Hannover-List. In dieser Personalie finden Dinge zueinander, die auf den ersten Blick nicht zueinander gehören. Die evangelische Lister Kirchengemeinde hat eine neue Organistin. Aber die gehört nicht nur dem katholischen Glauben an (wie schon ihr Vorgänger Thomas Dust, der nach 24 Jahren in den Ruhestand gegangen ist). Sondern sie ist auch noch Heavy-Metal-Fan.
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Metallica spiele „eine ganz faszinierende Musik“, sagt die 56-Jährige im Gespräch mit dieser Redaktion. Und sie lieferte jetzt ein ganz ungewöhnliches Antrittskonzert in der Matthäuskirche – zwar ohne Heavy Metal. Doch sie ist fest entschlossen, ihren privaten Musikgeschmack demnächst auch in der Kirche einfließen zu lassen.
Ungewöhnlich war einerseits das Thema. Es ging um Maria und unter anderem um die Frage, wie diese ihrem Josef wohl die Sache mit der jungfräulichen Geburt des Jesuskindes erklärt habe mag. Vermeintliche Väter reagieren ja gelegentlich im Wortsinne ungläubig auf so etwas. „Maria wird in der katholischen Kirche immer so verfrömmelt und verklärt“, sagt Zennaro im Gespräch. Dabei müsse sie eine sehr selbstständige und selbstbewusste Frau gewesen sein. „Zu ihrer Zeit hätte Steinigung auf eine scheinbar uneheliche Geburt gestanden“, sagt Zennaro. Dass die Beziehung gehalten habe, spreche auch für eine starke Frau. Ute Hennecke las im Konzert poetische Texte zu Maria, die die Musik unterfütterten.
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Ungewöhnlich: Eine singende Organistin
Der Abend war auch wegen der Musik ungewöhnlich. Nicole Zennaro tat etwas, was in der Kirchenmusik Seltenheitswert hat: Sie begleitete sich als Sängerin selbst an der Orgel. Psalmodierend, teils an Mönchsgesänge erinnernd, lieferte sie etwa über eine freie Orgelimprovisation zum Thema „Ave maris stella“ eine Gesangsstimme, die sich klar und schwebend gegen das Königsinstrument durchsetzte.

Nun ist es so, dass die Matthäuskirche für solch ein Konzert so gut geeignet ist wie wenige andere Kirchen in Hannover. Denn durch die ungewöhnliche Baugeschichte – vereint sind drei Architekturepochen von der monumentalen Vorkriegszeit über die betongewaltige Wirtschaftswunderphase bis in die moderne Stahl-Glas-Zeit – und die sechseckige Bauform des Hauptraums ist die große Orgel inklusive der Bedienmanuale Teil des Raumgeschehens, statt sich auf einer Empore zu verstecken.
Maria wird in der katholischen Kirche immer so verfrömmelt und verklärt.
Nicole Zennaro,
katholische Kirchenmusikerin in der evangelischen Gemeinde List
Matthäuskirche: Ein besonderer Bau
Dazu kommt die Akustik, die durch den künstlerisch geflockten Beton des Innenraums zwar relativ trocken klingt, aber trotzdem Töne auf großer Distanz trägt. Zennaro nutzte diese Vorteile aus. Mal druckvoll, in klarem Dur und mit etwa 150 Taktschlägen pro Minute geradezu rhythmisch-rasant wie in der Orgelimprovisation über „Christi Mutter lag mit Schmerzen“, mal leichtfüßig und fast fiepsig wie in der Improvisaton „Maria dich lieben“.
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Zwischenzeitlich gab es Musik, die auch in den Ohren evangelischer Christen bekannt klingt, etwa „Maria durch ein‘ Dornwald ging“ und natürlich das „Ave Maria“ aus dem Präludium von Johann Sebastian Bach. Zum Auftakt und Schluss konzertierte Zennaro gemeinsam mit Tom Schmeichl an der Trompete, wobei sie dafür an den Kirchenflügel wechselte. Vielfalt tut jedem Musikabend gut.
Wandlerin zwischen Welten
Auch optisch ist Zennaro eine Wandlerin zwischen den Welten. Links trägt sie eine extrem kurzhaarige Frisur, rechts fallen die Haare lang herab. Und die Pedale, auf denen Organistinnen und Organisten mit den Füßen für die Bassfrequenzen geradezu wandern müssen, bedient sie mit Stiefeln mit Absätzen, handvermessen rund 6,5 Zentimeter. Wer es je versucht hat, weiß um die Probleme mit der Fußbekleidung beim Orgelspiel. Andere spielen mit Socken, manche nur mit Sneakern – aber Orgeln mit Schuhabsätzen ist wahre Fußkunst.
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Gelernt ist eben gelernt. Zennaro ist studierte Kirchenmusikerin (Orgel, Klavier, Gesang), hat schon im Markusdom in Venedig gespielt, wo sie ab 2000 eine Zeitlang lebte, und Konzerte bis nach Tokio gegeben. Mit ihrem Mann lebt sie in Haste westlich der Region Hannover. Er hat auch das Video vom Konzert fabriziert, das bei Youtube zu sehen ist.
Und: Wird Heavy Metal denn nun irgendwann auch in den Gottesdiensten der Lister Gemeinde erklingen? „Ich denke: Ja“, verrät Nicole Zennaro. Mit Pastor Marco Müller habe sie schon gesprochen. „Der ist ja selbst Schlagzeuger in seiner Freizeit – und kein schlechter“. Beide seien sich einig, dass es beizeiten ein Konzert „Tribute to Metallica“ geben dürfe. Wann, ist noch nicht terminiert.
HAZ