Rathenow – Der Verdacht ist erschütternd: Wegen sexuellen Kindesmissbrauchs sitzt ein Arzt (45) der Havelland-Kliniken Rathenow und Nauen in Untersuchungshaft. Jetzt erklärten die Klinik-Chefs, wie es dazu kommen konnte.
Betroffene Mienen, kleinlaute Worte – abgelesen vom Blatt. Nach einem Tag Schweigen gaben Klinik-Geschäftsführer Thilo Spychalski und seine Chefärzte am Mittwoch eine Video-Pressekonferenz. „Solche Fälle erschüttern das Vertrauen von Patienten und Familien“, stellte der ärztliche Direktor Mike Lehsnau fest. Doch was die Krankenhaus-Bosse einräumen müssen, stärkt das Vertrauen nicht.

Klinik-Chef Thilo Spychalski „bedauert“ den Fall
Foto: Havelland Kliniken GmbH
Der Fall: Am 2. November zeigt eine Mutter den Arzt wegen Missbrauchs ihres Kindes an. Es liegt auf der Kinderstation. Der Assistenzarzt bestreitet die Vorwürfe gegenüber seinem Chef. Doch die Staatsanwaltschaft findet bei der Durchsuchung seiner Datenträger „Anhaltspunkte für weitere Missbrauchshandlungen“ an Kindern und Jugendlichen. „Wir ermitteln in einem Zeitraum von 2016 bis November 2025“, sagte Staatsanwältin Marieke Piazolo zu BILD. Dieser könne noch ausgeweitet werden.
Die Sonderbeauftragte der Klinik für den Fall, Carolin Himberg, beteuerte dagegen: „In all den Jahren ist kein einziger Verdachtsfall gegen den Beschuldigten noch in vergleichbarer Form eingegangen.“ Bis jetzt. Am 25. November stellt eine Richterin den Haftbefehl aus. Doch erst einen Monat später kündigt die Klinik dem jetzt inhaftierten Arzt. Am Tag vor Heiligabend.
Mehr zum ThemaArzt war mit dem Kind allein
Die Klinik-Chefs verwiesen auf ihr Kinderschutz-Konzept. Zentraler Punkt: Kein Mitarbeiter darf mit einem Kind allein sein. „Kinder werden nur im Beisein einer Fachkraft oder auch eines Elternteils untersucht“, erklärte Chefarzt Torsten Kautzky. Aber: „Dieses Prinzip wurde vom Beschuldigten verletzt.“ Heißt: Der Arzt war mit dem Kind allein. Klinik-Boss Spychalski gestand: „Schutzkonzepte können nicht hundertprozentig alle Möglichkeiten absichern.“

Chefarzt Torsten Kautzky: „Vier-Augen-Prinzip verletzt“
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Letzten Mittwoch beschlagnahmten die Ermittler in der Klinik weitere Unterlagen. Auch Patientendaten. 1500 bis 2300 Kinder werden jährlich in den Havelland-Kliniken behandelt. „Wenn sich ein Verdacht wegen Pflichtverletzung ergibt, werden wir auch Ermittlungen gegen die Verantwortlichen der Klinik prüfen“, so Staatsanwältin Piazolo zu BILD.
Klinik-Boss Spychalski und seine Kollegen. Er den Eltern des betroffenen Kindes „unser Bedauern ausgesprochen“ und Unterstützung angeboten, sagte er. Aber: „Die Familie hat bisher nicht reagiert.“