Berlin will die Olympischen Spiele!
Aber: Die Bewerbung der Hauptstadt ist nicht frei von Kritik. Mit „NOlympia“ hat sich eine aktive Gegenkampagne entwickelt. Im Interview mit BILD erklärt Sport-Marketing-Experte Prof. Dr. Stefan Chatrath, warum er die Berliner Bewerbung für sinnvoll hält.
BILD: Sie sind selbst Berliner. Unterscheidet sich ihr Blick auf die Berliner Olympiabewerbung als Experte von dem als Privatperson?
Prof. Dr. Stefan Chatrath: Ja. Als gebürtiger Berliner und seit meiner Kindheit sportbegeistert, wäre es ein Traum, Olympische Spiele in meiner Stadt zu erleben. Das wäre ein toller Moment, sicherlich ein Höhepunkt.
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Und als Sport-Marketing-Experte? Ist die Bewerbung eine Chance für die Stadt oder ein riskantes Imageprojekt?
Als Chance für einen Aufbruch, aber nur unter klaren Bedingungen. Berlin steckt in vielen Bereichen fest: Infrastruktur, Verwaltung usw. Olympia kann ein gemeinsames Ziel liefern, das wieder Energie, Ehrgeiz und Umsetzungsdruck erzeugt. Aber: Ohne klare Kostenbegrenzungen und echte Kontrolle kann aus dem Aufbruch ein teures Prestigeprojekt werden. Und das will keiner.
Mit der Bewerbung sollen strategische Ziele verfolgt werden. Vor allem im Bereich der Wirtschaft, Sportförderung und des Stadtimages. Können diese auch auf anderem Weg erreicht werden?
Ja, zum Teil. Berlin kann Imagepflege und Sportförderung auch ohne Olympia betreiben. Olympia schafft aber Bündelung: feste Termine, Umsetzungsdruck, politische Priorität und internationale Aufmerksamkeit. Ohne ein solches Großprojekt fehlt oft die Durchsetzungskraft, wirklich große Vorhaben umzusetzen. Das gilt grundsätzlich auch für andere internationale Formate wie eine Weltausstellung, die derzeit ebenfalls als Option diskutiert wird.
Derzeit äußern sich auch immer wieder Akteure aus dem Profisport – teilweise auch kritisch (u.a. Union Berlins Präsident Dirk Zingler, Christoph Harting unterstützt sogar offen die „NOlympia“-Kampagne). Wie bewerten Sie diese Äußerungen?
Grundsätzlich gilt: Kritik aus dem Profisport ist sehr ernst zu nehmen. Wenn selbst prominente Sportvertreter Zweifel äußern, wird das in der Bevölkerung als starkes Warnsignal wahrgenommen. Die richtige Reaktion ist nicht Empörung, sondern ernsthafte Auseinandersetzung und offene Diskussion.

Als Berliner und Sport-Marketing-Experte befürwortet Prof. Dr. Stefan Chatrath die Berliner Bewerbung
Foto: University of Europe for Applied Sciences
Dirk Zinglers Kritik bezieht sich auch darauf, dass die geplante Kapazität des Stadionausbaus bei Union wegen fehlendem Bahnstrom nicht genehmigt wurde. Wie kann die Stadt unter solchen Bedingungen gewährleisten, dass die öffentlichen Verkehrsmittel während Olympia problemlos funktionieren?
Die Kritik ist berechtigt. Ob Bahnstrom oder ÖPNV-Ausbau, das können letztlich Bahn und Energieversorger beantworten, nicht ein Sportmarketingexperte. Das eigentliche Problem dahinter ist ein anderes. In Berlin fehlt vielen Menschen das Vertrauen, dass politische und administrative Institutionen Großprojekte zuverlässig, pünktlich und im Kostenrahmen umsetzen können. Dieses Vertrauensdefizit ist eines der zentralen Probleme der aktuellen Olympiabewerbung und muss gezielt adressiert werden.
Statt Großprojekten fehlt es in Berlin aber vor allem auch an Investitionen in kleine Sportstätten für den Breitensport – viele Turnhallen sind beispielsweise marode …
Das ist kein Widerspruch. In Paris wurden zahlreiche bestehende kleinere Sporthallen modernisiert und während der Spiele als Trainingsstätten genutzt, so das Sportzentrum Max-Rousié zum Beispiel. Seit Ende der Olympischen Spiele stehen diese Anlagen dem Breitensport zur Verfügung. Entscheidend ist, dass diese Doppelnutzung von Anfang an bewusst geplant wird. Das würde auch in Berlin passieren.
Kann am Ende also auch die breite Gesellschaft profitieren?
Das hängt stark von der Gestaltung ab. Paris hat mit dem Programm „Entreprendre 2024“ gezeigt, wie es funktionieren kann: Kleine und mittlere Unternehmen wurden gezielt an Ausschreibungen herangeführt, vom Handwerksbetrieb über Event-Dienstleister bis zur IT-Firma, einschließlich sozialer Betriebe. Viele haben so erstmals Zugang zu Großaufträgen bekommen. Übertragen auf Berlin heißt das: Olympia kann nur dann wirtschaftlich breit wirken, wenn lokale Unternehmen aus den Kiezen systematisch eingebunden werden, sodass nicht nur große Konzerne profitieren.
Berlin will sein Image verbessern. Olympia 2036 wird dafür kritisch gesehen, genau 100 Jahre nach den Nazi-Spielen. Kann darin auch eine besondere Chance stecken?
2036 ist kommunikativ problematisch, kann aber auch eine Chance sein, wenn Berlin es aktiv rahmt, als ein Gegenbild zu 1936. Nach dem Motto: „Wir zeigen 100 Jahre später eine offene, freie, demokratische Stadt.“
Olympia 1936 zu verschweigen, wäre fatal
Also sollte auf dieses Erbe bewusst eingegangen werden?
Ja, das halte ich für zwingend. Verschweigen wäre fatal. Wenn Berlin den Zuschlag bekäme, muss es ein klares historisches Konzept geben, mit Bildungsangeboten, Ausstellungen, Gesprächen usw.
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Quelle: Reuters29.12.2025
Sie haben von fehlendem Vertrauen gesprochen. Kann Berlin dieses Vertrauen in die Bewerbung zurückgewinnen?
Ich würde hier nicht vorschnell urteilen. Entscheidend ist der 26. September 2026, wenn der DOSB im Rahmen seiner Mitgliederversammlung die deutsche Olympiastadt kürt. Dann muss die Kampagne ihren Höhepunkt erreichen.
Sie befürworten Olympia in Berlin. Unter welchen Bedingungen würden Sie das nicht mehr tun?
Ich würde klar abraten, wenn es keinen verbindlichen Kostenrahmen, keine unabhängige Kontrolle und keine professionell abgesicherte Umsetzung gibt. Ebenso problematisch wäre es, neue Sportstätten ohne überzeugende Nachnutzung zu planen. Berlin hat aber schon gezeigt, dass es anders gehen kann, mit der Max-Schmeling-Halle, entstanden im Zuge der Olympiabewerbung 2000. Sie ist bis heute als Haupthalle gut ausgelastet, und die Nebenhallen werden intensiv vom Vereinssport genutzt. Genau solche Konzepte braucht Olympia.
Prof. Dr. Stefan Chatrath ist Studiengangsleiter für Sport und Event Management und Prodekan für den Fachbereich Business an der University of Europe for Applied Sciences in Berlin. Er ist zudem Mitglied im Fachbereichsrat und im Senat der UE. Darüber hinaus gehört er sowohl der Deutschen Olympischen Gesellschaft als auch dem Marketing Club Berlin an.