen deutlich steigen und damit auch die Nachfrage nach See-, Luft- und Landverkehren.

Laut Angaben der EU-Kommission importierten die Mercosur-Staaten 2024 Waren im Wert von rund 53 Milliarden Euro aus der EU, während EU-Exporte in die Region etwa 57 Milliarden Euro erreichten. Studien gehen davon aus, dass die Exporte nach Inkrafttreten des Abkommens um bis zu 39 Prozent zulegen könnten.

Für Logistikdienstleister bedeutet das:

  • steigende Container- und Stückgutvolumina in den Häfen,
  • höhere Nachfrage nach Projekt-, Automotive- und Maschinenlogistik,
  • wachsende Bedeutung multimodaler Transportketten zwischen Europa und Südamerika,
  • zusätzliche Anforderungen an Zollabwicklung, Ursprungserklärungen und Compliance.

Germany Trade & Invest verweist zudem darauf, dass das Abkommen den Zugang zu kritischen Rohstoffen wie Lithium und Kupfer erleichtert, ein wichtiger Faktor für Batterielogistik, Elektromobilität und erneuerbare Energien.

Automobil, Maschinenbau, Chemie: Volumenmotoren für die Logistik

Besonders stark dürften Branchen profitieren, die bereits heute eng in globale Lieferketten eingebunden sind. Dazu zählen der Maschinen- und Anlagenbau, die Chemie- und Pharmaindustrie sowie die Automobilwirtschaft.

Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, bezeichnete die Zustimmung der EU als „längst überfällige und sehr gute Nachricht für den europäischen Wirtschaftsstandort“. Der Abbau bislang hoher Zölle von bis zu 35 Prozent auf Pkw und 18 Prozent auf Kfz-Teile eröffne erhebliche Wachstumspotenziale. Eine steigende Nachfrage aus der Mercosur-Region wirke sich entlang der gesamten europäischen Wertschöpfungs- und Logistikketten aus.

Warum der Widerstand so groß war – Proteste und Streiks

Trotz der wirtschaftlichen Chancen war das Abkommen politisch hoch umstritten. Besonders in Frankreich kam es zuletzt zu massiven Protesten von Landwirten. Traktorblockaden auf Autobahnen, Zufahrten zu Häfen und Logistikzentren sorgten für erhebliche Störungen im nationalen und internationalen Güterverkehr.

Hintergrund ist die Sorge, dass günstigere Agrarimporte aus Südamerika, etwa Rindfleisch, Geflügel, Zucker oder Ethanol, den Wettbewerbsdruck auf europäische Produzenten massiv erhöhen könnten. Zwar sieht das Abkommen Schutzklauseln und Importquoten vor, doch viele Verbände halten diese für unzureichend.

Für die Logistikbranche hatten die Proteste unmittelbare Folgen: verzögerte Lieferketten, längere Transitzeiten und erhöhte Kosten. Gleichzeitig zeigen sie, wie stark handelspolitische Entscheidungen operative Prozesse im Transport beeinflussen.

Stimmen aus Wirtschaft und Industrie

In der Industrie überwiegt dennoch die Zustimmung. Tanja Gönner, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), erklärte, das Abkommen sei „ein wichtiger Erfolg für die deutsche und europäische Wirtschaft“. Mercosur bringe konkrete Vorteile, stärke die Wettbewerbsfähigkeit und sende ein klares Signal für freien, regelbasierten Welthandel.

Auch der Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) – Volker Treier betonte, angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise sei die Erschließung neuer Märkte entscheidend. Das Abkommen sichere Lieferketten, verbessere den Zugang zu Rohstoffen und erhöhe die Attraktivität der Region als Investitionsstandort.

Zeitplan und Unsicherheiten bleiben

Trotz politischer Zustimmung ist das Abkommen noch nicht in Kraft. Nach der Unterzeichnung folgt die Zustimmung des Europäischen Parlaments. Teile des Abkommens könnten anschließend vorläufig angewendet werden. Die vollständige Ratifizierung durch nationale Parlamente kann sich hingegen bis 2028 hinziehen.

Für Transport- und Logistikunternehmen gilt daher: Die angekündigten Zollvorteile greifen noch nicht. Unternehmen sollten ihre Handelsströme analysieren, Ursprungsregeln prüfen und Szenarien für den gestaffelten Zollabbau entwickeln, operative Anpassungen aber erst nach formeller Anwendung umsetzen.

Fazit: Große Chancen, komplexe Umsetzung

Das EU-Mercosur-Abkommen hat das Potenzial, den transatlantischen Warenverkehr deutlich zu beleben und Transport- sowie Logistikdienstleistern neue Wachstumsmöglichkeiten zu eröffnen. Gleichzeitig bleibt das politische Risiko hoch, nicht zuletzt wegen des Widerstands aus der Landwirtschaft und der sensiblen Frage nachhaltiger Lieferketten.

Für die Branche bedeutet der Deal vor allem eines: mehr Volumen, mehr Komplexität und eine weiter steigende Bedeutung von Zoll-, Compliance- und Netzwerkkompetenz.