Im Stuttgarter Rathaus: Die „Büchsenschmiere“ – ein dunkler Fleck der Stadtgeschichte wird ausgeleuchtet Sitz der Stuttgarter Kriminalpolizei und Polizeigefängnis: die „Büchsenschmiere“ in der Büchsenstraße im Hospitalviertel. Unmittelbar unter dem Dach sind die nachträglich eingebauten Arrestzellen zu erkennen, in denen während der Nazi-Herrschaft Menschen festgehalten und gequält wurden. Das Gebäude wurde im Krieg zerstört. Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Sehenswert ist eine nun eröffnete Ausstellung im Rathaus, die sich mit der „Büchsenschmiere“ im Hospitalviertel beschäftigt, wo während der Nazizeit Menschen gedemütigt wurden.

So geschichtsträchtig und geschichtsbewusst wie jetzt dürften Besucher das Stuttgarter Rathaus selten wahrgenommen haben. Seit Juli befindet sich im Erdgeschoss eine Dauerausstellung, die an 192 ehemalige städtische Mitarbeiter erinnert, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ausgegrenzt und um ihre berufliche Existenz gebracht wurden. Zwei Stockwerke darüber ist nun zusätzlich bis zum 20. Februar eine Ausstellung zu sehen, die sich einem „fast vergessenen Kapitel der Stadtgeschichte“ widmet: der sogenannten Büchsenschmiere in der Büchsenstraße im Hospitalviertel. Ein Kapitel, das im 16. Jahrhundert begann, als dort ein Dominikanerkloster entstand, das später zu einem Spital und noch später zum Sitz der Stuttgarter Kriminalpolizei umgebaut wurde.

„Jahrhunderte lang war dieser Ort positiv besetzt“, erklärte Ordnungsbürgermeister Clemens Maier bei der Ausstellungseröffnung am Mittwoch im Rathaus. In der Zeit des Nationalsozialismus veränderte sich das dramatisch. Der Ort der Zuwendung wurde zu einer „Einrichtung des Unrechts“, die nach deren Zerstörung im Krieg und dem Ende des Nazi-Terrors weitgehend unerforscht blieb. Maier nennt es „einen großen dunklen Fleck in der Stadtgeschichte“.

Für viele Menschen, die in der „Büchsenschmiere“ einsaßen, führte der Weg in den Tod

Diesen großen dunklen Fleck haben Monika Renninger, Leiterin des evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof, und Andreas Keller, Vorsitzender des Vereines Zeichen der Erinnerung, in den zurückliegenden Jahren intensiv ausgeleuchtet und vermessen. Das Ergebnis ist eine in Zusammenarbeit mit dem Historiker Peter Poguntke und dem Stuttgarter Stadtarchiv entstandene Ausstellung über die Geschichte der „Büchsenschmiere“, wie der Sitz der Kriminalpolizei samt dem angeschlossenen Polizeigefängnis im Volksmund bezeichnet wurde – mutmaßlich begleitet von einem Schaudern, denn in dem Gebäude wurden „unzählige Menschen gedemütigt und gequält“, wie Carsten Kretschmann vom Historischen Institut der Universität Stuttgart in seinem Vortrag ausführte. Betroffen waren Jüdinnen und Juden, politische Verfolgte, Sinti und Roma und auch Homosexuelle. Für viele dieser Menschen führte der Weg von der „Büchsenschmiere“ zum Inneren Nordbahnhof und von dort mit Deportationszügen in den gewaltsamen Tod.

Die Initiatoren der Ausstellung,Andreas Keller vom Verein Zeichen der Erinnerung und Monika Renninger vom Hospitalhof mit Ordnungsbürgermeister Clemens Maier bei der Ausstellungseröffnung im Rathaus (von links). Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Beschäftigung mit diesem „fast vergessenen Kapitel Stuttgarter Stadtgeschichte“ führt nach Ansicht Kretschmanns vor Augen, dass neben der Gehemeinen Staatspolizei (Gestapo) auch die Kriminalpolizei Teil des nationalsozialistischen Unterdrückungsapparats war. In Stuttgart verbindet sich das mit den Orten Hotel Silber (Gestapo-Sitz) und eben der „Büchsenschmiere“. Zusätzliche Arrestzellen befanden sich in einem im Krieg zerstörten Gebäude auf dem heutigen Joseph-Süß-Oppenheimer-Platz – ein weiteres wenig bekanntes Geschichtskapitel.

Auch Fachbeamte waren Teil des Unterdrückungssystems

Für Günter Riederer vom Stadtarchiv zeigt sich in der Ausstellung, dass die „vermeintlich unpolitischen Fachbeamten“ Teil des Unterdrückungssystems waren – mit Kontinuitäten bis in die Nachkriegszeit. Exemplarisch steht dafür das Beispiel einer Stuttgarter Sintezza, die sich nach Kriegsende unvermittelt demselben Beamten aus der „Büchsenschmiere“ gegenüber fand, der unter den Nazis Dienst tat, und sie als „Fachmann für Zigeunerfragen“ nun zur Abtreibung drängte.

Carsten Kretschmann findet für die Ausstellung im Rathaus viele lobende Worte. Sie sensibilisiere für begangenes Unrecht und trage dazu bei, den heutigen Hospitalhof zu einem Erinnerungsort zu machen. Durch die Berücksichtigung verschiedener Opfergruppen ermögliche sie „inklusives Erinnern“ ohne dass eine „Gedenkkonkurrenz“ entstünde. Dass die Ausstellung, die 2024 bereits im Hospitalhof zu sehen war, mit ihren Fotos und Tafeln konventionell erscheint und auf digitale Effekte verzichtet, sieht der Historiker nicht als Nachteil. Im Gegenteil: „Erinnerung braucht einen langen Atem inmitten des lauten Stimmengewirrs.“

Historiker Carsten Kretschmann: „Für die freiheitliche demokratische Grundordnung eintreten!“ Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Eindrucksvoll sind historische Aufnahmen, die das ursprüngliche Gebäudeensemble zeigen, zu dem auch die Hospitalkirche zählte, bis dahin größte Stuttgarter Kirche mit 1700 Sitzplätzen. Ebenso die Schadenskarte, die nach dem verheerenden Luftangriff vom 12./13. September 1944 angefertigt wurde und das Hospitalviertel als Trümmerlandschaft ausweist. Herausgehoben werden – im Bösen wie im Guten – auch Personen. Der NS-Oberbürgermeister Karl Strölin etwa, der in der offiziellen Ahnengalerie im Rathaus ausgespart ist, als hätte er nie existiert.

Gezeigt werden auch Menschen mit besonderer Courage: die Kommunistin Lilo Hermann und die Pfarrer Julius von Jahn und Helmut Goes. Ihr Beispiel belegt für Andreas Keller, „dass man als einzelner etwas tun kann“. Mit Blick auf antidemokratische Tendenzen heute sieht Carsten Kretschmann die Ausstellung als Aufforderung „für die freiheitliche demokratische Grundordnung einzutreten“ – gerade dort , wo Menschen als Andersartige behandelt würden. Das ist ganz im Sinne von Prälatin Gabriele Arnold, die der „Büchsenschmiere“-Ausstellung bei der Eröffnung „möglichst viele junge Besucher“ wünschte. Für nächste Woche haben sich 100 Polizeianwärterinnen und -anwärter angekündigt.

Das Buch zur Ausstellung

Dokumentation
Die Geschichte der „Büchsenschmiere“ ist auch Thema einer 130 Seiten starken Publikation von Peter Poguntke, Andreas Keller und Monika Renninger. Sie kann zum Preis von 17 Euro im Hospitalhof erworben werden.