Die aktuellen Proteste in Iran haben verschiedene Ursachen. Seit fast drei Wochen gibt es Demons­trationen, die das Regime der Islamischen Republik blutig niederschlägt. Quellen wie der Auslandssender Iran International sprechen von mindestens 12.000 Toten. Politische Freiheit und ein Ende der Unterdrückung forderten Hunderttausende Demonstranten. Ein wichtiger Treiber der Unzufriedenheit der Bevölkerung ist auch die Wirtschaftskrise. Die hat sich durch Bankenkrisen verschärft.

Im Oktober war die politisch gut vernetzte Ayandeh Bank kollabiert und hinterließ umgerechnet mehr als fünf Milliarden Dollar faule Kredite. Im November ging Melal Credit nach mehr als einer halben Milliarde Dollar Verlusten pleite und wurde von der Zentralbank unter Zwangsverwaltung gestellt.

Bijan Khajehpour, Ökonom und Geschäftsführer der Beratungsfirma Eurasian Nexus Partners, betont, dass alle iranischen Banken große Mengen an Not leidenden Krediten in ihren Büchern haben. „Diese Non-Performing Loans sind eine Folge davon, dass Kredite an Kunden ohne ausreichende Prüfung der Sicherheiten vergeben wurden.“ Hintergrund dafür seien korrupte Beziehungen in der Machtelite, sagte er dem Sender Al Jazeera.

Gerüchte über unmittelbar bevorstehende Bank-Zusammenbrüche

Ein Bericht des „Wall Street Journal“ über den Fall Ayandeh in dieser Woche nährte nun Spekulationen über mögliche weitere Bankenzusammenbrüche. Das Blatt schreibt von fünf weiteren Wackelkandidaten. Irans Nachrichtenagentur Tasnim gab Ende 2025 zu, dass neben Ayandeh und Melal auch die Banken Sarmayeh, Day und Iran Zamin sowie Sepah Probleme hätten. Laut Analysten besitzen sie nur noch sehr geringe Eigenkapitalquoten.

Vor allem die Großbank Sepah gilt als systemrelevantes Institut. In sozialen Medien machten schon Gerüchte über einen bevorstehenden Zusammenbruch die Runde. Tatsächlich deutet aber noch nichts darauf. Die 1925 gegründete Sepah ist eine der drei größten Banken Irans. Seit der Revolution ist sie die zentrale Bank der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC), der Armee und Milizen. Sie ist auch für die Gehaltszahlungen der IRGC zuständig.

Ein Ausfall dieser Bank würde den zentralen Nerv des Teheraner Regimes betreffen. Während der jüngsten Proteste richteten sich Angriffe von Demonstranten auch gezielt gegen Sepah. In Teheran ging Anfang Januar im Punak-Bezirk ein großes Bürogebäude der Bank in Flammen auf. Ebenso könnte ein Run der Bevölkerung auf die Geldautomaten die Krise des Regimes verschärfen. Allerdings gelten strenge tägliche Limits für Abhebungen, wie der Wirtschaftsprofessor Djavad Salehi-Isfahani betont.

Korruption, Dürre und Sanktionen

Irans wirtschaftliche Situation hat sich zuletzt rapide verschlechtert. Die Islamische Republik befindet sich schon länger im ökonomischen Sinkflug. Das liegt an Misswirtschaft und grassierender Korruption, die Landwirtschaft leidet unter einer lang andauernden Dürre. Drastisch verschärft wurde die Lage durch die westlichen Sanktionen gegen Irans Ölexporte und den Ausschluss der Banken aus dem SWIFT-System für Überweisungen. China bleibt als Hauptabnehmer des iranischen Öls, zahlt jedoch nur Dumpingpreise. Geschwächt hat Teheran auch der Ausgang des Zwölftagekriegs mit Israel und den USA im Juni 2025.

Der Wechselkurs der Landeswährung Rial stürzte ab. Anfang Januar erreichte der freie Kurs auf Paralleldevisenmärkten mit fast 1,5 Millionen Rial je Dollar einen historischen Tiefpunkt. Seit 2021 hat die Währung mehr als 85 Prozent ihres Außenwertes verloren. Händler berichteten, dass die Landeswährung praktisch täglich weiter sinke. Inzwischen sind die Internetseiten, die inoffizielle Wechselkurse melden, geschlossen.

Große Handelsunternehmen erhalten von der Regierung weiter einen subventionierten Dollarkurs. Teheran kündigte zwar an, dieses System zu reformieren. Doch dürfte es für Präsident Massud Peseschkian sehr heikel werden, den subventionierten Dollarkurs zu korrigieren und damit Importe noch teurer zu machen.

Inflation, Währungsabsturz und Kapitalflucht

Angesichts der Finanznöte der Regierung und der Banken hat die Zentralbank hemmungslos die Notenpresse angeworfen und Geld gedruckt, um Löcher zu stopfen. „Die Regierung unterstützt Banken, aber der Preis dafür ist Inflation“, betont Salehi-Isfahani. Ende 2025 stieg die Inflationsrate auf 52 Prozent. Lebensmittel verteuerten sich noch mehr, die Inflationsrate für Nahrungsmittel stieg auf 72 Prozent. Aufgrund der wirtschaftlichen Probleme solidarisierten sich erstmals auch Händler aus dem Großen Basar von Teheran mit den Protesten.

Diese Woche wurde der bekannte Geschäftsmann Mohammad Saedinia verhaftet, Eigentümer der besonders bei jungen Leuten beliebten Saedinia-Kaffeehauskette, dem zudem ein Einkaufszentrum nahe Ghom gehört. Die Justizbehörde der Stadt wirft ihm nun vor, er habe „Menschen zu Aufständen aufgerufen und Chaos verursacht“. Sein Verbrechen: Saedinia hatte seine Cafés zu Beginn der Proteste geschlossen.

Mit der Wirtschaftskrise hat sich auch die Kapitalflucht verschärft. Nach Berechnungen von Salehi-Isfahani, der an der Virginia-Tech-Universität in den USA lehrt, sind im vergangenen Jahr zwischen zehn und 20 Milliarden Dollar aus dem Land geflossen. „Im November und Dezember hat sich der Kapitalabfluss beschleunigt auf eine Jahresrate von wohl über 20 Milliarden Dollar“, schätzt er. Privatleute und Händler spekulierten auf einen weiter fallenden Rial-Kurs und versuchten, ihr Vermögen mit dem Kauf von Devisen oder Gold zu retten.

Auch die oberste Staatsführung scheint angesichts der Proteste nervös zu werden. Jüngst berichtete der israelische TV-Senders Channel 14, dass Mojtaba Khamenei, der Sohn des greisen Ajatollah Ali Khamenei, angeblich 1,5 Milliarden Dollar auf Konten in Dubai transferiert haben soll. Die Führung selbst scheint sich auf eine Existenzkrise vorzubereiten. „Aktuell steht infrage, ob die Islamische Republik überlebt“, meint Salehi-Isfahani.

Die Rolle der kollabierten Ayandeh Bank

Im Ausland ist bislang die Rolle des Untergangs der Ayandeh Bank unterbelichtet geblieben, die zur Verschärfung der jüngsten Krise beitrug. Ayandeh war ein eng mit der iranischen Elite verbundenes Institut. Gegründet wurde sie 2013 von Ali Ansari. Er stammt aus einer der reichsten Familien des Landes und gilt als dem früheren Präsidenten Mahmud Ahmadineschad nahestehend. In London gehört ihm ein mehrere Millionen Pfund teures Anwesen.

Die Ayandeh Bank war „ein Vehikel zur Bereicherung“ jener mit politisch guten Beziehungen, so beschreibt es Adnan Mazarei, ein früherer Vizedirektor des IWF für den Mittleren Osten. Dazu zählen die regimenahen Unternehmer, das Militär und die Islamischen Revolutionsgarden. Nach Schätzungen kontrollieren die Revolutionsgarden mindestens ein Drittel der iranischen Wirtschaft, besonders in den Bereichen Öl- und Gasindus­trie, Handel und Verkehr, Industrie, Rüstung und Finanzen. Eine kleine Kaste macht mit Monopolen und Sanktionsumgehungen große Profite.

Die Ayandeh Bank mit 270 Filialen im Land sammelte von mehr als sieben Millionen Kunden Geld ein, die sie mit höheren Zinsen als bei anderen Banken lockte. Zugleich verschuldete sich das Institut stark bei der Zentralbank, zuletzt mit umgerechnet fast fünf Milliarden Dollar. Großkredite gingen an regimenahe Unternehmen und das große Einkaufszentrum Iran Mall. Je mehr sich die Wirtschaftslage verschlechterte, desto mehr faule Kredite häuften sich in der Bilanz. Die Verluste kumulierten sich auf umgerechnet mehr als zwei Milliarden Dollar.

Ein großer Vertrauensschock

Im Oktober 2025 brach die Bank unter der Last der faulen Kredite zusammen. „Das war natürlich ein großer Vertrauensschock in Iran“, sagt Ökonom Salehi-Isfahani. Kurz nach dem Kollaps der Bank, am 30. Oktober, verhängte Großbritannien Sanktionen gegen den Gründer Ansari. Er steht nun wie 500 andere Vertreter des Iran-Regimes auf der Sanktionsliste. London bezeichnete Ansari als „korrupten Banker und Geschäftsmann“. Er werde wegen seiner Rolle „bei der finanziellen Unterstützung der Aktivitäten der Islamischen Revolutionsgarden“ sanktioniert. Seine britischen Vermögenswerte wurden eingefroren.

In Teheran löste der Zusammenbruch auch in der Machtelite eine hitzige Debatte aus. Der Direktor der Bankenaufsicht in der Zentralbank nannte Ayandeh ein betrügerisches „Ponzi-System“, also ein Schneeballsystem. Bemerkenswert scharf sprach Ali Laridschani, der Sekretär des Sicherheitsrates, die Probleme an. Die Zulassung neuer privater Banken sei „zu 100 Prozent falsch“ gewesen, und die Zentralbank habe als Aufsicht versagt, wetterte er auf einem Studententag Mitte Dezember. Die Banken seien „sichere Häfen für korrupte Aktivitäten“ geworden. Indirekt gab er zu, dass die gesamte Architektur des Bankensystems sehr wackelig geworden ist.

Der Staat zwang die staatliche Bank Melli, die Reste der Ayandeh Bank zu übernehmen. Damit schwächte er aber auch diese. In einer früheren Bankenkrise hat die Bank Sepah drei insolvente Institute übernehmen müssen. Eine systemische Bankenkrise in Iran hält Ökonom Djavad Salehi-Isfahani solange für unwahrscheinlich, wie der Staat mit der Notenpresse frische Rial schaffen kann, um angeschlagene Banken zu stützen. 80 Prozent der Bankeinlagen lägen bei staatlichen Instituten. Die Regierung würde sie weiter stützen. „Aber Iran geht damit das Risiko einer Hyperinflation ein“, fügt er hinzu.