Das Konzept ist in Winterthur eine Neuheit. Ob es auf Nachfrage stösst, ist fraglich.
In der Artothek kann man Bilder von Künstlern wie Ruedi Burgunder ausleihen.
PD
Bei Ihnen hängt ein Picasso über dem Sofa, ein Monet in der Küche. Nicht? Nachvollziehbar. Schliesslich kosten die wichtigsten Werke der Kunstgeschichte zig Millionen Franken. Und selbst Bilder unbekannterer Künstler haben oft ein Preisschild von mehreren tausend Franken – kein Vergleich mit den Ikea-Postern, die ungleich öfter Schweizer Wände schmücken. Doch das soll sich nun ändern.
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Die Winterthurer Bibliotheken verleihen ab Mitte Januar dieses Jahres zusammen mit der Stefanini-Stiftung Kunstwerke. Die Bilder und Fotografien kann man ganz einfach ausleihen, informieren die Bibliotheken Winterthur auf ihrer Website: Nötig ist nur eine Bibliothekskarte und fünf Franken Beteiligung an den Versicherungskosten.
Entstanden ist die Idee an zwei Orten gleichzeitig. Die Bibliotheken Winterthur und die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG), entstanden aus der Stefanini-Sammlung, standen vor demselben Problem: zu viel Kunst.
Severin Rüegg leitet die 1980 gegründete SKKG und sagt: «Es gibt eine grosse Menge Bilder, etwa aus Nachlässen von Künstlern. Gleichzeitig sind die Depots der Museen gut gefüllt, die Ausstellungsräume ebenfalls.» Also standen die beiden Winterthurer Institutionen vor der Frage: Was tun mit Werken, die in Depots gelagert werden, aber keinen Platz in einem Museum finden?
Die Lösung ist die «Artothek». Kunstausleihe von Werken, die kaum angeschaut werden, für Menschen, die selten Kunst anschauen.
Picasso weiterhin nur im Museum
Gemälde von Grössen wie Picasso, Rembrandt, Monet gehören da nicht dazu. Ausleihen kann man in der Winterthurer Artothek vor allem Werke kleinerer, lokaler Künstler und Künstlerinnen. Das liegt zum einen daran, dass sich für grosse Werke der Kunstgeschichte meist noch ein Käufer oder ein Plätzchen in einem Museum findet. Zum anderen wäre aber allein schon die Versicherung für ein solches Werk extrem teuer. Die Bilder, die jetzt in der Artothek ausleihbar sind, sind hingegen lediglich einige hundert Franken wert. Dann, könnte man sagen, ist es auch nicht schlimm, wenn sie etwas verkratzt werden, Farben verändert, Papier beschädigt wird. Regula Geiser, die bei der Sammlung Winterthur für das Ausleihkonzept der Artothek verantwortlich ist, sagt: «Bei diesen Werken ist das vertretbar.»
Damit die Bilder aber unversehrt zurückkommen, hat die Bibliothek einigen Aufwand betrieben: Für jedes Gemälde wurde eine Kartonverpackung auf Mass gefertigt. Bevor man ein Werk ausleihen darf, informieren die Mitarbeitenden der Bibliothek darüber, wie man auf das Bild achtgeben sollte. Geiser sagt: «Man sollte sie an einem trockenen, eher dunklen Ort aufhängen.» Das heisst: «Nicht im Badezimmer, nicht über dem Herd, nirgends, wo die Sonne direkt hinscheint.»
Ob die Anweisungen befolgt werden, kontrolliert die Bibliothek aber nicht – «können wir ja gar nicht», schiebt Geiser hinterher. Schäden, die an den Bildern schlicht durch die Abnützung entstehen, verantwortet die Bibliothek. Die Menschen, die ausleihen, müssen solche Schäden nur dann berappen, wenn sie die Bilder aussergewöhnlich schlecht behandelt haben. Ausleihen darf man die Bilder für drei Monate.
Das Konzept der Winterthurer Artothek ist in der Schweiz noch nicht verbreitet. Ein Vorschlag aus dem Berner Parlament, in Bern ein ähnliches Konzept einzuführen, wurde kürzlich vom Berner Regierungsrat zur Ablehnung empfohlen. Die Begründung: Man wolle alle Kunstwerke gleich sorgfältig behandeln.
Severin Rüegg kann diese Argumentation gut nachvollziehen. Er wendet aber ein: «Nicht alle Kunstwerke sind für den gleichen Kontext bestimmt.» Mit der Artothek schaffe man einen Zugang zu gewissen Werken, der sonst nicht möglich wäre. «So leben Menschen mit diesen Bildern, verbinden Erinnerungen damit oder führen am Esstisch vielleicht Gespräche darüber, die im Museum nicht entstanden wären.» Manche Kunstwerke könne man fast nur in Museen betrachten, manche seien dort fehl am Platz. «Francis Bacon geniesse ich im Museum – aber im Wohnzimmer, am Sonntag vor dem ersten Kaffee? Wohl kaum.»
Kritik aus Kunstkreisen
Doch das Konzept der Winterthurer Artothek trifft auch auf Kritik aus Kunstkreisen. So ist in der Auswahl, die zur Ausleihe bereitsteht, beispielsweise keine zeitgenössische Kunst vertreten. Zudem monieren Kritiker, die Zusammenstellung folge keinem Konzept und wirke zufällig. Die Artothek sei somit nicht mehr als ein Versuch, aus Nachlässen, die niemand will, noch etwas zu machen – ähnlich, wie Flohmärkte oder Brockenhäuser das tun.
Severin Rüegg gibt den Kritikern zum Teil recht. Dass in der Auswahl auch zeitgenössische Kunst vertreten sein sollte, findet er auch. «Daran arbeiten wir noch.» Dass die Artothek aber lediglich ein Flohmarkt für ungeliebte Bilder sei, schmettert er ab. Er habe den Eindruck, dahinter stehe ein Unwille, Kunst für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen.
Die Frage ist nur: Wollen überhaupt viele Menschen diese Kunst? Ein Angebot in Elgg, wo die Bilder allerdings im Unterschied zur Artothek kostenpflichtig vermietet werden, stösst bisher auf wenig Anklang. Vermietet werden Werke aus dem Fundus der Künstlerin Veronika Martin Mantel, die die Kunst nicht mehr lagern konnte. Sie übergab sie deshalb einer Genossenschaft, der Galerist Michel Cuendet vermietet die Stücke nun.
Weil man Kunst, so doch die landläufige Haltung, ja nicht einfach entsorgen soll, kann man sie nun mieten. Doch allzu oft will das niemand. «Die meisten Interessierten machen den Schritt vom Interesse zur Miete nicht», sagt Cuendet. «Viele sagen, sie hätten keinen Platz.» An den Wänden, die infrage kämen, hängen wohl längst Ikea-Poster.
