Herr Seidel, vor 20 Jahren hat ihr Stück „Hamlet for you“ seine Premiere gefeiert – und hat sich dann rasant schnell zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Mehr als 40 Inszenierungen rund um die Welt, von Augsburg über New York bis Istanbul. Und jetzt läuft Ihr „Hamlet“ auch wieder im Sensemble Theater, auf Ihrer eigenen Bühne. Wie schreibt man denn so einen Dauerbrenner?
SEBASTIAN SEIDEL (LACHT): An solche Erfolgsrezepte denke ich überhaupt gar nicht. Wenn ich ein Stück schreibe, habe ich eine Idee, und wenn sich alles fügt, eine gute. Ich denke dabei aber nicht an die Umsetzung, noch nicht an die Inszenierung, nicht an die Folgen. Ich bin dann ganz in dem Moment, in dem ich es schreibe.
Aber hatten sie trotzdem schon eine Ahnung, einen Verdacht, dass Ihr „Hamlet“ ein Hit werden könnte? Wie denken sie an die Zeit zurück, in der sie das Stück verfasst haben?
SEIDEL: Eine Grundlage war, dass ich Shakespeares „Hamlet“ in- und auswendig kannte, schon von Kindheit an, weil meine Mutter dieses Stück geliebt hat. Sie war Anglistin, Literaturwissenschaftlerin, insofern habe ich viel mit ihr über das Werk gesprochen, ich habe es verinnerlicht. Und die zweite Grundlage war, dass ich das Stück für die Schauspieler Birgit Linner und Jörg Schur geschrieben habe. Es war ein Glück, dass ich sie vor Augen hatte und dann beim Schreiben gemerkt habe, dass die Dialoge plötzlich automatisch laufen. Ich wusste sofort, was sie einander antworten würden. Was sagt der eine, was der andere? Das war damals ein richtiger Schreibflow, ich weiß noch, dass ich im Büro saß und den Text in nur zwei, drei Wochen geschrieben habe. Und dabei musste ich schon ziemlich lachen. Manchmal spürt man dieses sehr gute Gefühl beim Schreiben. Aber das heißt noch lange nicht, dass der Text auch anderen so gefällt! Oder dass dann auch die Inszenierung gelingt. Man darf beim Schreiben nicht schon an die Wirkung denken. Besser, man lässt der Fantasie einfach freien Lauf und schreibt. Wenn ich diese Schere der Umsetzung schon ab dem ersten Satz im Kopf gehabt hätte, dann hätte ich manche Szene wahrscheinlich nicht so verrückt geschrieben.
Wie erklären Sie sich denn den Erfolg Ihres Stücks?
SEIDEL: Das Stück schafft es, bei aller Komik und Unterhaltung, auch den Inhalt des Originals von Shakespeare zu vermitteln, und selbst wenn man kaum Ahnung von „Hamlet“ hat, kann man dem Inhalt folgen. Das Stück vermittelt auch, wie das elisabethanische Theater von Shakespeare damals funktioniert hat. Das war eben nicht so ein Theater wie heute, in dem man still im Publikum sitzt, sondern ein Theater, in dem viel Trubel war im Publikum, und das hat seinen Reiz.
Aber es steckt ja noch mehr in Ihrer Komödie als der klassische „Hamlet“ …
SEIDEL: Das Stück funktioniert auf mindestens zwei Ebenen. Parallel zu Shakespeares Geschichte entwickelt sich die Beziehung zwischen den beiden Figuren auf der Bühne. Es sind zwei Männer, die zusammenwohnen. Es ist eine langjährige Freundschaft zwischen sehr unterschiedlichen Typen. Der eine ist recht intellektuell, oder versucht es zu sein, und der andere ist ein sehr naiver, aber empathischer Mensch. Und diese Figurenkonstellation ist der Kern des Stücks. Wann streiten sie sich? Wann finden Sie zusammen? Wie geben sie aufeinander acht? Das ist eigentlich wie bei einem alten Ehepaar.
Wie bei Ernie und Bert in der Sesamstraße?
SEIDEL: Ja, genau! Da gibt es viele Beispiele dieser Art. Auch „Dick und Doof“ wären ein gutes Beispiel für so ein Paar, das gemeinsam funktioniert. Und das ist das Wichtige, wenn man das Stück inszeniert, man muss als Regisseur weniger den „Hamlet“ inszenieren als diese Beziehung. Und das ist auch die Schwierigkeit, wenn ich fremde Inszenierungen sehe, und beobachte: Worauf legt der Regisseur hier Wert?
Verfolgen Sie, was da mit Ihrem Stück passiert, wenn es um die Welt wandert?
SEIDEL: Ja natürlich, am Anfang habe ich mich bemüht, zu jeder neuen Inszenierung zu reisen. Wir waren in New York bei einer Vorstellung, in Basel und Zagreb. In Darmstadt, Köln und Neu-Ulm habe ich es gesehen. Später kam ich dann nicht mehr hinterher, es waren einfach zu viele Neuinszenierungen. Aber die erfolgreichste hat das Baba Sahne Theater aus Istanbul geschaffen. Es ist fantastisch: Das türkische Ensemble tourt durch ganz Europa mit dem Stück und spielt es auch immer noch in der Türkei, in Istanbul und anderen Städten. Der Clou dabei: König Claudius tritt in dieser Inszenierung als Persiflage auf Erdoğan auf. Und deswegen spielt die Gruppe dieses Stück auch nicht in Städten, in denen Erdoğans Anhänger dominieren. Weil es den „Hamlet“ so politisch inszeniert, hat das Ensemble auch schon ernste Probleme mit dem türkischen Staat bekommen. Das zeigt: Man kann natürlich auch heute noch mit dem „Hamlet“-Stoff politisch werden, und das ist ein weiterer Grund, warum die Komödie erfolgreich ist. „Hamlet“ war damals zu Shakespeares Zeit ein sehr politisches Stück, ein Schauspiel gegen das Gebaren der Obrigkeit, gegen Machtspiele. Man könnte heutzutage König Claudius auch als Trump inszenieren.
Nach all diesen Inszenierungen, wie hat sich denn Ihr eigener Blick auf Ihr Stück mit den Jahren verändert?
SEIDEL: Ich finde es erstaunlich, wie unglaublich unterschiedlich man dieses Stück inszenieren kann. Dabei muss ich als Autor aber auch loslassen können und mich auf das einlassen, was da zu sehen ist. Ich muss etwas Abstand gewinnen zu meinem eigenen Stück. Das ist aber nicht so einfach, da wir das Stück am Sensemble Theater ja schon seit 20 Jahren spielen und ich jeden Satz kenne. Ich zucke schon mal zusammen, wenn in einer fremden Inszenierung ein Satz anders gesprochen wird, oder wenn ich sofort merke, dass etwas im Text gestrichen wurde. Das war anfangs recht schwierig für mich. Aber heute? Freue ich mich sehr, wenn ich sehe, dass „Hamlet for you“ wieder irgendwo gespielt wird, an einem ganz neuen Ort.
Zur Person
Sebastian Seidel, Autor und Regisseur, führt mit seiner Frau Anne Schuester das Sensemble Theater in der Kulturfabrik in Augsburg. 2006 kam hier Seidels Komödie „Hamlet for you“ zur Uraufführung. Aktuell läuft das Stück wieder auf der Sensemble-Bühne, in Originalbesetzung. Alle Informationen unter www.sensemble.de.

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Sebastian Seidel, Autor und Regisseur, führt mit seiner Frau Anne Schuester das Sensemble Theater.
Foto: Fred Schöllhorn
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