Von knalligen Regalen aus dem 3D-Drucker bis zu großen Retrospektiven farbstarker Gestalter: Es deutet sich an, dass 2026 Farbe bekennt – auch wenn ein einflussreiches Institut erst kürzlich eine Weißnuance als Trendton verkündet hatte.

Als Pantone vor einigen Wochen mit „Cloud Dancer“ den Trendfarbton für 2026 verkündete, waren die Reaktionen eher verhalten. Die einen sahen die Entscheidung als Bestandteil eines allgemeinen kulturellen Backlashs. Die anderen empfanden die Farbe als schlichtweg öde. Irritierend war die Wahl auf jeden Fall, verbirgt sich hinter dem poetischen Begriff doch nur jenes leicht abgetönte Weiß, das man von Bodenleisten oder lackierten Holztüren in Altbauwohnungen kennt.

Die Zeiten, in denen die Proklamationen des Instituts (das zu einer Firma für Farbsysteme und -standards gehört) Relevanz oder gar Einfluss besaßen, sind aber ohnehin vorbei. Denn auch wenn PR-Firmen eilig Bildertableaus voll weißer Sofas, Sideboards, Duftkerzen und Teller zusammenschusterten, Inspirationen finden sich woanders – etwa in den sozialen Netzwerken, bei Neuerscheinungen und Neuauflagen oder aktuellen Architekturprojekten.

Dabei zeigt sich ein deutliches Bekenntnis zur Farbe: Da ist etwa Gustaf Westman, der soeben sein „Puzzle Shelf“ vorgestellt hat: Knochenförmige Elemente aus dem 3D-Drucker lassen sich beliebig hoch stapeln. Das polierte, keramikartige Finish kommt in all den bunten Farben, die Fans des schwedischen Designers schon von seinen Mitte 2024 vorgestellten Accessoires und Geschirrstücken für Ikea kennen. Das Architekturbüro OMA von Rem Koolhaas setzt ebenfalls auf Kontraste: Für sein jüngstes Projekt, ein Kulturzentrum in Detroit, platzierte das Team eine expressive Metalltreppe in Türkis mitten in einen alten Industriebau.

Auch im Bereich der Neuauflagen wird an den Farbreglern gedreht: Die Toucan‑Lampe, 1970 von Designer Enea Ferrari entworfen, zählt zu den markantesten Kinderlampen aus Kunststoff. Ferrari verband spielerische Formen mit satten Rot-, Gelb- und Grüntönen, wobei der übergroße Schnabel des Vogels als Lampenkopf fungierte. Drei Dekaden lang war die Lampe nur gebraucht erhältlich, zuletzt wurden auf Vintage-Plattformen Preise von bis zu 800 Euro aufgerufen.

2024 markierte die Kooperation zwischen der Lampenfirma Linea Zero und der Streetwear-Marke Supreme den Startpunkt des Reissues. Wo im Vorjahr noch das Supreme-Logo prominent auf dem Schnabel prangte, ist es nun, bei der regulären Variante, verschwunden. Schlimm ist das nicht, der rote Schnabel knallt auch so genug.

Damit fügt sich die Lampe hervorragend in einen Trend ein, den das Fachmagazin „Schöner Wohnen“ für 2026 ausgerufen hat: „Fun House“ nennt sich der und baut auf „bunte Details, organische Formen und spielerische Elemente aus niedlichen Themenwelten, die einfach gute Laune machen“.

Zwei große Ausstellungen unterstreichen den Trend zur Farbigkeit: Das Vitra Design Museum widmet sich ab März der niederländischen Designerin Hella Jongerius. Die schrieb 2016 einmal ein Buch mit dem Titel „I Don’t Have A Favourite Colour“. Der Subtext: Farben sind weit mehr als nur Zahlen in RAL- oder Pantone-Tabellen.

Nur wer Farbe individuell erlebt und reflektiert, kann verloren gegangene Nuancen rekonstruieren und neue, sinnvolle Farbwelten erschaffen. Wer schon einmal die Fotografien aus Verner Pantons Spiegel-Kantine gesehen hat, weiß: Der dänische Gestalter dürfte dieser These zustimmen. Das Berliner Kunstgewerbemuseum ehrt ihn ab November anlässlich seines 100. Geburtstags mit der Schau „Power, Pop und Plastik“.