Millionen Menschen bei Protestkundgebungen, mindestens 3500 Tote bei Straßenschlachten, ein einwöchiger Internet-Blackout – doch die iranische Führung tut so, als habe es nur einen kleinen Betriebsunfall gegeben. Sein Land habe eine „dreitägige Terror-Operation“ im Auftrag Israels erlebt, sagt Außenminister Abbas Araghchi – dabei dauerten die Proteste zwei Wochen und wurden von Iranern aus allen Bevölkerungsschichten getragen. Hinrichtungen werde es keine geben, versicherte der Minister im amerikanischen Fernsehsender Fox, der US-Präsident Donald Trump zu seinen treuen Zuschauern zählt.

Araghchis Versprechen ist Teil eines Deals der iranischen Führung mit Trump, der zumindest vorerst auf die angedrohten Luftangriffe verzichtet. Die iranische Opposition fühlt sich von den USA verraten. Das Entsetzen über die Brutalität der Einsatzkräfte bei den Unruhen könnte nach Einschätzung von Regierungsgegnern schon bald neue Proteste auslösen.

Trump stoppt Angriffspläne

Mit dem Verzicht auf Hinrichtungen öffnete der Iran eine Tür für Trump: Der US-Präsident konnte seine mehrmaligen öffentlichen Drohungen mit Luftangriffen zurücknehmen, nachdem wichtige arabische Staaten und Berater wie Vizepräsident J. D. Vance davon abgeraten hatten.

„Das Töten hat aufgehört, und Hinrichtungen finden nicht statt“, sagte Trump unter Berufung auf „sehr wichtige Quellen“ auf der iranischen Seite. Araghchi sagte, die Verantwortung für die vielen Todesopfer liege bei pro-israelischen „Terroristen“, die Polizisten und Demonstranten erschossen hätten, um eine US-Intervention zu provozieren. Die iranische Justiz, die die Hinrichtung des 26-jährigen Demonstranten Erfan Soltani angekündigt hatte, erklärte jetzt, Soltani sei wegen Vergehen angeklagt, für die der Galgen nicht vorgesehen sei.

Vor der Einigung hatte Araghchi mit Trumps Berater Steve Witkoff gesprochen. Zudem vermittelte das Sultanat Oman: Außenminister Badr al-Busaidi verhandelte mit Araghchi und Präsident Massud Peseschkian. Nach Bekanntwerden der Einigung fielen die Ölpreise, die in Erwartung einer Eskalation in den vergangenen Tagen angezogen hatten.

Opposition spricht von Verrat

Die iranische Opposition empfindet den Deal als Hohn. „Die Enttäuschung ist sehr groß“, sagt die deutsch-iranische Aktivistin Daniela Sepehri, die viele Kontakte im Iran hat. „Die Menschen im Iran wurden von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen“, sagte Sepehri unserer Redaktion. Statt Hilfe für die Opposition habe es nur Ankündigungen gegeben.

Berichte über extreme Gewalt

„Was ich höre, sind Berichte von Tod und Zerstörung überall und vom Schock über das Ausmaß der Brutalität des Regimes“, sagte der Iran-Experte Arash Azizi von der Universität Yale in den USA. „Die Leute haben jetzt Angst, vor die Tür zu gehen.“ Menschenrechtler und Augenzeugen berichten von Polizisten und Revolutionsgarden, die in Demonstrationszüge feuerten und Scharfschützen, die von Dächern aus gezielt Menschen töteten. In einigen Fällen hätten die Einsatzkräfte fliehenden und unbewaffneten Demonstranten in den Rücken geschossen, berichtete Amnesty International. „Unser ganzes Stadtviertel riecht nach Blut, so viele Menschen haben sie getötet“, sagte ein Iraner dem persischen Dienst der BBC. Ein anderer Augenzeuge berichtete auf X, sein 24-jähriger Neffe sei vor den Augen seines Vaters vor seiner Wohnungstür erschossen worden.

Unter den Opfern war auch die 23-jährige Rubina Aminian, die Modeschöpferin werden wollte. Sie starb am Abend des 8. Januar in Teheran durch einen Schuss in den Hinterkopf, wie IHR mitteilte. Als ihre Verwandten die Leiche der jungen Frau zur Beerdigung abholen wollten, wurden sie von den Behörden in die Nähe von Aminians Universität bestellt. „Dort sahen sie Hunderte Leichen von jungen Leuten, von denen viele Kopf- und Nackenschüsse aufwiesen“, berichtete IHR.

Aminians Familie durfte Rubina nicht auf dem Friedhof in ihrer zentraliranischen Heimatstadt Kermanschah beisetzen, sondern musste sie am Straßenrand verscharren. Damit wollen die iranischen Behörden offenbar verhindern, dass die Gesamtzahl der Opfer ermittelt werden kann. „Sagt der Welt, dass das Regime das Land in einen Friedhof verwandelt, wenn sie nichts tut“, zitierte Amnesty einen iranischen Journalisten.

Inzwischen herrsche Ruhe im Land, sagte Außenminister Araghchi. Das sieht die Opposition anders, auch wenn es seit Tagen keine Demonstrationen mehr gibt. „Wut und Schock sind immer noch da“, meint der in den USA lebende Aktivist Navid Mohebbi. Die Gründe für den Protest – wachsende Armut und Perspektivlosigkeit – seien nicht plötzlich weg: „Das Spiel ist noch nicht vorbei“, schrieb Mohebbi auf X:„2026 ist ein entscheidendes Jahr.“