Stuttgart geht finanziell am Stock. Auch für Großprojekte wie die Opernsanierung fehlt Geld. Andernorts springen Spender ein. Die Stadt startet erste Bemühungen.

Hamburg und Stuttgart pflegen seit längerem gute Beziehungen. Sei es der Fischmarkt in Stuttgart oder früher das Weindorf in Hamburg, seien es ähnliche städtebauliche Großprojekte wie die Hafencity oder die Stuttgart-21-Flächen. Auch in Sachen Oper sieht man in beiden Städten großen Handlungsbedarf. In diesem Punkt allerdings gibt es einen großen Unterschied, der dazu führen dürfte, dass man vom Neckar aus neidisch gen Elbe blickt.

Denn Hamburg bekommt eine neue Oper geschenkt – zumindest fast. In der Hafencity soll ein Neubau von Weltrang entstehen. Finanziert wird er von dem Milliardär Klaus-Michael Kühne und dessen Stiftung. Die Stadt trägt 147,5 Millionen Euro für standortspezifische Themen wie Gründung und Flutschutz. Diese Summe ist gedeckelt. Alle weiteren Kosten und Risiken übernimmt die Stiftung komplett. Kühne geht derzeit von 330 Millionen Euro aus, die er beisteuern will. Nach Fertigstellung geht der Bau als Schenkung an die Stadt über. Endgültig entscheiden will die Stiftung aber erst, wenn die konkreten Planungen abgeschlossen sind.

Kühnes langjähriges Engagement für die Stadt Hamburg – und auch den Fußballclub HSV – ist nicht immer unumstritten, aber doch häufig hoch willkommen. Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Kassen.

In der aktuellen Liste der reichsten Deutschen des „Manager Magazin“ rangiert Kühne auf Platz sechs. Der Spitzenreiter kommt aus Baden-Württemberg. Es handelt sich um Dieter Schwarz von der Schwarz-Gruppe, zu der die Supermarktketten Kaufland und Lidl gehören. Das Vermögen des scheuen Superreichen wird auf 46,5 Milliarden Euro geschätzt. Auch er betätigt sich als großzügiger Mäzen in seiner Heimatstadt Heilbronn – besonders im Forschungs- und Bildungswesen. Genauso wie SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp in der Rhein-Neckar-Region.

Und Stuttgart? Zwar ist man im Schwäbischen für gewöhnlich diskret, was Geldfragen angeht, doch es ist ein offenes Geheimnis, dass die Landeshauptstadt Baden-Württembergs mit ihrem Umland zu den wohlhabendsten Regionen Deutschlands gehört. Das gilt allerdings inzwischen nicht mehr für die Stadtverwaltung selbst. Nachdem besonders die Gewerbesteuer über Jahre sprudelte und man teils riesige Überschüsse erwirtschaften konnte, geht es jetzt wie in vielen deutschen Städten ans Eingemachte. Bei den Haushaltsberatungen vor Weihnachten ist um jede Ausgabe gerungen worden. Trotz schmerzhafter Einsparungen braucht die Stadt laut Plan bis 2028 rund 2,8 Milliarden Euro an Krediten.

Zwei Milliarden Euro für die Oper?

Während in praktisch allen Bereichen gekürzt wird und viele soziale und kulturelle Einrichtungen ums Überleben kämpfen, steht auch die Zukunft mehrerer kultureller Großprojekte in den Sternen. Das historische Opernhaus der Württembergischen Staatstheater soll umfassend saniert werden, die Kostenschätzungen mitsamt einer Interimsspielstätte belaufen sich auf bis zu zwei Milliarden Euro. Die Hälfte davon müsste die Stadt stemmen, die andere das Land. Ein Konzertforum steht ebenfalls auf der Wunschliste. Auch die Schleyerhalle in Bad Cannstatt ist in die Jahre gekommen und soll eigentlich einem Neubau weichen, der Hunderte Millionen Euro verschlingen würde. Geld, das die Stadt Stand heute nicht hat.

Da könnte die Frage gestellt werden, ob nicht noch andere Wege denkbar sind. Denn es fehlt in Stuttgart und der Region nicht an reichen Menschen, an Stiftungen, an Unternehmen – auch wenn letztere derzeit häufig keine Blütezeit erleben. Wer könnte also in die Bresche springen?

Das Stuttgarter Opernhaus soll saniert werden – die Frage ist nur, wann und mit welchem Geld. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Öffentlich groß diskutiert worden ist das bisher nicht – doch entsprechende Überlegungen hat man inzwischen auch im Rathaus. „Es gab auch in der Vergangenheit immer wieder Privatpersonen, Unternehmen oder Stiftungen, die dankenswerterweise Projekte oder Aktivitäten in der Landeshauptstadt Stuttgart aus ihren Mitteln gefördert oder unterstützt haben“, sagt Oberbürgermeister Frank Nopper. So sei es ihm etwa gelungen, als Schirmherr einer Benefizveranstaltung des Kiwanis-Clubs eine Förderung in Höhe von 10 000 Euro für das vom Jugendamt veranstaltete Kinderfest „Summer in the City“ in diesem Jahr zu erreichen. So werde das Überleben der Veranstaltung gesichert.

Ähnliche Beispiele bürgerschaftlichen Engagements gibt es einige. Die Stuttgarter Lions-Clubs verkaufen seit vielen Jahren auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein, um mit den beträchtlichen Einnahmen Spielplätze zu sanieren. In anderen Gemeinden übernehmen Bürger zum Teil die Schwimmbäder, um sie zu erhalten. In Stuttgart engagieren sich der Verkehrsverein Pro Stuttgart oder der Verschönerungsverein für die Infrastruktur, etwa mit Baumpflanzungen und -patenschaften. Viele Vereine und Gruppen tun, was sie können.

Hunderte Einkommensmillionäre in der Stadt

„Spender, Gönner, Stifter und auch Sponsoren gewinnen in einer Zeit kommunaler Finanznöte weiter an Bedeutung. In Zeiten wie diesen werden wir diese auch proaktiver ansprechen und um Unterstützung bitten“, sagt Oberbürgermeister Nopper. Finanzkrisen der öffentlichen Hand seien „die Stunde des finanziellen Engagements von privaten Akteuren“. Es sei durchaus denkbar, für einzelne Projekte wie etwa die Opernsanierung einen Förderkreis aufzubauen, der „namhafte Beträge“ für das Vorhaben einwirbt.

Um solche namhaften Beträge zusammenzubekommen, dürften Kleinspenden allerdings nicht ausreichen. Da müssten schon dickere Geldbeutel geöffnet werden. Laut Zahlen des Statistischen Landesamts von 2021 lebten damals in Stuttgart 527 Einkommensmillionäre – also sehr gut verdienende Menschen mit einem Jahreseinkommen von über einer Million Euro. Neuere Daten liegen nicht vor. Das ist ein gewaltiges Potenzial.

Und auch an der absoluten Spitze der vermögendsten Menschen Deutschlands ist Stuttgart kein weißer Fleck. Auf der Liste des „Manager Magazin“ finden sich neben Dieter Schwarz allein unter den ersten 50 weitere elf Namen aus Baden-Württemberg. Vertreten sind mit Bezug zur Region Stuttgart etwa die Familien Porsche und Stihl, aber auch der Künzelsauer Unternehmer Reinhold Würth. Ebenfalls zu den Milliardären zählt das Magazin die Familien Bosch, von Holtzbrinck, Lapp, Dürr, Stoll (Festo), Kärcher und Leibinger (Trumpf). Dazu kommen einige weitere weniger bekannte Namen. Viele von ihnen engagieren sich bereits für Kunst, Kultur und Wissenschaft, verfügen zum Teil über bestens ausgestattete Stiftungen.

Womöglich würde es sich für Stadt und Kulturlandschaft also lohnen, einmal in diese Richtung zu denken – zumal weiche Standortfaktoren gerne auch von Unternehmen genannt werden, wenn es um die Attraktivität einer Region und ihrer Arbeitsplätze geht, beispielsweise für Fachkräfte. Dann würde sich zeigen, was an Unterstützung kommt. Es muss ja nicht gleich ein Kühne sein, der Hunderte Millionen auf den Tisch legt.