Die Stadt Stuttgart hat mit dem Doppelhaushalt 2026/2027 einen harten Sparkurs beschlossen. Massive Einschnitte gibt es auch in der Kulturförderung. Allein die Gelder für die von Stadt und Land anteilig je zur Hälfte finanzierten Staatstheater Stuttgart sind mit Wirkung von 1. Januar um 4,4 Millionen Euro reduziert. Was folgt daraus? Wir haben nachgefagt – bei Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart.

Herr Hendriks, 4,4 Millionen Euro Zuschusskürzungen der Stadt Stuttgart in diesem Jahr und 4,6 Millionen Euro Zuschusskürzungen der Stadt im Jahr 2027 stehen fest. Wo sparen Sie?

Die laufende Spielzeit hat im September 2025 begonnen und endet erst im Sommer 2026. Für diese gesamte Saison sind Verträge abgeschlossen und Eintrittskarten verkauft worden. Arbeitsverhältnisse bestehen darüber hinaus langfristig. Kurzfristige Einsparungen sind unter diesen Rahmenbedingungen also nicht möglich. Die von der Stadt Stuttgart beschlossenen Kürzungen werden wir in der laufenden Spielzeit daher im Wesentlichen aus Rücklagen gegenfinanzieren müssen.

Das Land kürzt 2026 die Zuschüsse nicht

Die Gelder des Landes bleiben für 2026 Stand jetzt unverändert. Für 2027 aber müssen Sie doch auch von dieser Seite mit Reduzierungen rechnen – oder?

Für das Jahr 2026 hat das Land – nicht zuletzt im Kontext der anstehenden Landtagswahlen – signalisiert, an der paritätischen Finanzierung festzuhalten und die Kürzungen der Stadt nicht mitzugehen. Dafür sind wir dankbar. Sollte es jedoch ab 2027 bei einer Kürzung der Stadt in Höhe von 4,6 Millionen Euro bleiben, würde sich dieser Betrag durch die Parität auf insgesamt 9,2 Millionen Euro erhöhen. Das wäre eine Zäsur für die Staatstheater.

Was hieße das konkret?

Eine Kürzung von 9,2 Millionen Euro ab 2027 wäre ohne strukturelle Eingriffe nicht zu bewältigen. Üblicherweise entfallen über 80 Prozent des Etats eines Theaters auf Personalkosten für festbeschäftigtes Personal. Das heißt konkret: Ohne Personalabbau lässt sich eine Zuschusskürzung in dieser Größenordnung nicht mehr gestalten.

Gemeinsam verantwortliche Intendanten der Staatstheater Stuttgart: Marc Oliver Hendriks (Geschäftsführung), Victor Schoner (Oper), Burkhard Kosminski (Schasupiel) und Tamas Detrich (Ballett) Foto: Björn Klein

Immer wieder heißt es, die Staatstheater sollen doch erst einmal ihre 16 Millionen Euro Rücklagen abbauen. Was antworten Sie?

Ganz korrekt gesprochen handelt es sich nicht um Rücklagen, sondern um den sogenannten Bilanzgewinn oder das Eigenkapital. Durch die veränderte Zuschusssituation werden wir voraussichtlich schon zum laufenden Spielzeitende mit einem Minus von über fünf Millionen Euro abschließen. Und für die Spielzeit 2026/27 liegt die Deckungslücke derzeit bei möglicherweise schon 8,5 Millionen Euro. In dieser Situation schmilzt das Eigenkapital wie Schnee in der Wintersonne.

Das heißt, Rücklagen sind immer notwendig?

Ein Haus dieser Größenordnung muss stets über ausreichendes Eigenkapital verfügen, um kurzfristige wirtschaftliche Schwankungen sicher ausgleichen zu können – es ist der Kiel, der das Schiff stabilisiert.

Zehn Prozent sollen für das Projekt Werkstätten / Zuckerfabrik wegfallen. Was bedeutet das für dieses Projekt?

Bei einer Kürzung in der Größenordnung von zehn Prozent kann ich mir die Realisierung der derzeit geplanten Projekte nicht mehr vorstellen. Genaueres dazu kann allerdings nur die ProWST sagen.

Der Verweis auf die für die Steuerung der für die Erweiterung und Sanierung der Staatstheater Stuttgart verantwortliche Projektgesellschaft Württembergische Staatstheater ist erwartbar – aber Sie sind ja direkt betroffen, sollte es zu Verzögerungen oder gar mehr kommen…

Fakt ist: Wir haben bereits jetzt Verzögerungen von mehreren Jahren. Das Werkstattgebäude ist dabei nicht zeitkritisch. Der Schlüssel ist das Interim, denn ohne ein funktionsfähiges Interim kann die Sanierung des Opernhauses nicht begonnen werden.

Staatstheater wollen Klarheit in der Kulturpolitik

Das Unangenehmste zum Schluss: Bei neun Millionen Euro Zuschusskürzungen 2026 und 2027 haben Sie bis zu 120 Arbeitsplätze in Frage gestellt. Heißt dies, dass Sie nun – ungeachtet der vollständigen Auszahlung der Landesgelder für dieses Jahr – bereits Gespräche über mindestens 50 Arbeitsplätze führen?

Wir bereiten derzeit verschiedene Lösungsoptionen vor. Entscheidend ist jedoch die kulturpolitische Richtungsentscheidung. Wir hoffen, dass wir nach der Landtagswahl hier schnell Klarheit erhalten. Die Beschäftigten der Staatstheater haben langfristige, überwiegend unbefristete Arbeitsverträge. Allein über demografische Effekte lässt sich eine Einsparung dieser Größenordnung kurzfristig sicherlich nicht realisieren. Real bedeutete eine Kürzung von 9,2 Millionen Euro einen Personalabbau um etwa zehn Prozent.