Auf Monitoren blinken Schiffspositionen, Wetterdaten und Notfallmeldungen. Im Koordinationszentrum Zenon in der Hafenstadt Larnaka im Südosten Zyperns laufen die Fäden zusammen. Hier koordiniert Zypern Such- und Rettungsaktionen im östlichen Mittelmeer – und organisiert den humanitären Seeweg für Gaza. Bereits 32.000 Tonnen lebensrettende Hilfsgüter aus Europa wurden in den Umschlaghäfen Zyperns aufwändig kontrolliert und dann von dort aus nach Gaza verschifft.
Strategische Lage Zyperns
Zypern hat eine außergewöhnliche geografische Lage: Die Insel liegt zwischen Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika – an der Schnittstelle dreier Kontinente, inmitten einer Region voller Krisen und Konflikte. „Der Flug von hier nach Libanon dauert 18 Minuten, nach Tel Aviv 30 Minuten, nach Jordanien 75, nach Damaskus 20 Minuten, nach Ägypten 50 Minuten“, sagt Zyperns Präsident Nikos Christodoulides zu Beginn der Ratspräsidentschaft vor Journalisten. „Als Mitgliedstaat der Europäischen Union sind wir gleichzeitig Teil des weiteren Nahen Ostens. Und ich betrachte dies als einen großen Vorteil.“
Schlüsselrolle in der EU
Am 1. Januar 2026 hat Zypern die EU-Ratspräsidentschaft übernommen. Alle sechs Monate wechselt der Vorsitz zwischen den Mitgliedstaaten. Zypern hat nun also eine Schlüsselposition inne – koordiniert die Arbeit des Rates, leitet Sitzungen und sorgt dafür, dass die Gesetzgebungsverfahren reibungslos ablaufen. Die Regierung Zyperns, eines der kleinsten Mitgliedstaaten der Europäischen Union, will die Chance nutzen, ganz vorne auf der internationalen Bühne zu stehen.
„Zypern ist gut positioniert, um eine aktive Rolle in der mediterranen Diplomatie zu übernehmen. Es ist direkt in zentrale Themen wie Energieentwicklung, Energiesicherheit, Terrorismusbekämpfung, Migration und maritime Sicherheit eingebunden“, sagt Ian Lesser vom transatlantischen German Marshall Fund (GMF). Das Land gelte als vertrauenswürdiger Gesprächspartner.
Ziel: Stärkere EU
Das zentrale Ziel sei eine unabhängigere Europäische Union, die zugleich offen zur Welt bleibt, so Marilena Raouna, Vize-Europaministerin in Zypern. „Die russische Invasion in der Ukraine hat die Illusion zerstört, dass Stabilität und Frieden in der EU selbstverständlich sind.“ Der Krieg habe Europas strategische Abhängigkeiten offengelegt – in Sicherheit, Wirtschaft und Handel.
Zypern sei eines der wenigen EU‑Länder mit ausgezeichneten strategischen Beziehungen zu zentralen Akteuren der arabischen Welt, sagt Außenminister Constantinos Kombos, „zu Ägypten und Jordanien, zu den Vereinigten Arabischen Emiraten und gleichzeitig zu Israel.“
Bruch mit Moskau
Traditionell pflegte Zypern auch enge Beziehungen zu Russland; die Insel war ein beliebtes Ziel der russischen Elite. Doch der russische Tourismus ist eingebrochen, Zypern hat das EU‑Sanktionsregime umgesetzt. Zwischen 2018 und 2023 wurden laut Außenminister Constantinos Kombos 42.728 Briefkastenfirmen aufgelöst und 125.782 Bankkonten geschlossen.
Auch wegen der Bedrohung durch Russland drängt Zypern darauf, dass Europa so schnell wie möglich seine eigenen militärischen Fähigkeiten ausbaut. Zypern – selbst kein NATO-Mitglied – will in den nächsten Jahren mindestens 200 Millionen Euro in seinen Marinestützpunkt in Mari investieren. „Ziel ist die Verbesserung der Sicherheit im Seeverkehr sowie die Stärkung unserer Fähigkeit. Damit leisten wir einen Beitrag für eine bessere Zusammenarbeit mit den EU-Partnern und internationalen Verbündeten“, sagt Zyperns Verteidigungsminister Vassilis Palmas.
Migration im Mittelmeer
Sichere Grenzen und der Kampf gegen illegale Migration sind weitere Prioritäten, die Zypern während seiner EU‑Ratspräsidentschaft vorantreiben will. „Zwar sind die Ankünfte über das Mittelmeer zuletzt zurückgegangen, doch die Gefahr neuer Migrationswellen bleibt bestehen“, sagt Ian Lesser vom German Marshall Fund im Gespräch mit der Deutschen Welle. Neue politische Krisen oder der Zusammenbruch von Staaten in der Region hätten unmittelbare Auswirkungen auf nahegelegene Länder wie Zypern und die Türkei.
Ian Lesser warnt vor überhöhten Hoffnungen: „Große Durchbrüche sind in sechs Monaten unwahrscheinlich. Aber eine engere Zusammenarbeit mit Herkunfts- und Transitländern, die Eindämmung illegaler Migration, der Kampf gegen Schleusernetzwerke und professionelles Grenzmanagement sind realistisch – und über die Zeit wirksam.“
Ungelöste Teilung
Während die Regierung Zyperns ihre diplomatischen Fähigkeiten und guten Beziehungen zu Nachbarn betont und Brücken im Mittelmeerraum bauen will, bleibt die eigene Teilung ungelöst. Seit 1974 ist die Insel geteilt: Im Norden die Türkische Republik Nordzypern, international nur von der Türkei anerkannt; im Süden die griechisch geprägte Republik Zypern. Eine 180 Kilometer lange Pufferzone, überwacht von den Vereinten Nationen, trennt beide Teile.
Mit der Ratspräsidentschaft könnte sich ein neues Kapitel eröffnen. Brüssel will die Bemühungen um eine Wiedervereinigung vorantreiben – obwohl die Beziehungen zwischen der Türkei und Zypern auf Eis liegen. „Für die Europäische Union bleibt eine umfassende, faire und dauerhafte Lösung der Zypern-Frage eine Top-Priorität“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zum Auftakt der Präsidentschaft Anfang Januar. Ein EU-Sonderbeauftragter soll zwischen beiden Seiten vermitteln.
Zwei-Staaten-Streit
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan beharrt auf einer Zwei-Staaten-Lösung. „Die Türken sind sehr gut darin, sicherzustellen, dass die aktuelle Situation bestehen bleibt. Eine Zwei-Staaten-Lösung würde den Status quo im Wesentlichen einfrieren. Aber für die Zukunft Zyperns ist das kein gutes Ergebnis“, sagt Ian Lesser. Hoffnung mache jedoch ein Wahlergebnis im Norden, das zu einer Regierung führte, die offener für Verhandlungen ist.
An der Grenzstation in der Lidras-Straße, die auch die Haupteinkaufsstraße Nikosias teilt, sind die Meinungen eindeutig: „Ich bin für die Wiedervereinigung. Ich möchte Frieden“, sagt Berna, die aus dem Norden stammt. Im Süden zeigt sich Christodulos optimistisch: „Wenn wir offen sind in unserem Denken, finden wir eine Lösung. Für Zypern. Und für die EU.“ Beides wäre ein Erfolg für die Ratspräsidentschaft.