Beim Neujahrsempfang analysiert Nicole Deitelhoff globale Krisen und Demokratiedruck. Wiesbaden sucht Antworten vor Ort – ohne Stillstand.
Der große Festsaal des Wiesbadener Rathauses füllt sich, wie er es zu Jahresbeginn immer tut: mit Stimmen, Erwartung und an der Gaderobe mit dem leisen Rascheln von Mänteln. Doch der Neujahrsempfang der Landeshauptstadt wirkt von Beginn an konzentrierter als sonst. Gert-Uwe Mende begrüßt die Gäste freundlich, aber ohne Umschweife. Dieses Format, erinnert er, sei vor drei Jahren eingeführt worden, um die Stadtgesellschaft zusammenzubringen – „damit Sie ins Gespräch kommen“. Und doch ist der Neujahrsempfang inzwischen Tradition, eine junge zwar, aber eine, die trägt.
Nähe als politisches Prinzip
Mende setzt früh einen Ton, der den Vormittag prägt. Eigentlich, sagt er, sei es ein Stehempfang. Stühle stünden trotzdem bereit. „Es ist wie im Bus“, fügt er hinzu, „wer sitzt, bietet den Platz denen an, die ihn brauchen.“ Ein Lächeln geht durch den Raum. Und doch steckt in diesem Satz mehr als Humor. Er beschreibt ein politisches Selbstverständnis: Rücksicht, Aufmerksamkeit, Nähe. Kommunalpolitik, so wird deutlich, beginnt im Alltag.
Die Welt rückt näher
Nach Begrüßungen aus Politik, Ehrenamt, Stadtgesellschaft und von den internationalen Partnern folgt der Denkanstoß des Vormittags. Prof. Nicole Deitelhoff, Professorin an der Goethe-Universität Frankfurt und Leiterin des Leibniz-Instituts für Friedens- und Konfliktforschung, verzichtet auf eine klassische Jahresbilanz. Sie spricht über die Immanenz von Krisen – darüber, dass Krisen längst kein Ausnahmezustand mehr seien, sondern ein Dauerzustand.
„Wenn eine Krise auftaucht“, sagt sie, „rückt die Gesellschaft zusammen. Sie erwartet Führung von den Regierenden.“ Doch genau hier beginne das Problem. „Wenn der Krisendruck nicht nachlässt, passiert etwas Gegenteiliges: Dann setzt Polarisierung ein.“ Die Geduld schwinde, Vertrauen erodiere, der Ton werde schärfer. Krisen, so Deitelhoff, hätten eine eigene Dynamik – und Demokratien litten besonders unter Dauerstress.
Ist Demokratie krisenfest?
Deitelhoff stellt eine Frage, die im Festsaal spürbar nachhallt: „Ist die Demokratie wirklich die passende Regierungsform für die Krise?“ Sie beantwortet sie nicht mit einem schnellen Ja oder Nein, sondern mit einer Analyse. Demokratie und Ordnung gerieten zugleich „von unten und von oben“ unter Druck. Von unten, durch gesellschaftliche Polarisierung, Erschöpfung, Rückzug. Von oben, durch Regierende, die Regeln dehnen oder ignorieren.
In allen Weltregionen, sagt sie, lasse sich in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren eine deutliche Zunahme von Gewalt beobachten. Imperialistische Annexionen kehrten zurück. Internationale Normen verlören an Bindekraft. Venezuela nennt sie als Beispiel für Staaten, in denen sich politische Ordnung von rechtsstaatlichen Prinzipien löse und Gewalt – auch im Zusammenspiel mit organisierter Kriminalität – den Alltag präge.
Mehr Autokratien, weniger Vertrauen
„Heute gibt es ganz nüchtern betrachtet mehr Autokratien als Demokratien“, sagt Deitelhoff. Und selbst in den verbliebenen Demokratien sänken die Werte. Das habe Folgen für internationale Abkommen, die einst als zivilisatorische Errungenschaften galten. Das Verbot von Landminen etwa werde durch neue Formen der Kriegsführung und kulturpolitisch aufgeladene Konflikte faktisch zurückgedrängt. Andere Abkommen, wie das Chemiewaffenverbot, würden zwar beschworen, aber immer häufiger „ohne ausreichenden Grundrechtsschutz überdehnt“.
Freihandel, der keiner mehr ist
Auch wirtschaftlich beschreibt Deitelhoff eine Zeitenwende. Von Freihandel könne kaum noch die Rede sein. Handelshemmnisse nähmen zu, Lieferketten würden komplexer, politischer, anfälliger. Paradox erscheine, dass der globale Handel insgesamt rückläufig sei – während die Abhängigkeiten zugleich wüchsen. „Gegen globale Wohlstandsverluste“, sagt sie nüchtern, „können wir im Grunde wenig tun.“ Politik könne dämpfen, nicht verhindern.
Diese Entwicklung verschärfe gesellschaftliche Spannungen. Wer Sicherheit verliere, verliere oft auch Vertrauen. Internationale Bestrebungen würden zurückgefahren, nationale Interessen betont. Kooperation werde zur Ausnahme, Konkurrenz zur Regel.
Macht über Regeln
Deitelhoff spricht auch über die Rolle der USA und über Donald Trump. Sein Denken, so ihre Analyse, folge einem imperialistischen Muster, das nicht zu einer freiheitlichen Weltordnung passe. Wenn Großmächte Macht über Regeln stellten, wirke das wie ein Signal. Andere folgten. Internationale Haftbefehle, Normen, Vereinbarungen verlören ihre Abschreckungskraft, wenn sie politisch ignoriert würden.
2026 hat keine Zeit mehr
Ein Satz zieht sich durch ihren Vortrag wie ein roter Faden: „2026 hat keine Zeit mehr für weiteren Stillstand.“ Die Krise sei nicht mehr etwas, das komme und gehe. Sie sei da – dauerhaft. Und genau deshalb brauche es handlungsfähige Politik, die erklärt, zuhört und entscheidet.
Zur Person, Nicole Deitelhoff
Nicole Deitelhoff zählt zu den profiliertesten Stimmen der deutschen Politikwissenschaft, wenn es um internationale Ordnung, Krisen und den Zustand der Demokratie geht. Seit 2009 hat sie die Professur für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungen an der Goethe-Universität Frankfurt inne. Dort prägt sie Forschung und Debatte weit über den Campus hinaus.
Deitelhoff ist Direktorin des Frankfurter Forschungsverbundes „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und Sprecherin des Frankfurter Teilinstituts des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Seit 2016 leitet sie zudem als geschäftsführende Direktorin das PRIF – Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung (ehemals HSFK). Am PRIF verantwortet sie den Programmbereich „Internationale Institutionen“ sowie gemeinsam den Bereich „Transnationale Politik“. Seit 2023 ist sie Inhaberin einer LOEWE-Spitzenprofessur, angesiedelt an der Goethe-Universität und am PRIF.
In ihrer Forschung befasst sich Nicole Deitelhoff mit der Krise internationaler Normen und Institutionen, mit Fragen politischer Herrschaft und Legitimation, mit Opposition, Dissidenz sowie mit Demokratie und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Ihr wissenschaftlicher Blick verbindet theoretische Tiefe mit politischer Gegenwartsanalyse.
Zu ihren bekanntesten Arbeiten zählt das Buch „Überzeugung in der Politik“ (Suhrkamp), das mit dem Heinz-Maier-Leibniz-Preis der DFG ausgezeichnet wurde. Weitere vielbeachtete Publikationen erschienen unter anderem in International Theory, International Studies Review und dem British Journal of Politics and International Relations. Für ihre wissenschaftliche und gesellschaftliche Wirkung erhielt sie 2017 den Schader-Preis.
Nicole Deitelhoff wurde 1974 in Eutin geboren, ist mit dem Politikwissenschaftler Christopher Daase verheiratet und Mutter von drei Kindern.
Die kommunale Antwort
Hier knüpft Mende an. Kommunen, sagt er, seien vielleicht die letzte politische Ebene, auf der Vertrauen noch unmittelbar entstehe. Hier begegne Politik Menschen „von Angesicht zu Angesicht“. Zusammenhalt sei keine Floskel, sondern Arbeit: Ehrenamt stärken, Infrastruktur sichern, bezahlbares Wohnen ermöglichen, Kultur und Sporträume offenhalten. Und vor allem: eine Haltung leben, die Respekt einfordert und Hass widerspricht.
Ein leiser, ernster Beginn
Der Neujahrsempfang endet ohne Applausdonner. Gespräche beginnen, Gruppen bilden sich, der Festsaal leert sich langsam. Wiesbaden startet ins Jahr mit einer klaren Diagnose und ohne falsche Versprechen. Die Welt bleibt unruhig. Aber der Anspruch bleibt: handlungsfähig sein, nahbar bleiben, Verantwortung übernehmen. Es ist kein leichter Auftakt – aber ein ehrlicher.
Foto – Prof. Nicole Deitelhoff © 2026 Volker Watschounek
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