Er wollte das Wohnen für die Stuttgarter demokratisieren und träumte von bewohnbaren Terrassen. Nun ist der Architekt und Stadtplaner Peter Faller gestorben.
Längst steht die sogenannte Betonwohnmaschine unter Denkmalschutz (ebenso wie der mit gemeinsam mit Bildhauer Hanspeter Fitz entworfene jüngst sanierte Brunnen, der jetzt vor der Landesbibliothek steht). Die Tapachstraße ist Pilgerort für junge und alte Fans des Brutalismus. Eine in Beton gehauene Einlösung des Versprechens für demokratisches Wohnglück: gutes Wohnen mit Licht und Luft. Trotz des modernen, heute in Misskredit geratenen Baustoffes Beton wirken die Bauten urtümlich, archaisch fast.
Preisgekrönte Terrassenhäuser Tapachstraße, Stuttgart. Foto: Lichtgut/Julian Rettig Peter Faller gründete 1964 in Stuttgart das Architekturbüro
Peter Faller, der am 22. Februar 1931 in Lörrach zur Welt kam und der an der Universität Stuttgart Architektur studiert und bei Rolf Gutbrod assistiert hatte, entwarf die Terrassenhäuser gemeinsam mit dem gebürtigen Hamburger Hermann Schröder (1928-2011), sie hatten 1964 das Büro Faller + Schröder gegründet.
Weltruhm erlangten derlei Wohnhügel aber anderswo, in Marl. Der Stadt in Nordrhein-Westfalen „gereichten die Wohnhügel jenseits der Grenzen zum Ruhme. Baufachleute aus Libyen und den USA, aus Spanien, Belgien und der Tschechoslowakei reisten an“, berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Jahr 1967.
Wären derlei Hügelhäuser im großen Stil wie geplant auch in Stuttgart-Neugereut entstanden, hätte die Landeshauptstadt neben der Weissenhofsiedlung mit einem zweiten international architektonisch renommierten Stadtviertel punkten können. Es passierte aber das, wovor der Bund Deutscher Architekten 1963 in dieser Zeitung gewarnt hatte: Der große Wurf wurde nicht umgesetzt.
Kühne Architekturpläne für Stuttgart-Neugereut
Der Bürogemeinschaft von Peter Faller und Hermann Schröder, die Mitte der 1960er Jahre den Auftrag für die städtebauliche Gesamtplanung für das Neubaugebiet Neugereut erhalten hatte, schwebte eine Art Gartenstadt vor. Fünfgeschossige Blöcke mit Wohnungen und intensiv begrünten Terrassen, die in der Form einer langen Pyramide geähnelt hätten. Dazu geplant: ein Hotel, Kinos, Schulen, Einkaufszentrum, Sport- und Spielplätze, eine Straßenbahnanbindung. Wie ein mittelalterliches Dorf – mit Annehmlichkeiten von heute – das hätte Neugereut werden sollen.
Den „Kern der Idee“ beschrieb Peter Faller in einem Rückblick: „Auch dem Wohnen auf der Etage sollten künftig große, bewohnbare Terrassen zugeordnet werden, so groß, dass man dort bei schönem Wetter alles im Freien tun kann: essen, spielen, arbeiten und werken, sonnenbaden und gärtnern. Das Ergebnis war ein Hausquerschnitt, der einer Toblerone ähnelte, weil sich das Haus nach oben wie ein Dreieck verjüngt.“
Innovative Wohnideen mit dem „Schnitz“ in Stuttgart umgesetzt
Was für eine charmante, zutiefst demokratisch anmutende Wohnidee. Doch dann war in Stuttgart wieder einmal das Geld knapp. Investoren kamen. Sie realisierten viele konventionelle Hochhäuser für Mieter und Eigentümer. Peter Faller ist trotzdem geblieben. Denn es wurden doch einige, auch innovative Zickzack-, Terrassen- und Hügelhäuser gebaut.
Erhielt den Hugo Häring Preis des Bundes deutscher Architekten: Terrassenhäuser in Stuttgart-Neugereut. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
In einem scharfkantig gestalteten Wohnhügel-Mehrfamilienhaus, dem „Schnitz“ (der Einschnitte für die tiefen Terrassen wegen), wohnte unter anderem der Architekt Peter Faller mit seiner Familie. Und das jahrzehntelang, wie Faller in seinem leicht melancholischen Rückblick schrieb. Vermissen würden er und seine Frau in Neugereut „eigentlich nur das Meer“: „Aber daran wird sich auch in Zukunft nicht viel ändern lassen.“
Das mit grauen Platten belegte Mehrfamilienhaus ist ein gebautes Beispiel auch für partizipatorisches Planen und Wohnen – Themen der Gemeinschaftlichkeit und demokratischer Verfahren beschäftigten ihn auch als Forscher, Peter Faller lehrte an der Universität Stuttgart Gebäudelehre und Entwerfen. Wie die Tapachstraße wurden die Terrassenhäuser und der „Schnitz“ mit dem Hugo Häring Preis des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten ausgezeichnet.
Sechs Projekte des Architekten
- Brunnen von Bildhauer Hanspeter Fitz und Peter Faller für die Bundesgartenschau , 1961
- Wohnhügel in Marl, 1964
- Terrassenhaus Tapachstraße in Stuttgart-Rot, 1965-1970
- Städtebauliche Planung und 110 Terrassenwohnungen Stuttgart-Neugereut, 1967-1974
- Partizipatorisches Hausprojekt „Schnitz“ in Stuttgart-Neugereut, 1971-1974
- Wohn- und Gewerbebebauung in der Kochstraße für die „IBA 87“ – Internationale Bauausstellung in Berlin, 1988-1991
Auszeichnungen für Wohnbauten in Stuttgart
Mehrfamilienhaus „Schnitz“ in Stuttgart-Neugereut. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Der Bau des „Schnitz“ von und für mehrere Familien sei aufwändig gewesen, hatte viel Diskussionskultur erfordert, wie Peter Faller in einem Gespräch mit dieser Zeitung andeutete, weitere Architekten waren Reinhold Layer, Knut Lohrer und Hermann Schröder unter Mitwirkung von Claus Schmidt.
„Die partizipatorische Planung macht es zu einem Vorzeigeprojekt für ein neues, selbstbestimmtes Wohnen und dadurch beispielhaft für das Werk der Architekten“, ist im Bericht der Denkmalpflege zum „Schnitz“ zu lesen: „Mit einem bis heute unübertroffenen Angebot an privaten Freibereichen und den klar umrissenen Planungsspielräumen ist die Idee des Gemeinschaftswohnhauses sozial ausgerichtet und innovativ zugleich.“
Der „Schnitz“ steht bis heute gut da. Für eine Reportage zum 50. Geburtstag der Siedlung gab der damals 91-jährige Architekt sehr freundlich zu Protokoll, er wohne immer noch „gerne“ im Schnitz und auch in Neugereut. Wie jetzt bekannt wurde, ist Peter Faller am 31. Dezember 2025 mit 94 Jahren gestorben.