Staunen ist Überraschung. Etwas Unerwartetes ist an die Stelle des Selbstverständlichen getreten; wir fragen neugierig: warum? Für Platon stand das Staunen am Anfang der Philosophie. Bei dem Motto „Staunen“, das die Stuttgarter Philharmoniker 2025/26 ihrer großen Konzertreihe gegeben haben, gilt die Neugier aber einem allzu weiten Feld – zumindest aus der Sicht derjenigen, die sich bei großen Meisterwerken der Orchesterliteratur ohnehin stets fragen, wie man solche Klänge bloß erfinden konnte. So konnte man am Samstagabend im Beethovensaal über die anhaltend überwältigende Wirkung von Wagners „Tristan und Isolde“ staunen – zu hören waren das Vorspiel und Isoldes Liebestod. Staunen konnte man auch über die geniale Konstruktion von Paul Hindemiths „Mathis“-Sinfonie.
Mal sehr langsam, mal zu schnell
Über Mozarts A-Dur-Klavierkonzert (KV 488) hätte man auch gern gestaunt, doch die russische Pianistin Polina Osetinskaya hat nicht dafür gesorgt. Das lag zum einen an der mangelnden Präzision ihres Dialogs mit dem Orchester: Vor allem der Mittelsatz, eine von wiegendem Siciliano-Rhythmus getragene Moll-Gegenwelt, hätte ein intensiveres gemeinsames Proben gebraucht. Außerdem ließ das sehr langsame Tempo der Solistin hier allen Gesang und allen Zauber zerfallen, und die Momente, in denen die Bläser auf magische Weise ins Gespräch mit dem singenden Flügel eintreten, sind schlicht verpufft. Das folgende Finale nahm Osetinskaya im Gegenzug so rasch, dass dem Solo-Fagottisten ein besonderes Lob auszusprechen ist. Im Gegensatz zu ihm hat die Pianistin hier wie schon im ersten Satz nicht alle Noten genau getroffen. Und: So wenig Vertiefung und Verinnerlichung wie an diesem Abend erfährt Mozart nicht eben häufig. Das liegt auch am Dirigenten. Andrey Boreykos Stärke liegt nicht in Glut und Feuer. Sondern in der strukturierenden Durchdringung. So wurde die „Mathis“-Sinfonie zum Höhepunkt des Programms. Für einen zwingenden Brückenschlag sorgte Granville Bantocks opulentes Arrangement von Bachs Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ – auch Hindemiths klingendem Matthias-Grünewald-Triptychon liegt ein Choral zugrunde. Boreyko machte die ausgefeilte Kontrapunktik des Stücks hörbar und stellte im Schlusssatz die Kontraste zwischen Göttlichem und Dämonischem klar gegeneinander – großartig!
Ein künstlerischer Leiter fehlt immer noch
Das Erstaunlichste von allem: 2023 haben die Philharmoniker letztmals unter einem Chefdirigenten musiziert, seit 2024 haben sie offiziell keinen künstlerischen Leiter mehr, 2026 suchen sie immer noch. Das ist zu lang – aus künstlerischer Sicht (das Orchester bräuchte dringend wieder eine klangformende Handschrift) ebenso wie aus der Sicht eines in Zeiten finanzieller Engpässe besonders wichtigen Marketings (ein prominenter Kopf sorgt für Profil). Wir hoffen neugierig, in dieser Sache bald über eine überraschende Personalie staunen zu dürfen.