Mit ungeheurer Brutalität hat das Regime im Iran um den obersten Führer Ayatollah Ali Chamenei die jüngste Protestwelle niederschlagen lassen. Durch die Abschaltung des Internets und der Telefonverbindungen am 8. Januar drangen zunächst nur wenige Berichte über Opfer nach draußen. Inzwischen verdichten sich die Hinweise, dass die Zahl der Toten und Verletzten weit höher liegt, als bisher angenommen – und als vom Iran bestätigt.
Chamenei hatte am Samstag in einer Ansprache an die Nation im Fernsehen gesagt, dass seit Beginn der Proteste vor drei Wochen „mehrere Tausend“ Menschen getötet worden seien. Der 86-Jährige gab den Demonstranten selbst die Schuld, bezeichnete sie als „Fußsoldaten der Vereinigten Staaten“ und behauptete, dass „die Randalierer mit aus dem Ausland importierter scharfer Munition bewaffnet waren“.
Die Proteste im Iran hatten Ende Dezember begonnen. Sie entzündeten sich zunächst an der schlechten Wirtschaftslage, weiteten sich dann aber rasch zu einer Massenbewegung gegen die religiöse und politische Führung der Islamischen Republik aus. An vielen Orten weltweit wie oben in London solidarisierten sich Menschen mit den Demonstranten.
Das ist eine ganz neue Dimension der Brutalität.
Amir Parasta, iranisch-deutscher Augenchirurg aus München
Am Sonntag teilte das Regime in Teheran dann erstmals eine konkrete Zahl mit. Nach Angaben eines Regierungsvertreters seien mindestens 5000 Menschen getötet worden. Darunter seien etwa 500 Angehörige der Sicherheitskräfte, sagte er am Sonntag der Nachrichtenagentur Reuters. Er machte „Terroristen und bewaffnete Randalierer“ für die Tötung „unschuldiger Iraner“ verantwortlich.
Wie hoch die Zahl der Opfer wirklich ist, lässt sich unabhängig nicht überprüfen. Die britische „Sunday Times“ veröffentlichte nun unter Berufung auf einen Bericht von Medizinern aus acht großen Augenkliniken und 16 Notaufnahmen im ganzen Land im Iran Zahlen in einer ganz anderen Dimension.
Demnach sollen mindestens 16.500 Demonstranten getötet und 330.000 verletzt worden sein, die meisten davon an zwei Tagen, an denen es regelrechte Massaker gegeben habe. Die meisten Opfer waren demnach vermutlich jünger als 30 Jahre, darunter auch Kinder und schwangere Frauen.
Mehrfach Unruhen im Iran
Die iranische Führung hat in der Vergangenheit wiederholt Unruhen überstanden, darunter Studentenproteste 1999, Proteste nach einer umstrittenen Wahl 2009 und gegen wirtschaftliche Notlagen 2019.
Die bislang schwersten Proteste brachen 2022 aus und standen unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“. Sie hatten sich am Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini entzündet. Die Kurdin war am 16. September 2022 in Polizeigewahrsam unter umstrittenen Umständen gestorben. Die sogenannte Sittenpolizei hatte sie festgenommen, weil sie unangemessen gekleidet gewesen sein soll. (Reuters)
Noch nie in seiner 47-jährigen Geschichte sei das klerikale Regime der Mullahs derart brutal vorgegangen, heißt es in dem Bericht weiter. „Das ist eine ganz neue Dimension der Brutalität“, sagte Professor Amir Parasta, ein iranisch-deutscher Augenchirurg und medizinischer Direktor von Munich MED in München, der Zeitung. Parasta behandelte demnach viele der Verletzten während der „Women, Life, Freedom“-Proteste im Jahr 2022 und half beim Aufbau eines Netzwerks von Ärzten im ganzen Iran, das den aktuellen Bericht erstellt hat.
„Das sind bewusst vorsichtig geschätzte Mindestzahlen“, fügte Parasta hinzu. Viele der Verletzten gehen nicht ins Krankenhaus, weil sie befürchten, von den Sicherheitskräften aus ihren Krankenhausbetten geholt zu werden, wie in einigen der herausgeschmuggelten Videos zu sehen sein soll.
Amir Parasta sitzt im Jahr 2016 im Augenzentrum München-Riem.
© Imago/Michael Westermann
„Im Jahr 2022 haben sie Gummigeschosse und Schrotflinten eingesetzt, die Augen ausgeschossen haben. Dieses Mal verwenden sie militärische Waffen, und wir sehen Schuss- und Splitterwunden an Kopf, Hals und Brust. Ich habe mit Dutzenden von Ärzten vor Ort gesprochen, und sie sind wirklich schockiert und weinen“, fügte Parasta hinzu. „Das sind Chirurgen, die Krieg gesehen haben.“
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„Was geht in den Köpfen der Mächtigen vor, dass sie so mit ihrem eigenen Volk umgehen? Was geht in den Köpfen der Schergen vor, unbewaffnete Zivilisten mit Kriegswaffen niederzumähen? Wenn ich einen Wunsch für die Täter freihätte: Dass ihnen die Ermordeten und Erblindeten jede einzelne Nacht in ihren Träumen begegnen.
Wenn die genannten Zahlen stimmen – 330.000 Verletzte – ist das Verbrechen zu monströs, als dass sich das Regime noch sehr lange an der Macht halten kann. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Verantwortlichen damit nicht davonkommen und früher oder später vor Gericht stehen werden.“
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Die Ärzte kommunizierten dem Bericht zufolge über Starlink – der Satellitentechnologie von Elon Musks SpaceX, die es Menschen ermöglicht, über Terminals auf das Internet zuzugreifen und dabei die herkömmliche Internetinfrastruktur zu umgehen.
Starlink-Terminals wurden ins Land geschmuggelt und sind seit dem Zeitpunkt, als das Internet abgeschaltet wurde, die einzige Möglichkeit zur Kommunikation. Aktivisten haben demnach etwa 50.000 bis 60.000 Terminals in den Iran gebracht. Die Nutzung ist aber extrem gefährlich, da Einheiten der gefürchteten Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) nach den Geräten suchen – auch mit Drohnen.
Die Zeitung zitierte eine Person, die aus dem Iran geflohen ist. „Sagen Sie der ganzen Welt, dass sie am Freitag alle beschossen haben. Die IRGC-Kräfte versuchten ganz ruhig, auf die Köpfe der Menschen zu zielen.“ Eine andere Person sagte demnach: „Scharfschützen auf den Dächern schossen den Menschen in den Hinterkopf. Wir gingen gerade spazieren, als plötzlich mehrere Menschen neben uns blutüberströmt zu Boden fielen. Als wir zu ihnen wollten, um die Leichen wegzutragen, eröffneten sie das Feuer auf uns.“
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Die Aussagen spiegeln dem Bericht zufolge die Szenen in den drastischen Videos wider, die in den vergangenen Tagen aus dem Iran aufgetaucht sind, sowie Sprachaufzeichnungen und Beschreibungen einiger Zeugen, die die Grenze zur Türkei überquert haben.
Sie berichten demnach von IRGC-Kräften und ihrer Miliz auf Motorrädern, die mit scharfer Munition aus Kalaschnikows und sogar mit auf Pick-ups montierten Maschinengewehren Menschen niedergemäht haben sollen.
8000
Menschen im Iran könnten durch Beschuss erblindet sein.
Mindestens 700 bis 1000 Menschen sollen bei den Attacken ein Auge verloren haben. Allein eine Augenklinik in Teheran, die Noor-Klinik, habe 7000 Augenverletzungen dokumentiert. „Es gibt so viele Schussverletzungen am Auge, dass wir nicht wissen, wen wir zuerst behandeln sollen“, sagte ein Augenarzt.
Eine andere Person, die in der vergangenen Woche aus dem Land flüchten konnte, sagte der Zeitung: „Mein Bruder arbeitet in der Noor-Klinik. Er sagte, dass es in nur einer Nacht und allein in Teheran mehr als 800 Fälle von Augenentfernungen nach Schrotflintenbeschuss gab. Mein Bruder sagte auch, dass die Zahlen aufgrund seiner Gespräche mit anderen Ärzten in Krankenhäusern in anderen Städten extrem hoch sind und möglicherweise mehr als 8000 Menschen im ganzen Land durch Beschuss mit Schrotflinten erblindet sind.“
Regime im Iran verbot Bluttransfusionen
Viele Menschen sollen zudem gestorben sein, weil es nicht ausreichend Blut gab, heißt es weiter. Obwohl das medizinische Personal in mehreren Krankenhäusern selbst Blut spendete, um Patienten am Leben zu erhalten, verweigerten die Sicherheitskräfte demnach in einigen Fällen Bluttransfusionen. „Wir kämpfen stundenlang um Leben, nur um dann Patienten zu verlieren, weil ihnen keine Bluttransfusionen erlaubt werden“, sagte ein Chirurg in Teheran.
„Das ist Völkermord unter dem Deckmantel der digitalen Dunkelheit“, sagte Parasta. „Sie sagten, sie würden töten, bis dies aufhört, und genau das tun sie auch.“
Der geistliche Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, ist bei einem Auftritt im Juli 2025 zu sehen.
© dpa/AP/Office of the Iranian Supreme Leader
Daran ließ auch Chamenei am Wochenende keinen Zweifel. Im TV sagte er: „Mit Gottes Gnade muss die iranische Nation den Aufrührern das Rückgrat brechen, so wie sie dem Aufruhr das Rückgrat gebrochen hat“, sagte er in seiner Rede.
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„Wir haben nicht vor, das Land in einen Krieg zu führen, aber wir werden einheimische Verbrecher nicht verschonen“, fügte Chamenei hinzu. Noch schlimmer als einheimische Verbrecher seien internationale Verbrecher. „Auch sie werden wir nicht verschonen“, warnte der Ayatollah.