Die deutsche Wiederaufrüstung sorgt in Frankreich für wachsende Nervosität. Wie die US-Nachrichtenagentur Bloomberg jüngst berichtete, wird die neue Militärpolitik der Bundesrepublik in Paris zwar offiziell begrüßt, zugleich aber mit Skepsis beobachtet. Frankreich erkenne an, dass Deutschland angesichts des Ukraine-Kriegs mehr Verantwortung übernehme. Gleichzeitig wachse die Sorge, dass Berlin seine wirtschaftliche und industrielle Stärke nun auch militärisch ausspiele – mit möglichen Folgen für das Machtgefüge in Europa.

Bloomberg verweist auf ein „allgemeines Unbehagen“ in französischen Regierungskreisen gegenüber der wachsenden deutschen Militärmacht. Insbesondere die massiven Investitionen Berlins – geplant sind bis 2029 Ausgaben von mehr als 500 Milliarden Euro – sowie das Ziel, das neue Nato-Ziel von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts deutlich früher als gefordert zu erreichen, würden in Paris aufmerksam registriert. Hinzu kämen konkrete Konflikte in Rüstungsprojekten: der Kauf von amerikanischen F-35-Kampfjets durch Deutschland, Spannungen um die European Sky Shield Initiative und das stockende deutsch-französische Prestigeprojekt FCAS.

„Historische Ablagerungen“ im kollektiven Bewusstsein

Der Politikwissenschaftler Jacob Ross erklärt diese Reaktionen mit langfristigen historischen Mustern. Die in Frankreich verbreiteten Sorgen vor einem hochgerüsteten Deutschland seien weniger aktueller Natur als vielmehr das Ergebnis „historischer Ablagerungen“, wie der Frankreich-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) der Berliner Zeitung sagt. Seit den 1950er-Jahren seien diese Ängste zwar durch politische Kooperation, zivilgesellschaftlichen Austausch und institutionalisierte Formate wie Städtepartnerschaften überlagert worden. Verschwunden seien sie jedoch nie.

„Wenn aber nun eine politische Kraft die alten Clichés und Sorgen wieder nutzbar machen will – etwa, um Front gegen eine angeblich deutsch kontrollierte EU zu machen –, muss sie nur tief genug im kollektiven Bewusstsein Frankreichs bohren“, sagt Ross. Alte Bilder und Ängste ließen sich dann rasch wieder mobilisieren.

Aus rationaler Perspektive, so Ross, sei diese Furcht kaum erklärbar. Weder der Zustand der Bundeswehr noch das Deutschlandbild jüngerer Generationen in Frankreich sprächen für ein militaristisches oder imperialistisches Deutschland. Dennoch wirkten diese Ängste fort, auch unterschwellig. Sie würden über Filme, Popkultur und historische Narrative weitertransportiert und könnten gezielt reaktiviert werden.

Erschwerend komme hinzu, dass politische Entwicklungen in Deutschland selbst diese Wahrnehmungen nicht entkräften. Dass sich die AfD insbesondere in Ostdeutschland als „neopreußische politische Kraft“ inszeniere und mit völkischen Mythen spiele, werde im Ausland sehr genau registriert. Ross verweist auf Symboliken wie die Kyffhäuser-Legende, die bereits im Kaiserreich explizit antifranzösisch aufgeladen gewesen seien. All dies trage nicht zur Beruhigung der Nachbarn bei.

Kein Machtkampf, sondern strukturelle Blockaden

Die zunehmenden Differenzen zwischen Berlin und Paris – etwa beim Kampfjetprojekt FCAS, der gemeinsamen Verschuldung oder bei Initiativen des französischen Präsidenten, mit Russland im Gespräch zu bleiben – deutet Ross nicht als klassischen Machtkampf um die Führungsrolle in Europa. Der Eindruck einer erneuten Blockade sei jedoch real. „Aktuell entsteht erneut der Eindruck, dass die Bundesregierung und die französische Regierung nach einer hoffnungsvollen Anfangsphase erneut daran scheitern, bei großen Fragen für Europa Kompromisse zu finden“, sagt er. Das erinnere fatal an die Dynamik während der Ampel-Koalition.

Ross hält es jedoch für übertrieben, darin einen bewussten Machtkampf zu sehen. Sowohl der französische Präsident Emmanuel Macron als auch Bundeskanzler Friedrich Merz seien vielmehr „Gefangene der Geschichte und der politischen Ordnung“ ihrer jeweiligen Staaten.

Macron habe seit 2017 versucht, das französische Verständnis von nationaler Souveränität zu europäisieren. Das deutsch-französische Kampfflugzeugprojekt FCAS sei ein zentrales Symbol dieses Ansatzes gewesen. Dass das Projekt nun zu scheitern drohe, stärke in Frankreich jene Kräfte, die die enge Kooperation mit Deutschland und Macrons europäische Ambitionen grundsätzlich infrage stellten.

In Deutschland sei die Lage strukturell ähnlich, wenn auch aus anderen Gründen. Merz habe angekündigt, die strategische Souveränität Europas und eine stärkere Emanzipation von den USA zu einer Priorität zu machen. Gleichzeitig müsse er jedoch mit tief verwurzelten transatlantischen Abhängigkeiten umgehen: im Bundestag, in den Ministerien und im öffentlichen Diskurs. Gerade FCAS werde in Teilen der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums weniger als militärisch sinnvolles Projekt denn als politisches Symbol betrachtet.

Beiden Regierungen, so Ross, laufe die Zeit davon. Die seit Jahren beschworene Annäherung der strategischen Kulturen Deutschlands und Frankreichs komme kaum voran. Die Frage sei letztlich grundsätzlicher Natur: „Geht man davon aus, dass Einzelpersonen wie Macron und Merz die Dinge schnell und radikal verändern können? Oder fokussiert man auf langfristige Trends, institutionelle Pfadabhängigkeiten und den Einfluss von Sozialisierungsprozessen und zeitgeschichtlichen Entwicklungen?“ Mit Blick auf die aktuellen Blockaden neige er klar zur zweiten Sichtweise.

Aufrüstung, Industriepolitik und Misstrauen

Diese strukturellen Spannungen zwischen Deutschland und Frankreich spiegeln sich auch in aktuellen europäischen Debatten wider. So entzündet sich der Konflikt derzeit besonders an der Frage der Rüstungsbeschaffung für die Ukraine. Frankreich drängt auf strikte „Buy-European“-Klauseln, um die europäische Rüstungsindustrie zu stärken. Deutschland lehnt solche Beschränkungen ab und plädiert für mehr Flexibilität, um weiter uneingeschränkt in den USA Waffen kaufen zu können.

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