
Hier fliegt eine SpaceX-Rakete mit Starlink-Satelliten an Bord ins All: Starlink ist von großer Bedeutung für den Ukraine-Krieg.Bild: AP / Malcolm Denemark/Florida Today
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Über Starlink gesteuerte Angriffsmodelle, lernfähige Shahed-Schwärme und Funknetze aus Belarus verändern die Luftlage über der Ukraine. Alte Abwehrsysteme greifen nicht mehr.
15.01.2026, 15:1315.01.2026, 15:13

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In der nordukrainischen Region Tschernihiw beobachten Militärexpert:innen eine beunruhigende Entwicklung: Russische Drohnen sind schwerer abzufangen, reagieren auf Bedrohungen in Echtzeit und können selbst bei blockiertem GPS zielsicher operieren. Möglich machen das neue Navigationssysteme, Online-Steuerung über Starlink und Infrastruktur aus Belarus.
Wie das Nachrichtenportal „Suspilne“ und der Sender 24 Kanal berichten, hat Russland seine Drohnenstrategie deutlich weiterentwickelt.
Neben dem verstärkten Einsatz von Starlink-gesteuerten „Molniya“-Drohnen mit hoher Reichweite kommen auch modifizierte „Shahed“-Modelle mit Netzwerkfunktion und alternativer Navigation zum Einsatz. Für die ukrainische Luftabwehr bedeutet das: Klassische Gegenmaßnahmen reichen oft nicht mehr aus.
Drohnen im Ukraine-Krieg: Region Tschernihiw fungiert als Testfeld
Die Region im Nordosten der Ukraine ist längst mehr als nur eine Grenzzone: Für das russische Militär ist Tschernihiw ein Experimentierraum. Dort werden neue Taktiken erprobt, Angriffsmodelle variiert, technische Systeme weiterentwickelt.

Ukraine, Tschernihiw: Ein Mann löscht den Brand eines durch einen Angriff zerstörten Autos.Bild: Ukrainian Emergency Service/AP / Ukrainian Emergency Service
Tschernihiw sei besonders relevant für das Sammeln und Auswerten russischer Drohnenwracks, die als Grundlage für technische Rückschlüsse dienen, erklärt etwa der ukrainische Militärberater und Drohnenexperte Serhiy Beskrestnov, bekannt als „Flash“, im Interview mit „Suspilne„.
Seine Beobachtungen zeigen: Immer häufiger tauchen in der Region neue UAV-Typen auf – darunter First-Person-View-Drohnen (FPV), die auf kurze Distanz zuschlagen. Aber auch weitreichende Plattformen wie „Lancet“ oder „Molniya“, die bis zu 70 Kilometer tief ins ukrainische Territorium eindringen, sind dort vermehrt zu finden.
Besonders gefährlich ist demnach der zunehmende Einsatz von „Molniya“-Drohnen: Sie sind über Starlink steuerbar – und damit weitgehend immun gegen elektronische Störmaßnahmen. „Dank Starlink ist sie nicht durch elektronische Kampfführung angreifbar; sie kann nur physisch zerstört werden“, erklärt Beskrestnov.

Russische Soldaten bereiten einen Angriff mit der FPV-Drohne „Molniya-2“ vor.Bild: Russian Defense Ministry Press Service
Durchbricht sie einmal die Luftverteidigung, lasse sie sich auch aus Russland heraus weitersteuern. Angriffe auf Energieanlagen, Umspannwerke oder Infrastruktur tief im Landesinneren seien so möglich. All das präzise und nahezu in Echtzeit.
Das macht „Molniya“ zur idealen Angriffsplattform für koordinierte Schläge. Und zum Albtraum für die ukrainische Luftverteidigung: Denn die Drohne ist günstig. Ausgestattet mit zwei Elektromotoren und einem Starlink-Modul, kostet sie nur wenige Tausend Dollar. Laut „Suspilne“ kommen in der Region Tschernihiw jeden Monat Hunderte solcher Systeme zum Einsatz.
„Shahed“-Drohnen lernen miteinander
Während „Molniya“ auf Satellitensteuerung setzt, entwickeln sich auch ältere Drohnenmodelle weiter. Besonders die berüchtigte Kamikaze-Drohne „Shahed“ ist inzwischen Teil eines neuen Konzepts: Schwarmverhalten durch Mesh-Kommunikation.
„Das ermöglicht eine Korrektur der Flugbahn in Echtzeit, hilft, Verteidigungszonen zu umgehen – und macht sie deutlich schwerer abzufangen“, sagte Luftfahrtexperte Anatolii Khrapchynskyi laut „TSN“ im Interview mit 24 Kanal.
Demnach werden Angriffe deutlich dynamischer: Drohnen im Verbund tauschen Informationen über Flugabwehrstellungen aus, passen ihre Routen an und korrigieren ihre Koordinaten noch im Anflug. Das senke die Verlustrate und erhöhe neben dem militärischen auch den psychologischen Druck.
Belarus hilft Russland im Drohnen-Krieg mit der Ukraine
Besonders kritisch: Die russische Drohnenstrategie endet nicht an der Grenze. Belarus spielt eine Schlüsselrolle beim Aufbau alternativer Navigationsnetze, unabhängig von Satelliten. Khrapchynskyi zufolge installiert Russland auf belarussischem Gebiet Mobilfunkmasten und spezielle Antennen, um ein eigenes Leitsystem für Drohnen aufzubauen.

Hand in Hand: Wladimir Putin und der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko.Bild: dpa / Mikhail Metzel
Selbst wenn GNSS-Signale (zum Beispiel GPS) elektronisch gestört werden, können die Drohnen mithilfe dieser Infrastruktur weiterfliegen. Ziel ist es, die Navigationsabdeckung bis tief ins ukrainische Landesinnere auszudehnen. Für viele Gemeinden in Grenznähe bedeutet das: ständige Überflüge, kaum Vorwarnzeit und die reale Gefahr, in der Schusslinie zu stehen. Die Grenze ist technisch längst durchlässig.
Während Russland seine Drohnensysteme vernetzt, versucht die Ukraine, ihre Verteidigung dezentral zu organisieren. In Tschernihiw und anderen Regionen entstehen Kurse wie „Victory Drones“, in denen Zivilist:innen im Umgang mit Abwehrdrohnen geschult werden. Doch die Lücken bleiben groß.
„An wen sollten wir uns bezüglich der Lücken in der Drohnenabwehr wenden?“, fragte etwa der bekannte Aktivist und Youtuber Serhiy Sternenko laut „TSN“ öffentlich. Seine Kritik richtet sich an Regierung und Militär gleichermaßen. Auch Beskrestnov mahnt: Die Ukraine brauche klare politische Entscheidungen. Sowohl in Kiew als auch international.