Liebe Leserin, lieber Leser,

wir müssen diese Woche mit den Folgen eines schweren
Unglücks beginnen. Gegen 15.40 Uhr am Freitagnachmittag rammte eine Rangierlok der
Hafenbahn am Bahnübergang an der Nippoldstraße in Wilhelmsburg einen Bus der
Hochbahn.

Eine junge Frau verstarb noch am Unfallort, sie war erst
19 Jahre alt. Sechs weitere Menschen wurden verletzt, zwei davon schwer,
darunter der Fahrer des HVV-Busses. Die Polizei brachte einen 3D-Scanner zum
Tatort. Damit wird die Unfallstelle genau vermessen. Bis man mehr zum
Unfallhergang sagen könne, werde es mindestens einige Tage dauern.

Was über
die Sicherung des Bahnübergangs bekannt ist, klingt allerdings bitter vertraut.
Dort gibt es bislang keine Schranken. Der Bahnübergang ist nicht einmal bei
Google Maps verzeichnet. Auch war es offenbar bereits das dritte Mal, dass es
an der Stelle krachte. Erst im Juli 2025 war dort zuletzt ein Zug mit einem
Lastwagen zusammengeprallt, es gab zwei Verletzte.

Eine ähnliche
Vorgeschichte hatte der Zusammenstoß eines ICE mit einem Sattelschlepper im Februar 2025 (Z+) am
Stadtrand bei Rönneburg, bei dem der bekannte Historiker Thomas Großbölting (Z+) starb. Oder
ein illegales Autorennen auf dem Schiffbeker Weg in Billstedt im August 2024, das ein zweijähriges Kind das Leben kostete (Z+). Oder tödliche
Fahrradunfälle an Stellen, an denen andere Menschen bereits verunglückt waren (Z+). Immer hieß
es: Die Gefahr sei doch bekannt gewesen. Immer stellte sich die Frage: Hätte
mehr passieren müssen, bevor es Tote gibt?

Hamburg
verfolgt die „Vision Zero“, das bedeutet, eines Tages soll niemand mehr im
Verkehr der Stadt sterben. Mit einigen der Menschen, die daran arbeiten, konnte
ich in der Vergangenheit sprechen, vom Verkehrspolizisten bis zum Senator. Es
ist wichtig, im Lichte von Tragödien nicht zu vergessen, wie viel Kraft sie für
das Ziel geben.

Ob aber
in Wilhelmsburg nach den vorherigen Kollisionen überhaupt erwogen wurde, den
Übergang besser zu sichern, konnte mir in der Verwaltung gestern noch niemand
beantworten. Da müsse man erst einmal klären, wer zuständig sei, die Polizei,
die Verkehrsbehörde, oder die Hafenbehörde Hamburg Port Authority.

© ZON

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Nicht
jeder Unfall lässt sich verhindern. Die „Vision Zero“ wird
aber ein vager Traum bleiben, solange die Stadt die brenzligen Stellen nicht spätestens
beim ersten schwereren Unfall überprüft – und eingreift, bevor es noch
schlimmer kommt.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag,

Ihr
Christoph Heinemann

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uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de.

WAS HEUTE WICHTIG IST

Obwohl die Fluggesellschaft Ryanair
im Sommer sechs weitere Flugverbindungen streichen will, sieht
die Wirtschaftsbehörde keinen Grund zur Sorge um den Flughafen. Die Kürzungen
seien nicht von größerer Relevanz, der Flughafen werde im Sommer von etwa 55
Airlines angeflogen. Es gehe Ryanair demnach nur um Verhandlungen über die angeblich
zu hohen Gebühren in Hamburg.

© Georg Wendt/​picture alliance/​dpa

Die Gegner des iranischen
Regimes
in Hamburg gehen verstärkt für einen Machtwechsel in Teheran auf
die Straße. Am Wochenende nahmen mehrere Tausend Menschen in der Innenstadt an
einer Demonstration teil. Auf einem Plakat hieß es: „Dies ist die letzte
Schlacht, Pahlavi, der Schah von Iran, kommt“. Die Organisatoren sind
Unterstützer von Reza Pahlavi, dem Sohn des 1979 gestürzten Shahs im Iran, der
sich als Führungsfigur der Opposition präsentiert.  

Die
Zahl der abgeschleppten Autos in Hamburg steigt. Während 2024 noch
30.540 falsch geparkte Fahrzeuge auf einen Abschleppwagen gehoben wurden, waren
es im vergangenen Jahr 33.525 Fahrzeuge. 62,8 Prozent davon wurden auf einen
Verwahrplatz gebracht, die restlichen 37,2 Prozent umgesetzt. Für den
CDU-Politiker Richard Seelmaecker, der die Zahlen beim Senat erfragt hatte, ist
die Statistik ein Beleg für die Vernichtung von Parkplätzen in Hamburg.

In aller Kürze

Nach einer Auseinandersetzung
am Jungfernstieg
sind zwei Männer mit Stichverletzungen in ein Krankenhaus
gebracht worden. Die Hintergründe der Tat sind noch unklar Die Fälle
von neu begonnenem Kirchenasyl in der Nordkirche haben im vergangenen
Jahr abgenommen. In Hamburg waren es nach Angaben der Evangelisch-Lutherischen
Kirche in Norddeutschland 26 Fälle nach 46 Fällen im Jahr 2024 Vor dem
Stadtderby in der Ersten Fußballbundesliga der Herren am Freitag sind
beide Hamburger Klubs sieglos geblieben. Der HSV spielte 0:0 gegen Borussia
Mönchengladbach, der FC St. Pauli verlor mit 2:3 bei Borussia Dortmund

AUS DER HAMBURG-AUSGABE

© Henning Kretschmer/​DIE ZEIT

Jäger und Sammler

In seinem Büro hängt ein
echter Caspar David Friedrich, und auch viele andere Bilder behält er lieber,
als sie zu verkaufen: Die ZEIT-Autorin Miriam Amro hat den Hamburger
Kunsthändler Mathias Hans getroffen. Lesen Sie hier einen Auszug aus ihrem
Porträt.

Eine
Kamera hat den Raffael im Blick, hinten in der Galerie. Eine späht auf den
Michelangelo, eine auf den Rembrandt. Eine filmt, vorn im Büro, Caspar David
Friedrichs Zwei Männer in Betrachtung des Mondes – sein Lieblingsbild,
sagt Mathias Hans später mit einer Beiläufigkeit, als sei es
selbstverständlich, einen Friedrich im Büro hängen zu haben. Er empfängt mit
prüfendem Blick und warmem Händedruck; längst hat er den Gast gesehen, denn
natürlich überwacht er auch den Eingang am Jungfernstieg 34, bei all der Kunst.
Er müsse ja wissen, wer ihn besucht, sagt er, nimmt den Mantel entgegen, die
Assistentin soll doch bitte Kaffee bringen.

Von
seinem Büro aus sieht man die Binnenalster in der Sonne glitzern, aber der
Blick nach draußen verblasst bei dem, was man jetzt vor sich hat: Neben dem
Schreibtisch steht eine Skulptur von Giovanni da Bologna, dem größten Bildhauer
nach Michelangelo. Dann zeigt er auf ein Werk von Victor Pasmore, dem
britischen Reliefkünstler. „Pasmore, kennen Sie den? Wahnsinnskerl!“

Mathias Hans lässt sich in seinen Lederstuhl
fallen. „Rauchen Sie?“, fragt er. Vier Stunden werden wir in seinem Büro
sitzen. Er wird Hegel zitieren und Shakespeare und Franz von Assisi, mit dieser
einnehmenden Art, und von seinen Schätzen und Geheimnissen erzählen, wie ein
Kind, das eine geheime Höhle im Wald gebaut hat. Zwischen dem Füssli – „Kennen
Sie?“ – und dem Friedrich. Das Büro wird sich mit jeder Stunde dichter in Rauch
hüllen; zum Glück sind die Gemälde hinter Glas. Der Rauch wird die Zeit dehnen,
bis man ganz im Qualm verschwunden ist und man nicht mehr weiß, ob man mit ihm
durch ein Geschichtsbuch läuft oder längst in ein Märchen geraten ist.

Fragt man in seinem Umfeld, wird er als einer
der letzten uomini universali bezeichnet, als Universalgenie, das besser
im 17. als im 21. Jahrhundert aufgehoben wäre. Einer, der Bildkompositionen
liest wie andere Bücher. Der sich nicht nur in der Kunst, sondern in Literatur,
Musik und Geschichte mit beeindruckender Sicherheit bewegt. Man könne ihm jedes
Bild geben, sagen sie. Aus jeder Epoche. Er nennt den Künstler, das Sujet, die
Zeit und den Kontext seiner Entstehung, er kenne vermutlich auch das Museum, in
dem es gerade hängt. Aber Mathias Hans wird nicht nur bewundert. Er hat auch
Kritiker. Sein Leben ist längst selbst wie ein Bild, voller Details und
Unschärfen. Wer ist dieser Mann, der Kunstwerke erkennt, bevor andere ihren
Wert begreifen?

Welches Bild sich von Mathias Hans im Laufe des Besuchs
abzeichnet, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de.

DER SATZ

© Jelka Lerche/​ZEIT-Grafik

„Es besteht ja auch mehr Druck, eine zu kleine Wohnung zu
verlassen als eine zu große. Anders gesagt: Ein Kinderzimmer ohne Kind ist kein
Problem, ein Kind ohne Kinderzimmer schon.“

Einerseits
hat der Durchschnittsdeutsche mehr Platz denn je, andererseits herrscht ein
dramatischer Wohnungsmangel mit langen Schlangen von Interessenten bei
Besichtigungsterminen? ZEIT-Redakteur Marcus Rohwetter versucht dieser seltsamen Gleichzeitigkeit auf den Grund zu gehen und
schaut, ob die sich auch in Zukunft noch hält
.

DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN

Die Hamburger Autorin Nefeli Kavouras stellt im Literaturhaus ihren Debütroman Gelb, auch ein schöner Gedanke vor. Sie schreibt über eine Mutter-Tochter-Beziehung in einer Ausnahmesituation: Der Ehemann und Vater stirbt und das über einen langen Zeitraum. Diese Situation wird von beiden sehr unterschiedlich er- und gelebt, und die Geschichte der drei in dieser Ausnahmesituation nimmt eine überraschende Wendung. Die Buchpremiere moderiert der Journalist Tobias Rüther.

Nefeli Kavouras:
„Gelb, auch ein schöner Gedanke“; 10.2., 19.30 Uhr; Literaturhaus, Schwanenwik
38; Tickets, auch für den Livestream, bekommen Sie hier

MEINE STADT

Hafen-Ungetüme im Nebel © Felix Friedrich

HAMBURGER SCHNACK

Morgens im Nachtzug von München nach Hamburg kurz vor
Ankunft am Hauptbahnhof. Reisende unterhalten sich über deutsche Großstädte: „Seien
wir ehrlich, Berlin ist die einzige Weltstadt, die wir haben. Hamburg? Versucht
es. München? Wäre es gern.“

Gehört
von Julia Droop

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