Es war Weihnachten 2022, die Nacht nach Heiligabend. In der Dortmunder Nordstadt beschwerten sich Anwohner über anhaltendes Motorengeheul. Eine Funkstreife rückte an, der Fahrer eines Hochklasse-Mercedes aber setzte zurück, wollte sich „der Kontrolle entziehen“, wie die Polizei sagt. Ein Kommissar schoss – sechsmal. Mehr als drei Jahre später steht er nun wegen versuchten Totschlags vor Gericht. Er habe, heißt es in der Anklage, „seine Stellung missbraucht“.
Dieser Vorwurf ist einer der Gründe, warum seit der Tatnacht so viel Zeit vergangen ist. Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst versuchte Körperverletzung im Amt angeklagt. Trotz der sechs Geschosse, die durch Karosserie und Scheiben in den Innenraum des Luxuswagens eindrangen, wurde zwar niemand verletzt; die zunächst zuständige Strafkammer am Landgericht aber legte die Sache doch dem Schwurgericht vor, das für Tötungsdelikte zuständig ist. Das hat das Strafverfahren nun eröffnet.
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Zwei Wochen nach den Ereignissen hatten die Ermittler die nächtliche Situation an einer Ampel an der Leopoldstraße nachgestellt: Danach, so steht es nun auch in der Anklage, waren die zwei jungen Männer am späten Heiligen Abend in Essen in das Auto gestiegen, das dem Vater des älteren (18) gehörte. In Dortmund soll der Fahrer das Steuer seinem 17-jährigen Freund überlassen haben, der noch gar keinen Führerschein besaß. Er selbst setzte sich auf den Rücksitz.
Polizeikugel prallte am Lenkrad ab
Um 2.33 Uhr ging ein Notruf von Anwohnern ein: Ein Mercedes AMG drehe Kreise durch das Viertel, mit aufheulendem Motor. Womöglich hatte der 17-Jährige damit einer jungen Frau imponieren wollen, die in der Nähe wohnte. Eine Funkstreife aus der nahegelegenen Nordstadtwache rückte aus. An der Ampel soll sich deren Fahrer, damals 34, quer vor das Auto der jungen Männer gesetzt haben. Laut Anklage stiegen beide Beamte aus und gingen mit gezogenen Dienstwaffen auf den Mercedes zu.

Verteidigt den 36-jährigen Beamten, der vom Dienst suspendiert ist: Rechtsanwalt Jan-Henrik Heinz.
© Bernd Thissen/dpa | Bernd Thissen
Doch der 17-Jährige machte nicht etwa den Motor aus oder stieg aus dem Wagen: Er soll weit zurückgesetzt haben, um durchzustarten. Doch bevor er losfahren konnte, soll der Polizeikommissar „gezielt auf das Fahrzeug geschossen“ haben. Das Projektil soll nach den Untersuchungen von vorn durch die Windschutzscheibe ins Auto eingedrungen und am Lenkrad abgeprallt sein. Die Flucht verhinderte das indes nicht: „Erschrocken“ soll der 17-Jährige aufs Gaspedal gedrückt und Vollgas gegeben haben, er fuhr im nahen Bogen um den Polizisten herum.
Der drückte noch weitere fünfmal ab; alle Geschosse durchschlugen Metall und Polster, eines soll sich in die Lehne der Rückbank gebohrt haben, auf der der 18-Jährige saß. Durch das letzte Projektil barst die Heckscheibe, die Scherben soll der Sohn des Halters in den Nacken bekommen haben. Der Polizeibeamte, so formuliert es die Staatsanwältin, soll „billigend in Kauf genommen haben, dass (…) die beiden Insassen getroffen und auch tödlich verletzt werden könnten“, sogar damit gerechnet haben. Der Kommissar habe erst aufgehört zu schießen, als sich das Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit entfernte und außer Sicht war.
Der heute 36-Jährige wurde damals vom Polizeidienst suspendiert. Auf der Anklagebank sitzt er am Mittwoch ruhig und ohne sichtbare Emotion. Er sei „betroffen“, sagt sein Anwalt Jan-Henrik Heinz. „Das war nichts, was er geplant oder sich ausgesucht hätte.“ Sein Mandant, der in der Zwischenzeit ein Studium begonnen hat, will sich am nächsten Prozesstag Anfang Februar ausführlich äußern. In vorherigen Befragungen soll er von Notwehr gesprochen haben: Er habe befürchtet, überfahren oder mit Waffengewalt angegriffen zu werden. Die Schüsse seien „gerechtfertigt“ gewesen, findet der Verteidiger, der sich für einen Freispruch einsetzen will.
Das sehen die Opfer naturgemäß anders. Beide lassen sich im Prozess als Nebenkläger vertreten. Während der Ältere zum Auftakt seinen Rechtsanwalt sprechen lässt, poltert der Vater des Jüngeren verspätet mitten in die Verlesung der Anklage. Sein Sohn sei schwer traumatisiert, habe schwer mit dem Geschehenen zu kämpfen, sagt er später auf dem Flur. Er sei ungerecht behandelt worden, die Familie fordere Gerechtigkeit.
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„Ich hätte meinen Sohn verlieren können“, sagt der Vater über den jungen Mann, der auf einer Bank sein Gesicht in beiden Händen versteckt. „Aber der liebe Gott hat ihn beschützt.“ Über das Verhalten des angeklagten Polizisten sei er „sprachlos: Die Polizei ist doch zum Schutz da und nicht, um Menschen im Auto abzuknallen“.