Die Giacometti-Ausstellung in der Bremer Kunsthalle irritiert mit ihrem Untertitel gleich mehrfach. Beim Lesen des Titels verbessern viele innerlich auf „Das Maß der Dinge“. Immer noch richtiger als ein diffuses Weltenmaß, denkt man bei sich, denn was hat der Menschenkneter Alberto Giacometti, der anders als sein auch Möbel und Tiere formender Bruder Diego (F.A.Z. vom 4. September 2025) überwiegend auf die menschliche Figur und ihre Disproportionen fokussierte, denn bitte mit „der Welt“ und ihren Maßen zu schaffen? Verbrachte er doch zwischen Umsiedelung nach Paris im Jahr 1922 und seinem Tod 1966 scheinbar jede freie Minute in seinem winzigen Atelier.

Klischeehaft verläuft die kunsthistorische Interpretation von Giacomettis Hagerfiguren seit Jahrzehnten in fest gefügten Bahnen. Die Schrecknisse des Zweiten Weltkriegs wie auch der Holocaust haben als Zivilisationsbruch gewiss ihre Spuren im Werk Giacomettis hinterlassen. Ohne nähere Raumangaben schreiten sie ins Nichts oder scheinen wie in Käfigen gefangen zu sein, zu straucheln oder mindestens mit dem Aufrechthalten beschäftigt – dass der Mensch sich überhaupt senkrecht zu halten vermag, hat ihn ein Leben lang verdutzt. Auch das ewige Nonfinito der Figuren, an denen er oft tagelang wie ein mehr oder minder glücklicher Sisyphos Ton antrug, nur um ihn im nächsten Moment wieder wegzunehmen, stundenlang an einer Nase herumknetete, nur um sie danach ganz anders zu gestalten, trug wohl zur gebräuchlichen existenzialistischen Deutung bei: So schrundig-unfertig und rabiat durch äußere Einwirkungen geprägt, dazu ohne feste Kontur und ohne äußeren Halt, mussten seine Skulpturen einfach durch die Hölle gegangen sein.

Das Bild Giacomettis als urbaner Existenzialist mit Gaulois überlagerte alles

Giacomettis ätherische Gestalten ähnelten nicht ohne Grund den hohlwangig existenzialistischen Passionsspielen der Nachkriegszeit und deren passiven Akteuren wie Wladimir und Estragon in Samuel Becketts „Warten auf Godot“. In den Museen hängen meist auch Francis Bacons Exerzitien gequälten Fleisches und Hermann Nitschs Blutschüttungen nicht weit von Giacomettis Ausgemergelten.

In der Kunsthalle Bremen schreiben nun die Kuratoren Eva Fischer-Hausdorf und Hugo Daniel von der Pariser Fon­­da­tion Giacometti mit ihrem Ansatz tat­sächlich Kunstgeschichte um. Zumindest bieten sie eine überzeugende alternative Lesart an. Diese betont, die übliche Trennung zwischen Leben und Werk bewusst au­ßer Acht lassend, die prägende Kraft des Biographischen für Giacometti in dessen Herkunft aus dem Engadiner Bergell, sicher einem der eindrücklichsten Berg­täler nicht nur der Schweiz, sondern weltweit. Er wurde als Kind von dieser Bergwelt geprägt, er nahm Zuflucht dort während des Kriegs, kehrte aber auch schon seit seiner Umsiedlung nach Paris im Jahr 1922 jeden Sommer dorthin zum Auftanken von Eindrücken zurück.

Alberto Giacometti, „Der Piz da la Margna vom Haus der Giacomettis in Maloja aus gesehen I“, 1957Alberto Giacometti, „Der Piz da la Margna vom Haus der Giacomettis in Maloja aus gesehen I“, 1957Succession Alberto Giacometti/VG Bild- Kunst, Bonn 2025

Das Bergell ist dabei ein einziger Widerspruch, eine Welt der Gegensätze: Zu Hunderten verdingten sich seine Bewohner in den kalten und langen Wintern in den Grand Hotels Italiens, Frankreichs und sogar Amerikas als Zuckerbäcker (auch Giacomettis Großvater war ein solcher), waren aber gleichzeitig so heimatverbunden, dass sie immer wieder in das karge Hochgebirge zurückkehrten. Den mächtig aufragenden unbewaldeten Granitmassiven auf der einen Seite, die das Tal im Winter beinahe komplett verschatten – in Bremen durch Giacomettis graue Bilder der Berge repräsentiert –, stehen sommerliche Farborgien einer Flora gegenüber, die sich in den wenigen warmen Monaten besinnungslos verschwendet.

Das steinerne Paris war ihm seine geliebte Bergwelt

Vor allem aber lehrte das Bergell ihn einen völlig anderen Größenmaßstab: Seine winzigen Bronzestrichmännchen – in Bremen eingangs von dem Köpfchen „Kleine Büste auf einem Doppelsockel“ repräsentiert – muss man sich stets vor der Kulisse von Dreitausendern imaginieren, teils mit den Bergmassiven als Sockel. Bei Giacometti handelt es sich mithin um eine Umkehrung aller Maßstäbe angesichts einer inkommensurablen Natur.

Dazu kommt: Giacometti sah die Welt in Naturanalogien. Das steinerne Paris Haussmanns wurde dem Flaneur zur Bergwelt, ein Baum zur stehenden Frau, ein Stein zum Kopf, ein Berg zu einer männlichen Büste; sein chaotisches Studio sah ihm häufig aus „wie nach einem Bergsturz“, wie er schreibt. Zudem belegt die Schau erstmals, wie seine Faszination für die Verbindung von Mensch und Natur auch durch Ideen der Romantik wie jene des Erhabenen inspiriert war.

Als Doppelbegabung malte Giacometti von Beginn an und war hier durch die Naturbilder seines Vaters geprägt, der wiederum ein enger Freund Giovanni Segantinis war und die Erfindung des modernen, divisionistisch lichtdurchrauschten Landschaftsgemäldes um 1900 an den Sohn wei­tergab. Dass die Romantik stark aus ei­ner innigen Haltung zur übermächtigen Na­tur gespeist wird, die im Bergell in extremo gegeben ist und die von einer Verlebendigung noch der härtesten Felsen ausgeht, zeigt die Bremer Kunsthalle an ausgewählten Figuren Giacomettis, die wie beseelt wirken. Sie sind ausgesprochene Individuen, besitzen einen eigenen Geist. Oder wie der siebzehnjährige Künstler in einem Brief an die Mutter schrieb: „Grüß mir die Berge, denn sie sind ja Menschen“, nur um dies in späteren Schriftzeugnissen durch „die besseren Menschen“ zu ergänzen.

Wer hier kein Gesicht im Berg sieht, hat zumindest nicht Giacomettis Phantasie: „Facettenreicher Berg“, um 1923 Aquarell auf Papier, 22,9 x 29,2 cmWer hier kein Gesicht im Berg sieht, hat zumindest nicht Giacomettis Phantasie: „Facettenreicher Berg“, um 1923 Aquarell auf Papier, 22,9 x 29,2 cmSuccession Alberto Giacometti/VG Bild- Kunst, Bonn 2025

Innig farbige Landschaftsaquarelle entstehen auf langen Spaziergängen durch das Bergell, teils noch mit dem Vater, dessen Atelier er später in den Sommerur­lauben weiternutzen wird und in dem sich in den holzvertäfelten Wänden eingeritzt und gezeichnet bis heute einmalig humorvolle Figurenstudien wie auch Karikaturen finden. Der für Giacometti ungewöhnlich farbenfrohe „Facettenreiche Berg“ von 1923 weist Felsgesichter auf, ein Bergaquarell von 1920 zeigt sein ausgeprägtes Interesse an steinernen, doch lebendigen Oberflächen und ist beredter Ausdruck dieser Idee belebter Materie.

Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Baum: Alberto Giacomettis „Die Lichtung“, 1950Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Baum: Alberto Giacomettis „Die Lichtung“, 1950Succession Alberto Giacometti/VG Bild- Kunst, Bonn 2025

Auf der Lichtung von Borgonovo war er noch als Erwachsener häufig

Kronzeuge für eine neue, differenzierte Sicht auf seine Figuren bleibt jedoch „Die Lichtung“ von 1950, bei der auf einer Bodenplatte von nur 52 mal 65 Zentimetern Fläche neun sehr unterschiedlich hohe spindeldürre Bronzepfähle nebeneinander aufragen, ohne das Geringste miteinander zu tun zu haben. Die große „Lichtung“ existiert heute noch im Wald hinter Giacomettis Geburtsort Borgonovo. Aus seinem „Tagebuch“ ist bekannt, dass er dort als Jugendlicher eine Epiphanie hatte, was die Geworfenheit ins Leben und Unbehaustheit in der Welt anlangt, zugleich aber auch das Aufgehobensein in der Natur. Die isoliert einsam auf der Bronzelichtung stehenden Staken verkörpern so weniger Menschen als vielmehr die Tannen der Bor­gonovo-Lichtung. Ein weiteres Naturbild neben den personifizierten Berggipfeln um Borgonovo findet sich mehrfach in seinem Werk: Ein von den Einheimischen „Höhle“ genannter Felsüberhang, der Alberto als Kind oft Unterschlupf bot.

Umrundet von Frauen in Baumgestalt: Seltene Aufnahme von Alberto Giacometti auf seiner mystischen Lichtung im Wald über BorgonovoUmrundet von Frauen in Baumgestalt: Seltene Aufnahme von Alberto Giacometti auf seiner mystischen Lichtung im Wald über BorgonovoIsaku Yanaihara/Archives Fondation Giacometti

Entgegen jeder Erwartung ist das brettebene Bremen durchaus gerüstet für eine Schau zu Giacometti und die ihn prägenden Berge. Bereits in den Fünfzigern erwarb der damalige Kunsthallen-Direktor Günter Busch weitsichtig einen Block von dessen Zeichnungen für die Sammlung. Diese wiederum umfassten auch schon kaum bekannte Landschaftsmotive des vorwiegend für seine Menschendarstellungen berühmten Künstlers. Auch inhaltlich ist man mit der erheblichen Umdeutung des Œuvres d’accord mit der Fonda­tion in Paris. Die Kunsthalle hat zudem die vermutlich letzte Chance genutzt, von der seinen Nachlass betreuenden Stiftung eine Fülle exquisiter Leihgaben zu erhalten, bevor dort demnächst ein eigenes Museumsgebäude bezogen wird und die Entleihen sehr viel spärlicher fließen. Sie zeigt mit „Das Maß der Welt“, wie Giacometti als ei­ner der wenigen nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Bruch mit dem Surrealismus allein von der Natur als Umraum seine Maßstäbe bezog.

Alberto Giacometti. Das Maß der Welt. Kunsthalle Bremen, bis zum 15. Februar. Der Katalog bei Schirmer Mosel kostet 37,90 Euro.