„Es ist wirklich surreal. Hier mit dem Teambus durch die Straßen zu fahren und das alles – das ist schon richtig cool“, freute sich Moritz Wagner am Rande einer Trainingseinheit vor dem NBA-Spiel seiner Orlando Magic gegen die Memphis Grizzlies in Berlin.
Wagner ist einer von drei deutschen Basketball-Profis der Magic, die beim ersten regulären NBA-Spiel auf deutschem Boden dabei sein werden. Die anderen beiden sind Moritz‘ jüngerer Bruder Franz Wagner und Tristan Da Silva.
Die NBA (National Basketball Association) ist die nordamerikanische Basketball-Profiliga und gilt als beste Basketballliga der Welt. Seit Jahren schon veranstaltet sie regelmäßig Spiele im Ausland, um die dortigen Fans zu begeistern und neue Märkte zu erschließen. Nun ist erstmals Deutschland an der Reihe. Zwar gab es früher schon Saison-Vorbereitungsspiele auf deutschem Boden, ein reguläres Saisonspiel aber noch nie.
Speziell für die Wagner-Brüder ist es eine besondere Partie. Sie sind in Berlin geboren und aufgewachsen und haben hier das Basketballspielen gelernt.
„Das Spiel ist eigentlich gar nicht so wichtig“, meinte Moritz Wagner daher. „Hier zu sein, durch die Stadt zu fahren, unsere Freunde zu sehen und unsere beiden Welten miteinander zu verbinden, das bedeutet die Welt für mich.“
Vorbild für die nächste Generation
Allerdings sind die Wagner-Brüder nicht nur zum Vergnügen und Familientreffen auf Heimatbesuch, sondern hoffen durch das Gastspiel in Berlin auch auf positive Effekte für den deutschen Basketball.
„Es ist das Ziel dieses Trips, dies allen, die in Deutschland und Berlin wohnen, etwas näherzubringen. Früher hat sich die NBA-Welt mal weit weg angefühlt“, sagte Franz Wagner. „Es ist Moritz‘ und mein Ziel, diesen Weg für die nächste Generation etwas klarer erscheinen zu lassen.“
Größter gemeinsamer Erfolg: 2023 freuten sich Moritz (l.) und Franz Wagner (r.) über den Sieg bei der WeltmeisterschaftBild: Matthias Stickel/dpa/picture alliance
„Franz und ich fühlen uns sehr dankbar, dass wir Teil einer Welle von jungen deutschen Spielern sein dürfen, die im Sport etwas erreicht haben“, sagte sein großer Bruder Moritz. „Es ist für einen Sportler etwas ganz Besonderes, wenn man merkt, dass es einen Effekt gibt, der über das Individuelle hinausgeht.“
Welt- und Europameister
Moritz Wagner spielt seit 2018 in der NBA. Die Magic, für die er seit 2021 aufläuft, sind bereits sein viertes Team. Bruder Franz wurde ebenfalls 2021 im Draft als Nummer neun von den Magic ausgewählt. Nach seinen ersten drei Profijahren verlängerte der Klub seinen Vertrag – fünf Jahre für garantierte 224 Millionen US-Dollar.
Beide Brüder waren Teil der deutschen Nationalmannschaft, die, angeführt von Dennis Schröder, 2023 sensationell Weltmeister wurden. Den Gewinn der Europameisterschaft 2025 verpasste Moritz Wagner verletzt, aber Franz Wagner und Tristan Da Silva gehörten zum Team.
Tuomas Iisalo – Kind der Bundesliga in der NBA
Neben den Wagner-Brüdern und Da Silva hat auch der Trainer der Memphis Grizzlies eine Verbindung zu Deutschland. Der Finne Tuomas Iisalo war sieben Jahre Bundesliga-Trainer in Crailsheim (2016-2021) und Bonn (2021-2023). Danach ging es über Paris Basketball in die NBA.
2023 coachte Tuomas Iisalo die Telekom Baskets zum Sieg in der Champions League und zur deutschen VizemeisterschaftBild: Volker Essler/SvenSimon/picture alliance
Berlin kennt der 43-Jährige noch aus seiner frühen Kindheit. Iisalos Vater arbeitete in den 1980er Jahren als Korrespondent einer finnischen Zeitung in Ost-Berlin.
Mit seiner Familie habe er damals „an der Spree“ gewohnt, weiß Iisalo noch, er sei aber sehr klein gewesen. „Wir sind zurückgegangen, bevor ich fünf wurde. Die Erinnerungen sind verblasst.“
Europa-Offensive der NBA – Deutschland im Fokus
Um möglichst viele Fans in Deutschland zu erreichen, läuft die Marketing-Maschinerie der NBA auf Hochtouren. Bei ihrer Ankunft defilierten alle Magic-Profis mit kleinen Deutschland-Flaggen an den wartenden Fotografen vorbei.
Sie posierten vor dem Brandenburger Tor, trafen sich mit der deutschen NBA-Legende Dirk Nowitzki und einiges mehr – alles bestens dokumentiert auf den Social-Media-Kanälen der Liga und des Klubs.
Dort durften die nicht-deutschen Teamkollegen der Wagners auch deutsche Süßigkeiten wie Gummibärchen testen und waren aufgefordert, komplizierte deutsche Begriffe wie „Quietscheentchen“ oder „Donaudampfschifffahrtsgesellschaft“ auszusprechen.
Marketing ist bei aller Wagner-Berlin-Nostalgie ohnehin das Hauptanliegen der NBA bei ihrem ersten Ligaspiel in Deutschland. Ähnlich wie die National Football League (NFL) seit Jahren Spiele in Deutschland veranstaltet, soll jetzt auch der deutsche Basketball-Markt erschlossen werden. Drei Tage nach dem „Berlin Game“ bestreiten die Magic und Grizzlies ein weiteres Spiel in London.
„Ich glaube nicht, dass der europäische Basketball das vielfältige und große globale Publikum erreicht, das er erreichen könnte und das die NBA erreicht“, sagte George Aivazoglou, der Geschäftsführer von NBA Europe dazu. Die europäische Geschäftseinheit der NBA hat ihren Sitz in London und ist dafür zuständig, die Marke NBA in Europa zu vertreten und auszubauen.
Im „NBA House“, einer Fanzone neben der Arena, konnten die Fans unter anderem die Meistertrophäe der NBA bestaunenBild: Elisa Schu/dpa/picture alliance
Die NBA möchte auch dauerhaft in Europa Fuß fassen und eine eigene Liga als NBA-Ableger auf dem europäischen Kontinent unter ihrem Dach installieren. Bereits im Oktober 2027 soll in Zusammenarbeit mit dem Basketball-Weltverband FIBA die NBA Europe gegründet werden. In dieser Woche beginnen intensive Gespräche mit Interessenten, die ein Team in der Liga stellen wollen.
„Dazu gehören Investoren und Teams. Einige dieser Teams sind bestehende Basketballteams, andere sind Fußballteams, die sehr daran interessiert sind, ein Basketballprogramm als Teil der NBA Europe aufzubauen“, erklärte Aivazoglou.
Aus Deutschland gelten ALBA Berlin und der FC Bayern München als Kandidaten, auch Borussia Dortmund wird gehandelt. Allerdings scheint ein Konflikt um die Vorherrschaft um den europäischen Basketball-Markt mit der EuroLeague, dem bisherigen Marktführer, vorprogrammiert.
Aivazoglou traut dem Basketball zu, in Europa beim Fan-Interesse den Fußball einzuholen. „Es ist die zweitbeliebteste Mannschaftssportart“, sagte er. Außerdem wachse der Basketball schneller als der Fußball.
Riesiges Interesse, hohe Preise
Das Interesse an der NBA und der Rückkehr der Wagner-Brüder nach Berlin ist jedenfalls sehr groß. Hunderttausende haben sich registriert, um überhaupt die Möglichkeit zu haben, an ein Ticket zu kommen. In der Halle gibt es allerdings nur rund 17.000 Plätze, sodass die überwiegende Mehrzahl der Interessenten leer ausging.
Viele haben sich zudem sicher durch die hohen Preise abschrecken lassen, die man zahlen muss, um dabei zu sein. Am Tag vor dem Spiel waren noch einige Restkarten übrig – je nach Nähe zum Spielfeld kosteten sie zwischen 253 und 1115 Euro.
Enge Familienbande: Die Wagner-Brüder mit Mutter Beate bei der Präsentation ihres Buches „Glanz in ihren Augen“Bild: Marco Steinbrenner/DeFodi Images/picture alliance
Zwischen 150 und 200 Tickets haben übrigens die Wagner-Brüder selbst erstanden. Wenn sie schon die Gelegenheit haben, in ihrer Heimatstadt zu spielen, dann sollen auch möglichst viele ihrer Familienmitglieder und Freunde dabei sein.
„Für mich ist das wahrscheinlich eine der coolsten Sachen, die ich in meiner Karriere erleben werde“, sagte Moritz Wagner: „Es bedeutet viel für uns, unsere Familie und Freunde.“