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Durch russischen Beschuss zerstörte Waggons. © IMAGO/Ukrinform/ABACA
Kleine Ukraine-Bibliothek (75): Die Anthologie „Geteilter Horizont. Die Zukunft der Ukraine“.
Den Vorstellungen, die man sich aus der Ferne vom Kriegsalltag in der Ukraine machen kann, fügt die Kyjiwer Essayistin und Verlegerin Kateryna Mishchenko folgende Nahaufnahme hinzu: „Ermüdungskrieg, Ermüdungskrieg – das kann man sich beim Ein- und Ausatmen immer wieder vorsagen, um den Atem zu beruhigen, wenn man sich nur noch hinlegen, mitten im Wort einschlafen, den Gedanken nicht zu Ende denken und nie wieder etwas sagen möchte.“
Dennoch nicht ruhen, denn auch das gehört, wie das Ein- und Ausatmen, zum Dasein, trotz aller Erschöpfung, nach elf Jahren Krieg, in denen Russlands „Terror weiß, wen und wie er zermürben will“. Seit 2014 zunächst regional, ist er seit Februar 2022 flächendeckend daraufhin berechnet, dass das ukrainische Zuhause „buchstäblich“ über der Bevölkerung zusammenbricht.
Zur Reihe
Eine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung.
Zuletzt ins Regal gestellt: Szczepan Twardochs Roman „Die Nulllinie“, Karl Schlögels „Entscheidung in Kiew“, Andriy Lyubkas „Die Rückseite des Krieges. Literarische Reportagen“ sowie Claudia Sievers: „Das Buch des Lebens zu Ende lesen. Peremoha – ein Dorf in der Ukraine“ sowie Lesja Ukrajinkas „Am Meer. Erzählungen“.
Kateryna Mishchenko und Katharina Raabe (Hrsg.): Geteilter Horizont. Die Zukunft der Ukraine. Mit 15 Fotografien von George Ivanchenko. Edition Suhrkamp 2025, 328 S., 23,00 Euro.
Als Folge Nr. 76 wird Martin Schulze Wessels „Die übersehene Nation“ vorgestellt.
Zusammen mit der Lektorin für osteuropäische Literatur im Suhrkamp Verlag, Katharina Raabe, hat Mishchenko den Sammelband „Geteilter Horizont“ herausgebracht, die 15 Beiträge sind die Fortsetzung zur 2023 erschienenen Anthologie „Aus dem Nebel des Krieges“ (Kleine Ukraine-Bibliothek Nr. 30). Unter dem Motto „Die Zukunft der Ukraine“ wurde so etwas wie eine Koalition der Weitsichtigen versammelt, gewillt, nicht auf denjenigen Horizont zu starren, der durch derzeit umkämpfte Frontlinien verstellt wird. Jenseits von einem Pazifismus naiver Natur gehört dazu die Erkenntnis der Schweizer UN-Diplomatin Heidi Tagliavini: „Wenn es keine wirklichen Verhandlungen gibt, ist dies nicht das Versagen der Diplomatie, sondern eine Folge vom Festhalten an Maximalforderungen.“
Russlands Maximalforderungen verfolgen revisionistische Ambitionen. Darya Tsymbalyuk erinnert an den „Fiebertraum kolonialer Eroberung“, an das „imperiale Projekt seit Ende des 17. Jahrhunderts“, wenn sie nicht nur auf Putins Spezialoperationen zur Auslöschung der ukrainischen Identität verweist, sondern auf die ökologische Verheerung des Landes.
Eine Auflehnung gegen Lethargie und Überdruss
Der imperiale Wahn Russlands und die Kolonisierung der Natur – vom Nahbeieinander, von Juxtapositionen spricht einführend Mishchenko. Aufgegriffen wird der Leitgedanke auch durch Yuriy Hrytsyna, wenn er von einem „Luftkrieg zum Mitmachen“ spricht, und dabei ein Nebeneinander aus einem futuristischen und archaischen Krieg analysiert, einen „Egoshooterkrieg“, geführt mit einer gleichzeitig „mittelalterlichen und zukünftigen Waffe“.
Anfangs vornehmlich ein Objekt der Abwehr sowie ein Instrument der Aufklärung, wird die Drohne ebenfalls zur Waffe, zu einem Sinnbild der von Auge und Hand gesteuerten Entmenschlichung. Es sind die Drohnen Russlands, die tagtäglich Zivilisten ins Visier nehmen, Jagd machen, die Bevölkerung terrorisieren, die Schutzsuchenden in die Keller treiben, in eine „vertikale Vertreibung“ (Mishchenko).
Die Künstlerin Yulia Danylevska flüchtete trotz der „De-Okkupation“ Chersons von den „Orks“, die die Stadt wahrhaftig nicht als Fantasy-Phantasma bedrohten. Zum Beweis, dass sich ein moderner Mythos realiter ausmendeln kann, beschießen sie Cherson, ob nun als raschistische Verkörperung des Bösen oder als Putins willige Vollstrecker. Permanente Bedrohung durch ständige Bedrohnung.
Wie sehr es militärisch oft im Argen liegt, beklagt ein Frontbericht des Kommandeurs Ivan Choopa drastisch. Wie übel die Ukraine von Korruption und der Selbstbedienungsmentalität „politischer Eliten“ weiterhin ausgebeutet wird, sind Anklagepunkte. Zur Bestandsaufnahme gehören die geopolitische Reflexion und eine furchterregende Fotodokumentation (George Ivanchenko), zum Spektrum zählen Erfahrungsbericht und Essay. Bei aller berechtigten Empörung: in der Anthologie abrufbar ist ein Arsenal der Argumente.
Exemplarisch komprimiert wird das Nebeneinander durch einen heterogenen Text der in Berlin lebenden Schriftstellerin Katja Petrowskaja. Ebenso wie in ihrem grandiosen Buch „Vielleicht Esther“ (Kleine Ukraine-Bibliothek Nr.3) wird ihre Rekonstruktion am Berliner Hauptbahnhof ausgelöst – und mit auf Reisen genommen das Leitmotiv, dass das Eisenbahnabteil die Literaturzelle schlechthin bildet, verdichtet sich doch in ihr die poetisch seit der Antike postulierte Einheit der Zeit, des Ortes und der Handlung. Lesend erlebt man, wie gleichsam vorm Abteilfenster Eindrücke vorbeigekurbelt werden. Shortcuts über Grenzerfahrungen im Zeichen der Gewalt.
Sollte man die Etikettierung Faschismus aus historischen Gründen sowie hermeneutisch mit Glacéhandschuhen anfassen? Während zum „universellen Modell des modernen Faschismus“ flächendeckender Terror und gezielte Tortur zählen, Massenmord, Vergewaltigung und Verschleppung, so dass man bei der Lektüre auch in diesem Band erstarrt?
Stanislaw Assejew, ein Opfer russischer Folter, der über die Tortur einen Bericht veröffentlichte, nennt Motive für sein Engagement an vorderster Front: „Ich wollte nicht das Gefühl haben, dass ich zu nichts anderem fähig bin als zu absurden Diskussionen. Ohne Übertreibung gesagt: Dieses Ereignis – die Großinvasion Russlands in die Ukraine– setzte dem modernen Paradigma der kommunikativen Vernunft ein Ende.“
Trotz aller Ermüdung, diese Anthologie liest sich als eine Auflehnung gegen Lethargie und Überdruss, Phlegma und Widerwille. Die Kriegsmüdigkeit in der Ukraine ist unübersehbar – sie im Westen als friedenserpicht verbrämten Vorwand für allgemeine Ukrainemüdigkeit zu missbrauchen, ist obszön. Denn wie sieht die Zukunft der Ukraine aus? Wird sie zum „Niemandsland“ nicht nur entlang der Front? Handelt es sich dabei um eine dystopische Projektion? Ist die Hoffnung auf eine einigermaßen erträgliche Zukunft nurmehr ein „Hirngespinst“?
Assejew gesteht sich ein, man habe „den Krieg gegen das Offensichtliche verloren– das Offensichtliche wird heutzutage in den sozialen Medien lächerlich gemacht und verzerrt.“ Gleichzeitig, trotz der asozialen Medien, sind für die Anthropologin Nataliya Tchermalykh die Fertigkeiten der Kriegskindergeneration zukunftsweisend: „Sie zeichnet sich durch gute Vernetzung, Technologie- und Digitalkompetenz und ein hohes Maß an Mobilität aus.“
Flucht oder Verharren? Kapitulation? Oder No Pasaran! Die Zukunft der Ukraine ist ausgesetzt einer geopolitischen Juxtaposition: der Berechenbarkeit des putinschen Vernichtungswillens und der trumpschen Unberechenbarkeit, abhängig von der Droge Deal. Die Ukrainezukunft buchstäblich als „Bonanza“, wortwörtlich: Goldgrube? Deshalb regiert die Doppelherrschaft des „Trumputin“ – eine Wortgründung, die schon vor zehn Jahren als Warnung gedacht war.
Wie hinterhältig der Kreml den UN-Sicherheitsrat kujoniert, um „mit höchster Autorität das Unrecht zum Recht zu erklären und die Völkerrechtsordnung auf den Kopf zu stellen“, seziert die Völkerrechtlerin Angelika Nußberger. Sollte sich der Kreml auf Verhandlungen unter Beteiligung Europas einlassen, werden die russischen Rechtsbrecher auch auf die Zukunft der EU zerstörerisch einwirken wollen.
Die Diplomatin Tagliavini verweist darauf, dass man sich auf eine „Tagesordnung“ wird verständigen müssen, darauf, „worüber man überhaupt verhandelt“. Wenn man das Nahbeieinander von Rechtsempfinden und Gerechtigkeitssinn in dieser Anthologie richtig versteht, verbieten sich Deals.
Ginge es integer zu, käme durch die Tagesordnung zur Sprache, worauf der Autor, Übersetzer und Psychoanalytiker Jurko Prochasko pocht: „Es ist ein totaler Krieg. Er ist total, denn es gibt keinen Ort mehr in der Seele, wo er nicht wäre. Auch im Schlaf. Es gibt keinen Zoll und keinen Winkel in der Psyche, die intakt geblieben wären, unberührt von der schrecklichen Allgegenwart dieses Krieges.“