Bielefeld. Insbesondere die kalten Wintermonate sind eine harte Zeit für Menschen, die keine feste Bleibe haben – und verschärfen die ohnehin angespannte Situation. Umso schwerer wiegt die Meldung, dass die Fälle von Wohnungslosigkeit in den letzten Jahren gestiegen sind. Das hat die Antwort der Verwaltung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bielefelder Rat gezeigt. Waren 2023 noch 487 Personen wohnungslos, waren es im Jahr 2024 bereits 545 und im Jahr 2025 schon 628 Personen. 141 von ihnen sind noch minderjährig.

Die Zahl bezieht sich allerdings nur auf die Menschen, die in städtischen Übergangsplätzen untergebracht sind. Das heißt, dass es ein „großen Graubereich“ gibt, wie die Verwaltung einräumt. So würden zum Beispiel Menschen, die keine eigene Wohnung haben, aber bei Bekannten unterkommen und sich nicht an die Wohnungslosenhilfe wenden, von der Stadt nicht erfasst werden – und tauchen somit in keiner Statistik auf.

Auch Menschen, die von freien Trägern der Wohnungshilfen betreut werden, sind nicht in den Zahlen der Stadt erfasst. Die Zahl tatsächlich wohnungsloser Menschen dürfte folglich höher liegen.

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Suchterkrankungen und psychische Probleme nehmen zu

Unterdessen schätzt die Verwaltung, dass es stadtweit insgesamt 40 obdachlose Personen gibt, also Menschen, die keine Hilfe erhalten beziehungsweise in Anspruch nehmen. Gemäß Sozialdezernat stelle hierbei auch die wachsende Zahl suchtkranker und psychisch erkrankter Menschen eine „erhebliche Herausforderung“ dar. Insbesondere diese Personengruppe falle durch das Hilfsnetzwerk.

Doch warum ist das so? Laut der Stadt Bielefeld habe sich die Stärke und Zusammensetzung der Drogen verändert. Vor allem Crack oder Fentanyl „führen zu einer schnellen Abhängigkeit sowie schnellerer gesundheitlicher und sozialer Verelendung“. Für Sozialarbeiter sei es daher besonders schwierig, diese Menschen zu erreichen.

Kapazitäten ausgeweitet: Neue Unterkunft für Bielefelder Obdachlose

Trotz steigender Wohnungslosenzahlen spricht das Sozialdezernat von einem „breit aufgestellten“ Hilfesystem. Die städtische Wohnungslosenhilfe nehme bei drohendem Wohnungsverluste bereits präventiv Kontakt zu Mietern und Vermietern auf. Sollte die Wohnungslosigkeit bereits eingetreten sein, können Betroffene in Unterkünften der Stadt unterkommen. Dazu zählen Notschlafplätze oder aber auch um die 400 Übergangswohnungen.

Niedrigschwelligere Angebote in Bielefeld wünschenswert

So sieht die Stadt derzeit keine Erweiterung der Hilfsangebote vor. „Eine Ausweitung der Hilfsangebote führt nicht zwangsläufig zu einer Reduzierung der Zahl wohnungsloser Menschen“, wendet das Sozialdezernat ein. Vielmehr sei die aktive Mitwirkung der betroffenen Personen eine zwingende Voraussetzung für die Überwindung von Wohnungslosigkeit. Aus Sicht der Stadt wäre daher ein schnellerer, niedrigschwelliger Zugang zu psychiatrischen Hilfen, einschließlich aufsuchender Angebote durch medizinische Fachleute „sinnvoll und wünschenswert“.

Auch die Linksfraktion spricht von einem „soliden“ Netzwerk an Hilfsangeboten, dennoch stoße das System an seine Grenzen. Vor allem bestünden tagsüber Versorgungslücken, da viele Unterkünfte lediglich als Übernachtungsplätze ausgelegt und Tagesaufenthalte wie die Kava häufig nur eingeschränkt geöffnet sind. Das stelle gerade in den Wintermonaten ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. Die Linke bezieht sich derweil auf Beispiele aus Hamburg oder Köln, wo es 24/7-Unterkünfte und niedrigschwellige Tagesaufenthalte gibt. „Bielefeld könnte hier mutiger vorangehen.“

Die Gründe für Wohnungslosigkeit sind vielschichtig. So gelten dem Sozialdezernat zufolge persönliche Krisen wie der Verlust des Arbeitsplatzes, die Trennung vom Partner oder auch der Tod einer nahestehenden Person als Risikofaktoren. Aber auch (Miet-)Schulden seien ein „wesentlicher Faktor“.

Angespannter Bielefelder Wohnungsmarkt verschärft die Situation

Häufig seien die Betroffenen infolge von (psychischen) Erkrankungen „nicht in der Lage, ihren vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen oder den Kontakt zum Vermieter bzw. Hilfsstellen aufzunehmen“. Hinzu komme, dass potenzielle Vermieter häufig Vorbehalte gegenüber Menschen hätten, die einen negativen Schufa-Eintrag aufweisen.

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In der Anfrage der Linken heißt es zudem: „Steigende Mieten, aber auch fehlende Wohnungen haben die Situation deutlich verschärft.“ Auch der Bestand an günstigen Wohnungen schrumpfe zum Beispiel durch auslaufende Sozialbindungen.

So liege die Ursache für die steigenden Wohnungslosenzahlen nicht im Hilfesystem, sondern seien vielmehr struktureller Natur. „Der entscheidende Faktor ist der massive Mangel an bezahlbarem Wohnraum“, hält die Linkspartei fest und fordert zusätzlich verlässliche Mietpreisbindungen und einen Schutz vor Zwangsräumungen.

167 Bielefelder in gesicherte Wohnverhältnisse vermittelt

Zwar wurden gemäß Sozialdezernat 2025 insgesamt 167 wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen in 87 gesicherte Wohnverhältnisse vermittelt. Doch der angespannte Wohnungsmarkt – gerade im Bereich preisgünstiger Einzimmerwohnungen – erschwere die Überwindung von Wohnungslosigkeit.

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Daher ist es laut Sozialdezernat ein „wichtiges wohnungspolitisches Ziel“ zusätzlichen Wohnraum für benachteiligte Personengruppen zu schaffen. Dazu zähle allen voran „die Akquise von Mietverträgen, um den Menschen einen verlässlichen Rückzugsort zu ermöglichen“.