Am Mittwochabend fand in der Händelhalle in Halle (Saale) der gemeinsame Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau und der Handelskammer Halle statt.Mehr als 800 Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Verwaltung und Medien waren anwesend. Nach einem „Freude schöner Götterfunden“ aus den Kehlen das halleschen Gospelchors Joy’n’us ging es los.
Gleich zu Beginn machen die Präsidenten der beiden gastgebenden Kammern deutlich, worum es ihnen geht. Sascha Gläßer, Präsident der IHK Halle-Dessau, und Thomas Keindorf, Präsident der HWK Halle, schlagen einen Ton an, der gleichermaßen nüchtern wie kämpferisch ist. Angesichts der Vielzahl an Herausforderungen sei es notwendig, „Probleme klar zu benennen“ und sich an den Mut der Wendejahre zu erinnern – an eine Zeit, in der Umbruch nicht als Bedrohung, sondern als Chance begriffen wurde.
Die Präsidenten sprechen nicht abstrakt. Sie sprechen im Namen von rund 70.000 Unternehmerinnen und Unternehmern in Sachsen-Anhalt – vom Industrieunternehmen bis zum Handwerksbetrieb, vom Familienbetrieb bis zum international tätigen Mittelständler. Diese hätten in den vergangenen 35 Jahren gezeigt, wie aus strukturellem Rückstand wirtschaftliche Stärke entstehen kann.
Doch genau dieses Erreichte stehe nun auf dem Spiel.
Eine wachsende Grundunzufriedenheit – und ihre Ursachen
Die Präsidenten diagnostizieren eine tiefe Grundunzufriedenheit in der Bevölkerung, die weit über politische Lager hinausreiche. Sie speise sich aus der Sorge, dass das mühsam Aufgebaute der vergangenen Jahrzehnte gefährdet sei. Diese Sorge sei längst im Alltag angekommen: in vollen Auftragsbüchern, die plötzlich leerer werden; in steigenden Kosten, die Kalkulationen sprengen; in Liquiditätsproblemen, die selbst gesunde Unternehmen an ihre Grenzen bringen.
Hinzu kommen strukturelle Belastungen:
– hohe Energie- und Rohstoffpreise,
– ein anhaltender Fach- und Arbeitskräftemangel,
– wachsende bürokratische Anforderungen,
– fehlende Planungssicherheit bei Investitionen.
Die wirtschaftliche Realität, so der Tenor, sei geprägt von Unsicherheit – und Unsicherheit sei Gift für unternehmerische Entscheidungen.
Kritik und Verantwortung: Kammern als politische Akteure
Dabei belassen es die Kammern nicht bei der Diagnose. Es sei gute Tradition, so Gläßer und Keindorf, Kritik mit eigenen Lösungsvorschlägen zu verbinden. Der Neujahrsempfang markiert deshalb auch den offiziellen Auftakt der IHK-Standortkampagne 2026 unter dem Titel: „Unsere Wirtschaft – stark vor Ort!“
Die Kampagne soll sichtbar machen, wie Unternehmen und ihre Beschäftigten in Sachsen-Anhalt tagtäglich Wohlstand schaffen – und welche politischen Rahmenbedingungen notwendig sind, um diesen zu sichern. Wachstum, so die Botschaft, ist kein Selbstläufer, sondern Ergebnis kluger Entscheidungen.
Parallel dazu setzt die Handwerkskammer Halle ihre Beteiligung an der bundesweiten Handwerkskampagne „Wir können alles, was kommt.“ fort. Ziel ist es, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, das Image des Handwerks zu stärken und junge Menschen für berufliche Bildung zu gewinnen.
Halle als politische Bühne: Bund und Land im Dialog
Dass wirtschaftliche Probleme nicht isoliert auf Landesebene gelöst werden können, wird an diesem Abend deutlich. Das Programm des Neujahrsempfangs ist bewusst so angelegt, dass es eine Brücke zwischen Bundes- und Landespolitik schlägt. Mit Bundeskanzler Friedrich Merz, Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff und Wirtschaftsminister Sven Schulze stehen drei politische Schwergewichte auf der Bühne. Sie stellen sich der Kritik der Wirtschaft – in Redebeiträgen und in einer offen geführten Podiumsdiskussion. Die Gastgeber formulieren dabei eine klare Erwartungshaltung: Der Standort habe viel erreicht – neue Industrieansiedlungen, starke Mittelständler, internationale Investoren. Doch ohne verlässliche Rahmenbedingungen drohe dieser Erfolg zu erodieren.
„Ganz schweres Fahrwasser“ – Haseloffs nüchterne Bestandsaufnahme
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff findet deutliche Worte. Die wirtschaftliche Lage sei ernst, sagt er. „Wir haben momentan ganz schweres Fahrwasser.“ Besonders die Automobil- und Chemieindustrie stünden unter Druck – dabei trügen sie rund 20 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei.
Haseloff warnt vor einer Kettenreaktion: Wenn diese Schlüsselindustrien schwächeln, geraten Wertschöpfungsketten, Arbeitsplätze und kommunale Finanzen gleichermaßen in Gefahr. Der Strukturwandel müsse gestaltet werden – aber mit Augenmaß und realistischem Zeitplan.
Merz als Kanzler der Zumutungen
Der zentrale Auftritt des Abends gehört Bundeskanzler Friedrich Merz. Seine Rede ist weniger versöhnlich als analytisch – und stellenweise provokant. Merz beschreibt Deutschland als Hochsteuerland mit zu hohen Arbeitskosten. Der Wohlstand lasse sich, so seine Überzeugung, nicht mit reduzierter Arbeitszeit sichern. „Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche wird sich unser Wohlstand nicht erhalten lassen.“
Der Kanzler geht noch weiter: Am liebsten, so Merz, würde er das Arbeitszeitgesetz streichen, um mehr Flexibilität zu ermöglichen. Leistung und Produktivität müssten wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Auch beim Thema Rente zeigt sich Merz deutlich. Nicht das ganze Land bestehe „aus Dachdeckern und Fliesenlegern“. Es gebe viele junge und gesunde Menschen, die mehr arbeiten könnten. Deutschland müsse zu einer höheren volkswirtschaftlichen Leistung kommen. Der Vergleich mit der Schweiz fällt bewusst pointiert aus. Dort funktioniere ein höheres Arbeitsvolumen – und Merz erkennt „keine tiefgreifenden genetischen Unterschiede“.
Steuerpolitik als Zankapfel: Merz contra SPD
Besonders scharf kritisiert der Kanzler die steuerpolitischen Vorschläge der SPD, insbesondere zur Erbschaftsteuer. Er wendet sich gegen eine stärkere Besteuerung von Unternehmensvermögen und warnt vor zusätzlicher Verunsicherung bei mittelständischen Betrieben. Merz fordert, die für dieses Jahr erwartete Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts abzuwarten. Eine voreilige Reform, so seine Warnung, könne Investitionen hemmen und Nachfolgeregelungen erschweren. Die Weitergabe von Betrieben innerhalb von Familien dürfe nicht unnötig belastet werden. Wirtschaftsverbände hatten die SPD-Pläne bereits im Vorfeld scharf kritisiert – der Kanzler stellt sich demonstrativ an ihre Seite.
Selbstkritik aus dem Kanzleramt
Bemerkenswert ist jedoch, dass Merz auch Selbstkritik übt. Die schwarz-rote Bundesregierung habe die Menschen bislang nicht ausreichend erreicht. „Unsere Kommunikationsstrategie ist nicht gut genug gewesen.“ Politik müsse besser erklären, erklären und nochmals erklären – und die Menschen auf dem Weg der Transformation mitnehmen. Die Probleme seien bekannt, so Merz, doch deren Lösung müsse nachvollziehbar vermittelt werden.
Respekt in der politischen Auseinandersetzung
Ein weiteres Thema, das Merz aufgreift, ist der Umgangston in der politischen Debatte. Anlass ist der Arbeitgebertag im November, bei dem Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas ausgebuht worden war. Merz kritisiert diesen Umgang ausdrücklich und mahnt zu Respekt – auch bei kontroversen Positionen.
Unterschiedliche Auffassungen müssten ausgehalten werden. Demokratie lebe vom Streit, aber auch vom gegenseitigen Ernstnehmen. Gerade in Zeiten intensiver sozial- und wirtschaftspolitischer Debatten sei ein respektvoller Dialog unverzichtbar.
Hoffnung trotz Krise: Der Blick nach vorn
Trotz aller Kritik zeigt sich der Kanzler vorsichtig optimistisch. Die Inflationsrate sei unter zwei Prozent gesunken, neue Unternehmen entstünden, neue Arbeitsplätze würden geschaffen – auch wenn anderswo Stellen wegfielen. Für das Jahr 2026 sieht Merz Chancen auf eine wirtschaftliche Erholung.
Doch dafür müsse Deutschland „wieder fit gemacht“ werden. Wettbewerbsfähigkeit, so der Kanzler, sei kein ideologischer Begriff, sondern Voraussetzung für sozialen Zusammenhalt.
Ganz zum Schluss überreichten die Halloren Merz noch ihr traditionelles Neujahrsgeschenk: Soleier und Schlackwurst.
