Zum Auftakt ins Super-Wahljahr zeigen sich zwei Spitzenkandidaten aus höchstverschiedenen AfD-Lagern betont einträchtig in Karlsruhe. Angereist aus Sachsen-Anhalt ist am Mittwochabend Ulrich Siegmund, der in Umfragen in seinem Bundesland mit rund 40 Prozent deutlich vorne liegt. Der 35-jährige Tiktok-Star seiner Partei hat damit Chancen, der erste AfD-Ministerpräsident zu werden.

Er sei gerade in Österreich bei der FPÖ gewesen, um sich vorzubereiten, sagt Siegmund. Er wolle im Wahlkampf und nach der Wahl nichts dem Zufall überlassen, betont er. Siegmund sagt, er rechne damit, dass die anderen Parteien der AfD „Sand ins Getriebe streuen“.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) will Ende dieses Monats von seinem Amt zurücktreten. Einen Tag später solle der weitgehend unbekannte CDU-Landeschef Sven Schulze im Landtag zu seinem Nachfolger gewählt werden. Ob er den Abstand zu Siegmund noch reduzieren kann, ist höchst fraglich.

Empfangen wird Siegmund in Karlsruhe vom baden-württembergischen Spitzenkandidaten, Markus Frohnmaier (34), Bundestagsabgeordneter und außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Im Südwesten wird im März gewählt, in Sachsen-Anhalt im September. In vielen Politikfeldern liegen zwischen den beiden AfD-Kandidaten Welten: Siegmund steht Björn Höcke nah und äußert regelmäßig als Mitglied der „Fraktionsvorsitzendenkonferenz Ost“ Kritik an einem vermeintlich zu gemäßigten Kurs der Gesamtpartei. Zuletzt gab es Streit um die Wehrpflicht, die die Ost-AfDler zu diesem Zeitpunkt ablehnen.

Parteiinterne Differenzen gibt es schon lange zwischen den Russlandfreunden im Osten und West-AfD-lern, die sich eher transatlantisch orientieren. Frohnmaier ist Vertrauter von Alice Weidel und vernetzt sich derzeit mit der „Make America Great Again“-Bewegung von Donald Trump, kurz MAGA. Ende 2025 ist er in die USA gereist und hat unter anderem beim einflussreichen „Young Republican Club“ in New York für eine transatlantische „Patrioten“-Allianz geworben. Frohnmaier spielte damit auf das Strategiepapier der US-Regierung an, die die Gefahr einer „zivilisatorischen Auslöschung“ Europas beschwört – verursacht durch Migration, Konflikte, Einschränkungen der Meinungsfreiheit und eine Unterdrückung der politischen Opposition. Gelobt wird in dem Dokument zugleich, der „wachsende Einfluss patriotischer europäischer Parteien“.

Vor Frohnmaier spricht in Karlsruhe Siegmund zu den gut 600 Zuschauern im vollen Saal der Badnerlandhalle – 200 Personen haben keinen Platz mehr gefunden und mussten draußen bleiben. Er habe sich „ein Bild von eurem Stadtbild machen“ können, sagt er zu Beginn. „Auch da gibt es eine Menge aufzuräumen“, ätzt er. Vom Publikum wird der TikTok-Star mit stehenden Ovationen begrüßt. Er spricht von einer „historischen Zeit“. Deutschland stehe an einem geschichtlichen Wendepunkt. „Ich möchte jeden Zentimeter dieses Landes wieder zurückholen.“

Dann erklärt Siegmund, warum die grundverschiedenen Politiker nun gemeinsam Wahlkampf machen. Es gehe schließlich ums ganze Land, betont er. Die AfD könne den Kampf um Deutschland nur gemeinsam bestreiten, über Ländergrenzen hinweg, „das machen wir heute“. So lautet auch der Titel der Veranstaltung in Karlsruhe „Das große Gipfeltreffen“, ein Treffen zweier „Gipfelstürmer“ – einer aus dem Osten, einer aus dem Westen.

Siegmund macht Wahlkampf mit dem Slogan „Mut zur Wahrheit“ und einer „Vision 2026“, die er dem Publikum erläutert. Als erste Amtshandlung im Falle seiner Wahl zum Ministerpräsidenten plane er die „größte Abschiebe-Offensive, die dieses Land je gesehen hat“. Die zweite Amtshandlung werde die Kündigung des Medienstaatsvertrags sein, sagt er und wirft den Öffentlich-Rechtlichen „mediale Desinformation“ vor. Zugleich räumt er ein, dass das nicht einfach werde. Siegmund bekräftigt, dass er alleine regieren wolle und dafür 45 Prozent der Wählerstimmen benötige.

Bei den Themen Abschiebungen – Frohnmaier spricht vom „Rückführen, bis die Startbahn glüht“ – sind sich die beiden Spitzenkandidaten indes einig. Beide wollen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk das Geld streichen. Sie beklagen mangelnde Meinungsfreiheit in Deutschland und die Brandmauer der anderen Parteien, die die AfD am Regieren hindert. Die CDU wird von beiden als „größtes Problem im Land“ bezeichnet, wie Siegmund es ausdrückt. Denn die werbe mit AfD-Inhalten und mache dann grüne Politik.

Strittige Themen der Außen- und Sicherheitspolitik sparen beide aus. Sie sprechen nacheinander zum Publikum, diskutieren aber nicht direkt miteinander. Frohnmaier erinnert an Zeiten in der Vergangenheit, als die AfD noch besonders laut gestritten – und damit Wähler verprellt hat. Die Partei habe sich zu lange mit sich selbst beschäftigt, mahnt er. Bei diesem Wahlkampf will die AfD es anders machen.