Seit einigen Monaten zeigen die Haushaltskürzungen an den Berliner Hochschulen konkrete Folgen. Fachgebiete und Professuren fallen in beeindruckender Geschwindigkeit dem Rotstift zum Opfer, Leistungen und Personal werden abgebaut.
Dabei geraten auch Themen wie Vielfalt, Chancengerechtigkeit und Diversität an den Hochschulen unter Druck. In diesen Zeiten des ökonomischen Abschwungs nimmt laut der Robert-Bosch-Stiftung die Akzeptanz von Diversität in der deutschen Gesellschaft deutlich ab.

Barış Ünal ist Leiter der Allgemeinen Studienberatung sowie Flüchtlingsbeauftragter der Technischen Universität Berlin und Kolumnist des Tagesspiegels. Ünal hat an der Freien Universität Berlin Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Islamwissenschaft studiert.
Auch die Leopoldina sieht diese Bereiche als „Nebenzwecke“. Ihre Priorisierung im Wissenschaftsbetrieb führe zu Regularien, Berichtspflichten und Kontrollstrukturen, heißt es in einem Diskussionsbeitrag – und letztlich schnurstracks zur Delegitimierung der Wissenschaft in der Öffentlichkeit. Diese solle sich an gesellschaftlichen Herausforderungen beteiligen, aber nur in den „Kernaufgaben“, also Forschung und Lehre.
Gerechtigkeit, Teilhabe und Vielfalt sind Voraussetzungen dafür, dass Hochschulen ihre Kernaufgaben überhaupt erfüllen können.
Das mag als Beitrag zur Entbürokratisierung von einem altehrwürdigen Gelehrtengremium mit einer gewissen Sehnsucht nach der guten alten Zeit ohne Gendersterne und Antidiskriminierungsbeauftragte nicht verwundern. Es wäre aber fatal, auf halber Strecke die Bemühungen für Chancengleichheit und Vielfalt als unnötiges Gedöns abzutun.
Es gibt noch zu viel Ungerechtigkeit
Denn die Entscheidung für ein Studium hängt heute wieder verstärkt von Geldbeutel und Stammbaum der Eltern ab. Wer ohne Normkörper studiert, verzweifelt weiterhin an mangelhafter Barrierefreiheit. Machtmissbrauch und Diskriminierung werden auch an Hochschulen inzwischen offen benannt; der mühsame Aufbau von Strukturen und Verfahren, um ihnen zu begegnen, hat gerade erst begonnen.
Veranstaltung zum Thema
Zu der Frage der gefährdeten Diversität veranstaltet die Universität der Künste am Montag, dem 19. Januar, um 16 Uhr eine Panel-Diskussion. Die Gleichstellungs- und Diversitätsbeauftragten diskutieren, darunter auch der Autor. Konzertsaal der UdK Berlin, Hardenbergstr. / Ecke Fasanenstraße, Eintritt frei.
Internationale Studierende kämpfen mit bürokratischen Hürden, Geflüchtete mit aufenthaltsrechtlichen Unwägbarkeiten, starre Studienstrukturen treffen auf Menschen mit Care-Aufgaben, Erstakademiker*innen mit impliziten Erwartungen, die nirgends stehen und doch überall gelten.
Mehr Folgen der KolumneVegetarisch essen als guter Vorsatz Wer Fleisch öfter weglässt, rettet ein wenig die Welt Was die Berliner Wissenschaft erwartet Der Kraftakt der Kürzungen zehrt – und 2026 wird nicht leichter Causa Sophie von der Tann Guter Journalismus lernt aus der Geschichte
All dies verschwindet nicht, wenn Diversität zur verzichtbaren Zutat deklariert wird. Gerechtigkeit, Teilhabe und Vielfalt sind Voraussetzungen dafür, dass Hochschulen ihre Kernaufgaben überhaupt erfüllen können. Als Orte, an denen gesellschaftliche Realität abgebildet und reflektiert wird, können sie sich dieser Verantwortung nicht entziehen. Die Frage ist nicht, ob wir uns Diversität leisten können, sondern was es uns kostet, so zu tun, als bräuchten wir sie nicht.