Und, wie geht’s? Diese Frage hört man gerade öfter. Das alte Jahr ist gegangen, das neue hat unter politischem Getöse begonnen. Ukraine und Venezuela, Putin und Trump, Wirtschaftskrise und Wahljahr – die Herausforderungen sind und bleiben groß. Wohl dem, der sich nicht auch noch Sorgen um sein persönliches Fortkommen, um Freunde oder Angehörige machen muss, um Gesundheit und Sicherheit. Aber davon, das zeigen die exklusiven Zahlen des FOCUS, gibt es immer weniger.
Aus dem angekündigten Herbst der Reformen ist ein Winter des Missvergnügens geworden. Ein Frühling des Aufbruchs ist gerade nicht in Sicht. Viele Deutsche haben nicht den Eindruck, dass sich ihr Alltag bald spürbar verbessern wird. Laut einer exklusiven Insa-Umfrage im Auftrag von FOCUS erwarten 40 Prozent der mehr als 1000 Befragten für das neue Jahr kaum Veränderung. Gut ein Drittel rechnet sogar mit einer Verschlechterung. Das ist noch kein Alarmzustand, markiert aber eine Stimmungslage, die den politischen Parteien der Mitte gefährlich werden dürfte. Wenn Hoffnung fehlt, wird jeder kleine Fehler zum Beweis für das große Versagen.
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Genau deshalb werden die Landtags- und Kommunalwahlen 2026 so aufgeladen. Im März startet das Wahljahr mit den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sowie den Kommunalwahlen in Bayern und Hessen. Im September folgen dann die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sowie Kommunalwahlen in Niedersachsen. Entscheidend wird dann eher nicht die Weltpolitik sein. Wer zu lange auf den Termin im Bürgeramt wartet, wer mit der Bahn pendelt oder den Unterrichtsausfall seines Kindes erlebt, schaut auf die konkrete Leistungsfähigkeit des Staates. Und diese Leistungsfähigkeit entscheidet am Ende darüber, ob Menschen den demokratischen Parteien zutrauen, Probleme zu lösen. Aktuell tun sie das nicht.
In Baden-Württemberg und Bayern zeigt sich das vor allem auf dem Gebiet der Wirtschaft. Diese Länder stehen für das deutsche Wirtschaftssystem: Mittelstand und Industrie, Forschung und Innovation. Wenn hier die Zuversicht wackelt, ist das ein klares Warnsignal. Denn die Stärke des Südens ist der Motor der Republik: Was hier nicht investiert wird, fehlt später im Bund. Was hier an Jobs verloren geht, schlägt auf das gesamte Land durch. Zwar hat sich die Wirtschaft nach der Corona-Pandemie zunächst erholt. Im vergangenen Jahr bröckelte sie jedoch erneut. Im ersten Quartal 2025 legte die Wirtschaftsleistung um magere 0,3 Prozent zu, im zweiten ging sie dann wieder um 0,2 Prozent zurück, nur um im dritten zu stagnieren. Zahlen für das Schlussquartal gibt es noch keine. Aber wenn da ein Aufschwung zu verzeichnen gewesen wäre, hätte man sicher davon gehört.


Der Blick auf die Makrolage erklärt dabei nur einen Teil. Der andere Teil ist psychologisch: Die Unsicherheit überwiegt. In der Umfrage sagen 46 Prozent, sie kämen schlecht mit ihrem Haushaltseinkommen aus. Dieses Gefühl ist längst kein Randphänomen mehr. Es trifft auch jene, die sich zum Mittelstand zählen, die arbeiten, vorsorgen, Kinder großziehen – und dennoch das Gefühl haben, dass jeder zusätzliche Schock von Energiepreisen, Mieterhöhungen oder Inflation sie aus der Balance bringt.
Hinzu kommt der zweite Sprengsatz: 69 Prozent der Befragten empfinden den Wohlstand als ungerecht verteilt. Unter den ostdeutschen Befragten ist deren Anteil mit 75 Prozent (Westen: 67) deutlich höher. Fast jeder Zweite wünscht sich mehr Umverteilung von Geld von oben nach unten. Der Transformationsforscher Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau/Görlitz erklärt diesen Unterschied im Gespräch mit FOCUS mit einem „Jammern auf hohem Niveau“ der Ostdeutschen. „Man erwartet draußen, um sich herum den Weltuntergang, während man selbst in der geheizten Stube sitzt.“ Eine Ursache dafür sei die Entwertung der ostdeutschen Umbruchserfahrung bei anhaltend komplexer Gesamtsituation. Das wiederum treibe die Wähler an die politischen Ränder, hin zu AfD und Die Linke.
Doch selbst im Süden, wo traditionell Wirtschaft und Leistung die wichtigsten Argumente sind, spielt die Debatte um Gerechtigkeit eine Rolle. Denn die Unzufriedenheit speist sich nicht nur aus dem Kontostand, sondern auch aus der Frage, ob sich Anstrengung noch lohnt. Hier liegt die Zwickmühle, in der die baden-württembergischen Bewerber Manuel Hagel (CDU) und Cem Özdemir (Grüne) stecken: Mehr Umverteilung und ein echter Standort-Aufbruch passen nur schwer zusammen. Besonders sichtbar ist das in der Autoindustrie: Die großen Taktgeber der E-Mobilität sitzen nicht am Neckar oder in Ingolstadt, sondern in den USA und in China. Währenddessen sinkt die Produktion in deutschen Werken: 2014 wurden hierzulande noch 5,6 Millionen Autos hergestellt, zehn Jahre später waren es nur noch 4,1 Millionen.


Noch ist das kein Kollaps, aber es ist eine Warnung. Ohne eine Neuaufstellung droht das deutsche Wirtschaftsmodell abzulaufen. Wie nervös die Branche ist, zeigt die jüngste Einigung zum Verbrenner-Aus. Ende November hat sich die Koalition darauf verständigt, in Brüssel auf eine deutliche Lockerung der Regeln ab 2035 zu drängen. Weg vom harten Schnitt, hin zu Übergangstechnologien wie Plug-in-Hybriden oder Range-Extendern. Kurz vor Weihnachten legte auch die EU-Kommission nach und stellte eine Reform vor: Statt einer CO₂-Reduktion von 100 Prozent sollen es ab 2035 nur noch mindestens 90 Prozent weniger Emissionen bei Neufahrzeugen im Vergleich zu 2021 sein – unter bestimmten Bedingungen könnten damit in engem Rahmen auch Verbrenner weiterhin neu zugelassen werden. Doch zufrieden ist die Industrie trotzdem nicht. Der Verband der Automobilindustrie kritisiert, die nun „anerkannte Technologieoffenheit“ sei mit so vielen Hürden versehen, dass sie „in der Praxis wirkungslos“ zu bleiben drohe.
Die Autoindustrie ist dabei nur das sichtbarste Symptom. Dahinter steht ein größeres Problem: Deutschland diskutiert seit Jahren über Transformation – aber das Fundament, auf dem jede Transformation aufbaut, ist brüchig. Ohne verlässliche Straßen und Brücken, ohne funktionierende Schienen, ohne sanierte Schulen und einen Staat, der Projekte zügig durch Genehmigungen und Vergaben bringt, läuft das Versprechen ins Leere. Soziologe Kollmorgen analysiert, dass die Wählerinnen und Wähler je nach Himmelsrichtung unterschiedliche Antworten auf die Herausforderungen geben. Im wohlhabenderen Südwesten werde eher gefragt, ob nicht doch eine verjüngte CDU „mehr zu bieten hat als die Grünen“. Und in den ländlichen und rasch alternden Regionen von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern werden die Menschen – neben der Migrationsproblematik – vor allem „von den Mängeln der staatlichen Daseinsvorsorge umgetrieben“. Sprich: Ärztemangel, Pflegekrise, Schulen.


Das Geld, um etliche Probleme zu lösen,gibt es bekanntlich. Durch das neue Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität sollen 500 Milliarden Euro investiert werden. Das weckt Erwartungen.Die Menschen wollen 2026 nicht noch eine Debatte darüber, warum etwas doch nicht geht, sondern spürbare Verbesserungen. Aber aktuell sind viele unzufrieden. In der FOCUS-Umfrage sagen 72 Prozent der Befragten, der Zustand von Straßen und Brücken sei schlecht; bei den Schulen urteilen 66 Prozent so. Darüber hinaus sind 54 Prozent unzufrieden mit der Digitalisierung von Behörden und öffentlichen Dienstleistungen.
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Die Wahrnehmung der Bürger korrespondiert mit der Statistik: 24.600 Kilometer Fernstraßen gelten als sanierungsbedürftig, bei den Autobahnbrücken sind 4,8 Prozent in einem nicht ausreichenden oder ungenügenden Zustand. Auf der Schiene sieht es nicht besser aus: 17.285 Kilometer haben Sanierungsbedarf. Konkret bedeutet das, dass die Bahn im zurückliegenden Jahr mit 60,1 Prozent um 2,4 Prozentpunkte unpünktlicher im Fernverkehr war als 2024. Zum Vergleich: 2015 lag die Pünktlichkeit noch bei 74,4 Prozent. Was nach Zahlensalat klingt, bedeutet Zeitverlust, Verdienstausfall, vor allem aber jede Menge Frust.
Die Welt als Handelsplatz
Doch auch die Weltpolitik dürfte den Wahlkämpfenden 2026 Sorgen machen. Rheinland-Pfalz zeigt eine neue Realität: Als Industrieland mit einer Exportquote von über 50 Prozent leidet es unter der geopolitischen Nervosität und sich zuspitzenden Handelskonflikten. Die Weltlage ist längst nicht mehr nur in den Nachrichtensendungen relevant, sondern Teil der Standortfrage: Kommen Aufträge? Bleiben Energiekosten kalkulierbar? Verlassen Unternehmen den Standort, oder investieren sie? Die FOCUS-Umfrage zeigt, dass die geopolitische Sicherheit die Deutschen bewegt. 56 Prozent der Befragten sagen, Deutschlands Sicherheit werde durch andere Staaten bedroht. Und die Bedrohung wird nicht eindimensional wahrgenommen: 45 Prozent der Befragten sehen Russland als zentrale Gefahr, und 35 Prozent nennen Russland und die USA zugleich.
„Was die Leute als Denkzettel androhen und was sie am Wahltag ankreuzen, sind zwei Paar Schuhe“
Raj Kollmorgen, Sozialforscher
Auch wenn sie nur wenig dagegen tun können, wird diese Frage die Spitzenkandidaten in den Ländern umtreiben. Besonders die AfD nutzt die Angst der Bevölkerung aus. Sie nimmt die Sorge vieler Menschen, Deutschland könne in den Ukraine-Krieg hineingezogen werden, und gießt sie in ein simples Versprechen: raus aus der „Eskalationsspirale“, Schluss mit Waffenlieferungen, Schluss mit Sanktionen. Stattdessen soll es Frieden durch Verhandlungen geben. Nicht der Aggressor soll im Zentrum stehen, sondern jene in Berlin, die die Ukraine unterstützen – gern mit dem Etikett „Kriegstreiber“ versehen. Die AfD verspricht einen einfachen Ausweg. Allerdings ohne den Preis zu nennen. Vor allem in Ostdeutschland verfängt das. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern hat die AfD derzeit Zustimmungswerte von 40 beziehungsweise 38 Prozent in den Umfragen. Laut Sozialforscher Kollmorgen liegt das zum einen an der Selbstinszenierung der AfD als Gegenelite. Wichtiger aber sei ihre Marginalisierung und Ausgrenzung durch die sogenannten etablierten Parteien. „Das funktioniert eher als Brandbeschleuniger.“ Die Folge: Die Kritiker der aktuellen Politik wählen die Gegner der Demokratie, auch weil Gefühle eine Rolle spielen, denen die etablierte Politik in aufreibenden Zeiten wenig entgegenzusetzen hat.
Hinzu kommt: Die FOCUS-Umfrage zeigt, dass in Ostdeutschland mit 37 Prozent deutlich weniger Menschen angeben, ihre Meinung frei äußern zu können. In Westdeutschland sagen das 49 Prozent der Befragten. Auf Gesamtdeutschland bezogen meinen AfD- und BSW-Wähler mit 76 Prozent absolut-mehrheitlich, dass sie in Deutschland ihre Meinung nicht frei äußern können. Das BSW liegt allerdings auf Bundesebene in aktuellen Umfragen bei unter fünf Prozent, während ein Viertel der Wahlberechtigten ihr Kreuz bei der AfD machen würden. Bezogen auf die Wahlen in Ostdeutschland prophezeit Sozialforscher Kollmorgen aber Ergebnisse, die von den derzeitigen Umfragen abweichen. „Was die Leute als Denkzettel androhen und was sie am Wahltag ankreuzen, sind zwei Paar Schuhe.“ Bei den zurückliegenden Wahlen auf Landes- und Kommunalebene habe sich erwiesen: „Es gibt nach wie vor eine deutliche Mehrheit in der Bevölkerung, die weiter eine demokratische und solidarische Ordnung will und zugleich verstanden hat, dass sich etwas ändern muss.“


Versprechen auf Veränderung hat vor allem die im Bund regierende Union gegeben. Obwohl unter Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) im Jahr 2025 die Zahl der Abschiebungen deutlich erhöht wurde, drückt das Thema Migration die Stimmung. 44 Prozent der für FOCUS Befragten fühlen sich durch Migration in ihrem persönlichen Leben eingeschränkt. Ebenfalls 44 Prozent fühlen sich durch Kriminalität an ihrem Wohnort unsicher. Beide Zahlen müssen nicht unmittelbar zusammenhängen. Aber was bleibt, ist das schwindende Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates.
Sozialforscher Raj Kollmorgen kann all dem aber auch Positives abgewinnen. In der lauten Kritik am politischen Handeln zeige sich, dass die Menschen mitreden wollen. Dass ihnen nicht egal ist, was in Deutschland entschieden und umgesetzt wird. „Das ist nicht nur Protest, sondern eine neue Partizipation.“